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Klimawandel:Der erhitzte Kontinent

Ein Klima-Atlas der Universität Frankfurt zeigt, dass sich Europa in den vergangenen hundert Jahren stärker erwärmt hat als der Rest der Welt. Es gibt allerdings große regionale Unterschiede.

Axel Bojanowski

Durch den Klimawandel hat sich Europa durchschnittlich stärker erwärmt als der Rest der Welt. Besonders stark sind die Sommer-Temperaturen in Südfrankreich und in der Alpenregion gestiegen.

Meteorologin auf dem Extremwetter-Kongress. Das Klima innerhalb Europas hat sich ganz unterschiedlich entwickelt.

(Foto: Foto: dpa)

Dort war es Ende des 20. Jahrhunderts im Durchschnitt um zwei Grad wärmer als in dessen Mitte. Lediglich am Schwarzen Meer und um Schottland herum kühlte sich das Klima ab, wie ein neuer Klima-Atlas zeigt.

Der Meteorologe Christian Schönwiese von der Universität Frankfurt hat das Werk am Mittwoch auf dem Extremwetter-Kongress in Hamburg vorgestellt.

Für das aufwändige Wetter-Tagebuch hat Schönwiese viele tausend Messungen von Temperatur und Niederschlag von 647 Wetterstationen aus den Jahren 1951 bis 2000 ausgewertet.

Aus dieser langjährigen Statistik des Wetters ergibt sich der Klimatrend. Auf 250 farbigen Landkarten lässt sich der Wandel für jede Region des Kontinents nachvollziehen. Der Atlas offenbart, dass sich das Klima innerhalb Europas ganz unterschiedlich entwickelt hat. Selbst in benachbarten Landkreisen gibt es mitunter unterschiedliche Tendenzen.

In Skandinavien zum Beispiel lag die Winter-Temperatur am Ende des vergangenen Jahrhunderts um drei Grad höher als in dessen Mitte. Die gesamte Ostseeregion hat sich im Jahresmittel um rund ein Grad erwärmt; auf der südlichen Ostsee treiben darum mittlerweile deutlich weniger Eisschollen.

Deutschland hat sich seit 1951 um rund ein Grad erwärmt, der Süden etwas stärker als der Norden. Der Trend zur Wärme führe dazu, dass vermehrt Extrem-Hitze-Sommer aufträten, erläutert Schönwiese.

Die Aussage, das Klima in Europa sei generell extremer geworden, lasse sich allerdings nicht halten, sagt der Meteorologe. Während mancherorts Starkregen-Schauer zugenommen hätten, gebe es anderswo mehr Dauerregen.

"Den einen Klimatrend gibt es nicht"

Niederschlag hat sich zudem in Sommer und Winter unterschiedlich entwickelt. "Der Klima-Atlas offenbart, dass es nicht den einen Klimatrend gibt", resümiert der Münchner Meteorologe Michael Sachweh.

Im Winter war Europa demnach in Nord und Süd geteilt. Südlich einer Linie von den Pyrenäen und Alpen nach Moskau ist es im Winter deutlich trockener geworden, nördlich der Linie ist mehr Regen gefallen. In Norditalien habe es im Winter zuletzt nicht mal mehr halb so viel Regen gegeben wie Mitte des 20. Jahrhunderts, berichtet Schönwiese. In Süddeutschland hingegen haben die Regenfälle im Winter zugenommen.

Im Sommer hingegen gab es in Ost und West einen unterschiedlichen Verlauf: Im Westen, also auch in Deutschland, habe es Ende des 20. Jahrhunderts etwa ein Fünftel Prozent weniger Regen gegeben als in der Mitte des Jahrhunderts. In Spanien sei zuletzt kaum noch halb so viel Regen gefallen, hat Schönwiese ermittelt.

Auch in anderen Mittelmeer-Regionen bleibt es im Sommer häufig trocken. Allerdings sei aufgrund der ohnehin geringen Regenmengen kein Trend feststellbar, berichtet Schönwiese. In Osteuropa konnten sich die Landwirte hingegen über vermehrten Sommerregen freuen. Schwarzmeer-Urlauber jedoch dürften sich über die Entwicklung eher geärgert haben.

Die Erwärmung Europas sei wahrscheinlich auf die weltweite Klimaänderung zurückzuführen, sagt Schönwiese vorsichtig. Sie werde wesentlich von Kohlendioxid aus Industrie- und Verkehrs-Abgasen angetrieben. Gleichwohl sei der Einfluss insbesondere für Mitteleuropa schwer nachweisbar. Schlüssig erscheint den Klimaforschern, dass der globale Temperaturanstieg die weltumspannenden Gürtel der Luftzirkulation im Sommer nach Norden verschiebt. Im Gefolge gelangte Südeuropa daher vermehrt unter den Einfluss subtropischer Hochdruckgebiete.

Warum jedoch in Mittel- und Westeuropa im Sommer vermehrt regenarme Hochdruck-Witterung auftrat, lasse sich mit der allgemeinen Erwärmung nur schwer erklären, gibt Schönwiese zu bedenken. Der für das Wetter charakteristische Wechsel aus Hoch- und Tiefdruck-Gebieten blieb jedenfalls trotz Klimawandel erhalten.

© SZ vom 27.03.2008/mcs
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