bedeckt München 21°

Klimakolumne:Darwins Erbe in der Klimakrise

Der Opuntien-Grundfink (Geospiza conirostris) zählt zu den Darwinfinken und lebt auf der Galapagos-Insel Española.

(Foto: S. Taylor)

Arten, die nur lokal vorkommen, sind durch den Klimawandel besonders stark vom Aussterben bedroht, vor allem auf Inseln und in den Bergen. Das zeigt einmal mehr, wie eng Klima- und Biodiversitätskrise zusammenhängen.

Von Christoph von Eichhorn

Waren Sie schon einmal auf den Galapagosinseln? Ich war noch nie dort und habe vielleicht nie die Gelegenheit dazu, bin jedoch sehr froh darüber, dass vor rund zwei Jahrhunderten ein später berühmter Naturforscher den Archipel im Pazifik betrat. 1835 landete Charles Darwin mit der Beagle auf der Inselgruppe vor Südamerika. Ihm fiel dort sehr schnell "eine äußerst eigentümliche Gruppe von Finken" auf. Von Insel zu Insel hatten diese Vögel unterschiedlich geformte Schnäbel, was Darwin stutzig machte. Es schien ihm, als ob "auf diesem Archipel eine Spezies hergenommen und zu verschiedenen Zwecken modifiziert worden sei".

Wie Darwin korrekt ableitete, waren die Schnäbel der Vögel perfekt an das Nahrungsangebot auf ihrer jeweiligen Heimatinsel angepasst. Die Beobachtungen zu den "Darwinfinken" lieferten die Initialzündung für Darwins Evolutionstheorie und die Erkenntnis, dass sich viele Arten aus einer Grundform heraus entwickeln.

Die Frage ist, ob Darwin diese Schlüsse noch ziehen könnte, wenn er erst im Jahr 2135 auf Galapagos an Land ginge - und das hat viel mit dem Klimawandel zu tun. Wie eine an diesem Freitag in Biological Conservation erschienene Studie zeigt, sind insbesondere endemische Arten wie die Darwinfinken - also solche, die nur an einem bestimmten Ort auf der Welt vorkommen - durch die Erderwärmung vom Aussterben bedroht. Das Forscherteam um Stella Manes von der Universität Rio de Janeiro schätzt, dass das Risiko für das Aussterben endemischer Arten um mehr als das Zehnfache steigt, wenn die im Pariser Abkommen festgelegten Klimaziele (Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 bis maximal zwei Grad Celsius), verfehlt würden. Aktuell steuert die Welt eher auf eine Erwärmung von drei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu. Bei diesem Wert hätten 34 Prozent der auf dem Land lebenden und 46 Prozent der im Meer lebenden endemischen Arten ein "hohes Risiko", auszusterben. Auf Bergen steigt dieser Wert auf 84 Prozent, auf Inseln sogar auf 100 Prozent.

Das mag zunächst unlogisch klingen. Schließlich zählen gerade Archipele wie die Galapagosinseln zu den artenreichsten Flecken der Erde, sie sind Bollwerke der Biodiversität. Das kommt aber nur zustande, weil dort heimische Arten recht kleine ökologische Nischen besetzen und sich sehr gut an die jeweilige Umwelt angepasst haben. Ändern sich die Umweltbedingungen sehr rasch - was durch die Erderwärmung der Fall ist - wird die Spezialisierung zum Fluch. Auf einer Insel können viele Tiere eben nicht in höhere Breitengrade ausweichen, wenn es zu heiß wird, oder auf andere Nahrungsquellen umsteigen, wenn die heimischen versiegen. Es geht jedoch nicht nur um exotische Weltregionen: Sehr viele endemische Arten leben etwa im Mittelmeerraum.

Arbeiten wie diese sind Belege dafür, wie sehr alles mit allem zusammenhängt. Man sollte Arten- und Klimaschutz nicht gegeneinander ausspielen, es handelt sich um Zwillingskrisen, die nur gemeinsam lösbar sind. Dass es manchmal gar nicht so schwer ist, das eine mit dem anderen zu vereinen, zeigt dieses Interview, das meine Kollegin Tina Baier kürzlich mit einem Experten für Windenergie und Vogelschutz geführt hat.

Auch die Studie des Teams um Stella Manes macht etwas Hoffnung: Gelingt es, die Erderwärmung tatsächlich auf 1,5 Grad zu begrenzen, wären nur noch zwei Prozent der endemischen Arten vom Aussterben bedroht. Wir haben also großen Einfluss darauf, wie es mit der Evolution auf dem Planeten weitergeht.

Was Darwin wohl dazu gesagt hätte?

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

© SZ/weis
Zur SZ-Startseite
Studie zeigt dramatischen Gletscherschwund in den Alpen

SZ PlusKlimawandel
:Rekordtauen in der Schweiz

Der Permafrost in den Schweizer Alpen heizt sich immer schneller auf. Das hat vor allem mit hohen Lufttemperaturen zu tun.

Von Martin Läubli

Lesen Sie mehr zum Thema