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Klimaveränderung:Die Moral des Klimaschutzes

Es gibt keine Gewinner der globalen Erwärmung, aber die großen Verlierer sind die Ärmsten der Armen.

Klaus Töpfer

(SZ vom 29.06.2001) - Hat das Problem der globalen Erwärmung eine moralische Dimension? Während sich die Regierungen auf ihr im Juli in Bonn stattfindendes Treffen vorbereiten, möchte ich Sie bitten, innezuhalten und über die neuesten wissenschaftlichen Befunde des IPCC ("Intergovernmental Panel on Climate Change") nachzudenken.

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Klaus Töpfer, Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Die dramatischen Folgen, die diese Befunde zumal für die ärmeren Teile des Globus, zum Beispiel das subsaharische Afrika, skizzieren, sind eine beklemmende Lektüre: steigende Erkrankungsraten, Malaria auch in Hochländern, Hungersnöte, teilweise ausgelöst durch die Ausbreitung von Wüstengebieten, könnten Rekordhöhen erreichen und die Armutstragödie verschlimmern, die einen großen Teil des afrikanischen Kontinents berührt.

Noch beunruhigender ist, dass die Auswirkungen der globalen Erwärmung durch hundert Jahre Industrieemission des Westens schon jetzt Millionen unserer Mitmenschen, die Ärmsten der Armen, in den Entwicklungsländern ins Elend bringen.

Untersuchungen deuten darauf hin, dass diese Auswirkungen zuerst die Inselstrände wegschwemmen werden. Der vom Land ins Meer gespülte Schlamm und Schutt wird die Küstengewässer trübe machen und verhindern, dass das Sonnenlicht hindurchdringt, und so den Zusammenbruch des Riffs auslösen.

Ich erinnere mich an die Bemerkungen des Präsidenten von Vanuatu beim Gipfel in Rio 1992, als er sagte, er spreche als der Vertreter einer "gefährdeten Art" zu uns. Die Kulturen und Sprachen der Inselbewohner werden schwerlich intakt bleiben und überleben. Die Welt wird ärmer werden ohne sie.

Tatsache ist, dass wir gefährdete Menschen und Kulturen mit weit weniger Leidenschaft betrachten, als wir sie für die Erhaltung bedrohter Tier- und Pflanzenarten an den Tag legen - besonders wenn die betreffenden Nationen klein, nicht besonders mächtig und tausende Kilometer von Washington, London und Berlin entfernt sind.

Kosten der globalen Erwärumg bis 2050: 300 Milliarden Dollar jährlich

Aber nicht nur in den armen Teilen der Welt hat die Klimaveränderung eine moralische Dimension. Die Münchner Rückversicherung hat geschätzt, dass sich die Kosten der globalen Erwärmung durch häufigere und verheerendere Naturkatastrophen bis 2050 auf über 300 Milliarden Dollar jährlich belaufen könnten, falls die Kohlendioxid-Konzentrationen in der Atmosphäre das Zweifache des vorindustriellen Niveaus erreichen.

Von den Regierungen der reichen Länder in Europa, Nordamerika und dem Fernen Osten werden zunehmend unbequeme Entscheidungen verlangt. Die Entscheidung zwischen höheren Ausgaben für Küstenbefestigungen und festere städtische Gebäude oder höheren Ausgaben für einkommensschwache Familien in den Innenstädten.

Aber so muss es nicht kommen. Der Kampf gegen die Gefahren der globalen Erwärmung birgt für die Welt auch Chancen. Moderne Energiesysteme stehen zur Verfügung, von solchen auf der Basis erneuerbarer Energie wie Wind- und Sonnenkraftwerken bis zu hochmodernen, energieeffizienten Kohle- oder Gaskraftwerken.

Einführung neuer Energiequellen beschleunigen

Die Herausforderung besteht darin, ihre Einführung weltweit zu beschleunigen, indem die ihrer weiteren Verbreitung im Wege stehenden finanziellen und institutionellen Barrieren beiseite geräumt werden. Ein vom Weltenergierat in London durchgeführter Überblick über 80 Länder der Welt deutet darauf hin, dass der Umfang neu gebauter oder geplanter saubererer Energieprojekte durch Steigerung der Effizienz der Stromerzeugung dazu beitragen wird, bis 2005 zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid beziehungsweise sechs Prozent der weltweiten Emission zu vermeiden.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) trägt durch ein Energieerschließungsprogramm für das ländliche Afrika ("African Rural Energy Enterprise Development") seinen Teil dazu bei. Über sechs Millionen Dollar werden investiert, um in Ländern wie Mali, Ghana, Botswana, Senegal und Sambia ein Netz von Energieanbietern aufbauen zu helfen, die imstande sind, saubere und erneuerbare Energiesysteme zu liefern.

Vom Stromnetz ausgeschlossen

Von solchen Initiativen brauchen wir viel mehr. Der Nutzen wird über die Debatte zur Klimaveränderung hinausgehen. Viele Teile der sich entwickelnden Welt verfügen heute über keinen elektrischen Strom. In Kenia, wo UNEP seine Zentrale hat, sind nur neun Prozent der Bevölkerung an das elektrische Netz angeschlossen. Gegenwärtig sind Millionen von Menschen in der sich entwickelnden Welt gezwungen, Bäume zu fällen, um Brennmaterial für Kochfeuer zu gewinnen. Dies erhöht die Gefahr von Dürreperioden und trägt zu jener Umweltschädigung bei, die ein Land anfälliger gegen Schlammlawinen, Erdrutsche und andere Naturkatastrophen macht.

Die Luftverschmutzung, zum Teil die Folge unsauberer und ineffizienter Stromerzeugung, tötet Jahr für Jahr schätzungsweise 500000Menschen und ist für Millionen Fälle schwerer Atemwegserkrankungen verantwortlich.

Natürlich können wir nie genug wissen, aber wenn die Menschen nur auf der Basis eines hundertprozentigen Beweises tätig würden, würden wir zu wenig zu spät erreichen.

Wirtschaftliche, umweltpolitische und moralische Gründe

Ich begrüße also durchaus wissenschaftliche Untersuchungen, aber ich vertrete doch nachdrücklich die These, dass die Beweise unterm Strich dafür sprechen, dass die Klimaveränderung Realität ist und dass sie schlimmer werden wird, wenn nicht Maßnahmen ergriffen werden, um die Emissionen weltweit zu drosseln.

Die Argumente dafür sind überwältigend - aus wirtschaftlichen, aus umweltpolitischen und nicht zuletzt aus moralischen Gründen.

Der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer ist Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

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