Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:Der Mensch als Regenmacher

Kein "vielleicht" oder "könnte sein": Die Treibhausgase, die der Mensch in die Atmosphäre geblasen hat, haben zur Zunahme von Überflutungen beigetragen.

Christopher Schrader

Die vom Menschen in die Atmosphäre ausgestoßenen Treibhausgase haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Zunahme von extremen Niederschlägen und Überflutungen beigetragen.

Diesen klaren Satz trauen sich Klimaforscher aus Kanada und Schottland zum ersten Mal auszusprechen.

Bisher haben sie und ihre Kollegen ihre Aussagen in die Zukunft gerichtet, in Konjunktive gekleidet oder Wahrscheinlichkeiten und Statistiken bemüht - nun präsentieren sie ihr Ergebnis im Indikativ als historisches Faktum.

Zwischen 1951 und 1999 ist es für Orte auf der Nordhalbkugel immer wahrscheinlicher geworden, dass sie in Fluten versinken; die Wissenschaftler beziffern diese "substantielle Zunahme" mit sieben Prozent. Mit natürlichen Variationen sei das nicht mehr zu erklären, sagt Francis Zwiers von der University of Victoria auf Vancouver Island (Nature, Bd.470, S.378, 2011).

Der Effekt betrifft auch und gerade die Industrieländer, deren Abgase die Erwärmung maßgeblich ausgelöst haben. Eine starke Zunahme von extremen Niederschlägen in einer Fünf-Tage-Periode verzeichneten demnach zum Beispiel der Westen Deutschlands, die Benelux-Staaten, Ostfrankreich und Teile von Norditalien.

Auch große Teile der USA sind betroffen, ebenso wie Russland und Teile von Indien und China. Unterstützung bekommen die Forscher um Zwiers von Kollegen um Myles Allen aus Oxford. Sie haben die bisher stärksten Überschwemmungen in Großbritannien als Modellfall untersucht (auch in Nature).

Im Herbst 2000 war in England und Wales ein halber Meter Regen gefallen; mehr als 700 Orte standen unter Wasser. Zur Einordnung dieses einzelnen Extremereignisses müssen die Forscher allerdings wieder auf eine statistische Angabe zurückgreifen: Die globale Erwärmung habe diese Überschwemmungen doppelt so wahrscheinlich gemacht, sagt Allen.

Beide Forschergruppen standen vor dem Problem, die eingetretene Realität mit einer Fiktion vergleichen zu müssen, in der keine Treibhausgase die Atmosphäre aufgeheizt haben. Das geht nur mit Klimasimulationen, in denen man den Einfluss von Kohlendioxid und anderen Stoffen per Maus-Klick ausschalten kann.

Die Gruppe um den Oxford-Forscher hat für beide Fälle tausende Kalkulationen erstellen lassen. Privatleute hatten dafür Rechenzeit auf ihren sonst unterbeschäftigten Heimcomputern bereitgestellt.

Zwiers und seine Kollegen haben die Messdaten schwerer Regenfälle mit 140 Modellläufen verglichen, die für ihre 49-Jahres-Frist Niederschlagsextreme ausgeworfen haben - mal mit und mal ohne den Einfluss der vom Menschen ausgestoßenen Treibhausgase.

Für Deutschland hatte jüngst der Deutsche Wetterdienst davor gewarnt, dass extreme Niederschläge ab dem Jahr 2040 deutlich zunähmen.

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Quelle:
SZ vom 18.02.2011
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