Erderwärmung:Reserven von Öl, Gas und Kohle könnten Klimaziele sprengen

Lesezeit: 2 min

Erderwärmung: Abgebaute Kohle im US-Bundesstaat West Virginia.

Abgebaute Kohle im US-Bundesstaat West Virginia.

(Foto: David Goldman/AP)

Ein globales Register zeigt, wie verheerend es wäre, allein die bekannten Lagerstätten fossiler Rohstoffe auszubeuten. Einige Staaten stechen besonders hervor.

Von Christoph von Eichhorn

Es ist einer der größten blinden Flecken der internationalen Klimapolitik: Die Erderwärmung ist zum überwiegenden Teil auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückzuführen. Doch die nationalen Klimaziele der Staaten konzentrieren sich vor allem darauf, den Verbrauch dieser Stoffe und somit die Emissionen zu senken. Die Angebotsseite hingegen, also wie viel Erdöl, Erdgas und Kohle überhaupt erstmal gefördert wird, ist etwa im Pariser Klimavertrag kein Thema. So können Staaten immer weitere Einsparziele verkünden, während sie zugleich munter neue Förderlizenzen erteilen.

Wie groß dieser Widerspruch ist, zeigt nun eine neue Datenbank, die Ölfelder, Gasvorkommen und Kohlelagerstätten weltweit dokumentiert. Eine Auswertung dieser Daten zeigt: Würde man alle bekannten Reserven fossiler Brennstoffe fördern und schließlich auch verbrennen, würde das 3,5 Billionen Tonnen CO₂ freisetzen. Das ist mehr, als die Menschheit seit Beginn der Industrialisierung in die Atmosphäre gepustet hat und entspricht etwa dem Siebenfachen des verbliebenen Treibhausgasbudgets, das eingehalten werden muss, um die Erderwärmung auf ungefähr 1,5 Grad Celsius zu begrenzen - so wie im Pariser Vertrag vorgesehen.

Hinter der "Global Registry of Fossil Fuels" genannten Datenbank stehen die Organisationen Carbon Tracker Initiative und Global Energy Monitor, die Produktionsvolumen und geschätzte Reserven von 50 000 fossilen Lagerstätten weltweit zusammengetragen haben. Damit deckt das Register etwa 75 Prozent der globalen Produktion ab. Reserven sind Rohstoffvorkommen, die bereits geologisch nachgewiesen sind und die ökonomisch und technisch gefördert werden können.

Die Förderung fossiler Rohstoffe müsste massiv heruntergefahren werden

Um die globalen Klimaziele zu sprengen, würde es demnach reichen, nur die bekannten Reserven der USA oder Russlands vollständig auszubeuten und zu verbrennen. Jene der Vereinigten Staaten haben das Potenzial, 577 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freizusetzen, die Reserven Russlands liegen bei knapp 500 Milliarden Tonnen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass all diese Reserven auch tatsächlich gefördert werden. Der Großteil der US-Reserven entfällt beispielsweise auf Kohle. Beim gegenwärtigen Tempo würde es hunderte Jahre dauern, bis diese Kohlevorkommen abgebaut sind. Derzeit sind in den USA Abbauprojekte lediglich im Umfang von 27 Milliarden Tonnen geplant.

In der Summe müsste die Förderung fossiler Rohstoffe dennoch massiv heruntergefahren werden. Um die globalen Klimaziele zu erreichen, wäre es laut einer Analyse der Internationalen Energie-Agentur (IEA) nötig, die Emissionen schon bis Ende diesen Jahrzehnts zu halbieren und sie etwa bis 2050 ganz auf Null zu bringen.

Damit die Welt diesen Pfad der Klimaneutralität einschlägt, müsste beispielsweise Saudi-Arabien 70 Prozent seiner nachgewiesenen Öl- und Gasreserven unter der Erde lassen. Allein das "Ghawar"-Ölfeld auf dem Gebiet Saudi-Arabiens, das größte bekannte Vorkommen der Welt, ist derzeit Ausgangspunkt für rund 500 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr, mehr als ganz Brasilien emittiert. Kanada müsste sogar auf 80 Prozent seiner Reserven verzichten. Die Öl-Reserven des Landes sind vor allem in Teersanden gebunden, deren Klimabilanz besonders verheerend ausfällt.

Auf die Vergabe neuer Förderlizenzen wollen bislang allerdings die wenigsten Länder verzichten. Staaten wie Frankreich, Spanien, Neuseeland und Dänemark, die entsprechende Zielmarken für den Ausstieg aus der Förderung verkündet haben, stellen international die Ausnahme dar. Neue fossile Förderstellen zu erschließen, könne zu einem "Teufelskreis" führen, warnen die Macher des Rohstoffregisters. Durch den Bau der Infrastruktur zur Ausbeutung fossiler Rohstoffe werde die Abhängigkeit von diesen nur weiter erhöht.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusKatastrophen
:"Ob aus einer Naturgefahr eine Katastrophe wird, hängt von uns ab"

Ob Fluten, Brände oder Dürren: Wie schlimm ein Naturereignis wird, hänge vom Menschen ab, sagt die Ökologin Zita Sebesvari. Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge könne Katastrophen verhindern.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB