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Klimawandel:Experten fordern 80 Prozent weniger CO2-Emissionen

Sogar der US-Forschungsrat hält Reduzierungen des CO2-Ausstoßes für dringend notwendig. Deutsche Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Trotzdem ist das Klimagesetz in den USA erstmal vom Tisch.

Barack Obamas Klimaschutzgesetz für die USA ist vom Tisch - vorerst. Wie fatal das Scheitern dieses ambitionierten Projekts tatsächlich ist, machen Studien deutlich, die kurz vor und nach der Entscheidung der Demokraten, den so genannten American Power Act nicht im Kongress abstimmen zu lassen, veröffentlicht wurden.

Kohlendioxid-Emissionen

Da der Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre größer ist als die Aufnahmekapazität der so genannten Kohlendioxid-Senken (z.B. Ozeane), ist eine Verringerung von mehr als 80 Prozent der Emissionen (grüne Linie oben) notwendig, um die Konzentrationen des Treibhausgases in der Atmosphäre zu stabilisieren (grüne Linie unten). Die untere Grafik zeigt die zu erwartenden Kohlendioxidkonzentrationen in Abhängigkeit von den Emissionen.

(Foto: NRC, National Academy of Sciences)

Dem Entwurf zufolge hätten die USA bis 2020 17 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen sollen als 2005. Und bis 2050 hatten sich die beiden veranwortlichen Senatoren John Kerry (Demokraten) und Joe Lieberman (unabhängig) eine Verringerung der Emissionen um mehr als 80 Prozent gewünscht. Doch nachdem der ursprünglich Dritte im Bunde, der republikanische Senator Lindsey Graham, abgesprungen war, sahen die Demokraten keine Chance mehr, das Gesetz gegen den Widerstand der Republikaner durchzusetzen.

So düster, wie es für den Gesetzentwurf aussieht, so finster sind auch die Aussichten für das Klima und große Teile der Menschheit, wenn die USA und andere Nationen sich länger gegen weitreichende Einschnitte bei den Kohlendioxid-Emissionen sperren.

Darauf weist ein Bericht des US National Research Council (Nationaler Forschungsrat, NRC) hin. Noch eindringlicher als schon der UN-Weltklimarat IPCC warnen die Experten vor den möglichen Konsequenzen auf die Wasserversorgung, die Landwirtschaft, den Anstieg des Meeresspiegels und das Risiko von Buschfeuern.

Der Bericht stützt sich auf Daten des IPCC von 2007 und neuere Studien zum Klimawandel. Um Politikern und der Öffentlichkeit anschaulich vor Augen zu führen, womit die Welt zu rechnen hat, haben die Wissenschaftler für jedes Grad, um das die Atmosphäre sich erwärmt, einzelne Szenarien entwickelt.

Demnach führt ein Anstieg der Durchschnittstemperatur um ein Grad Celsius zu einem Rückgang der Niederschläge im Südwesten Nordamerikas, dem Mittelmeerraum und dem Süden Afrikas um fünf bis zehn Prozent. Die Ernteerträge, zum Beispiel von Mais in den USA und Afrika oder Weizen in Indien, würden um fünf bis fünfzehn Prozent sinken.

Ein Anstieg der Temperatur um ein bis zwei Grad könnte zu einer Zunahme der von Buschfeuern vernichteten Fläche in den USA von 200 bis 400 Prozent führen. Eine Erwärmung von drei Grad würde die Überflutung von Küstengebieten und den Verlust von 250.000 Quadratkilometern Land bedeuten und etliche Millionen Menschen bedrohen.

Und ein Anstieg von vier Grad könnte dazu führen, dass in Zukunft neun von zehn Sommern auf dem Festland wärmer ausfallen als der wärmste Sommer der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts.

Für Jahrhunderte in der Atmosphäre

Besonders gravierend ist dem Bericht zufolge die Tatsache, dass Kohlendioxid, das schon in die Atmosphäre gelangt ist, sich für Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende auswirken wird. Das geht insbesondere aus neueren Studien hervor, die vom Weltklimarat IPCC noch nicht berücksichtig werden konnten.

Wie die Wissenschaftler warnen, könnte zum Beispiel ein Anstieg der Konzentration des Gases von gegenwärtig etwa 390 ppmv (parts per million volume) auf 550 ppmv zu einem anfänglichen Temperaturanstieg um 1,6 Grad führen. Doch "selbst wenn die Konzentration sich auf diesem Niveau stabilisiert, könnte die Erwärmung in den folgenden Dekaden und Jahrhunderten weiter steigen bis zu [...] drei Grad".

Dies hängt unter anderem mit der riesigen Menge des Gases zusammen, das bereits ausgestoßen wurde. So genannte Kohlendioxid-Senken wie die Ozeane, die Gas aus der Atmosphäre binden, reichen nicht mehr aus, um die Zunahme auszugleichen. Die Forscher vergleichen den Effekt mit dem steigenden Wasserspiegel in einer Badewanne, in die mehr Wasser hineinfließt als abläuft.

Eine deutliche Verringerung des Ausstoßes um mehr als 80 Prozent, wie es die Senatoren Kerry und Lieberman fordern, wäre deshalb notwendig, um tatsächlich eine Stabilisierung der Kohlendioxidkonzentration für die nächsten Jahrhunderte zu erreichen.

"Die Verlässlichkeit [dieses Berichts] ist größer als wir es zuvor gesehen haben", erklärte Steve Cohen vom Earth Institute der Columbia University in New York City dem Nachrichtenportal des britischen Fachmagazins Nature. Ähnlich äußerte sich Jay Gulledge vom Pew Center on Global Climate Change in Arlington, Virginia. "Die Wissenschaft ist erstklassig." Der Bericht mache deutlich, dass derzeitige Emissionen einen Dominoeffekt haben, der für Jahrhunderte und darüber hinaus wirkt. "Das ist etwas, das viele Politiker noch immer nicht begriffen haben."

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