Klimaskeptiker-Konferenz Viele Fragen sind tatsächlich ungeklärt

Nun ist es nicht so, dass es über die Grundlagen des Klimageschehens nichts mehr zu diskutieren gäbe. Viele Fragen sind ungeklärt, wie etwa die Details der Wolkenbildung. Theoretisch könnte es sogar sein, dass die etablierte Klimaforschung von der Nasa bis zum Alfred-Wegener-Institut, von der Harvard University bis zur chinesischen Akademie der Wissenschaften, von Max-Planck-Instituten bis zur britischen Royal Society, durchweg Unrecht hat.

Tatsächlich gehört es zum wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, im Fall überzeugender neuer Daten frühere Thesen über Bord zu werfen. Theoretisch könnte es also sein, dass Jahrzehnte der Klimaforschung von renommiertesten Instituten bis hin zu Nobelpreisträgern auf einen Irrweg geführt haben, und die Wahrheit über den Klimawandel im Untergeschoss eines Hotels am Münchner Hauptbahnhof enthüllt wird. Aber es braucht schon sehr viel Phantasie, um eine Weltverschwörung niederträchtiger Ökokraten zu vermuten, angetrieben von einem Kartell fördermittelgeiler Wissenschaftler.

So oder so ähnlich sehen es aber viele Leugner des Klimawandels. Eine aus Kanada angereiste Bloggerin vergleicht den Weltklimarat mit einem kriminell gewordenen Jugendlichen.

Ein britischer Blogger extrahiert Indizien unwissenschaftlichen Verhaltens aus E-Mails, die von einem Computer der University of East Anglia gestohlen und auf einer russischen Website veröffentlicht wurden.

Nachdem mehrere Untersuchungskommissionen diesen in Skeptikerkreisen "Climategate" genannten Skandal bereits als Skandälchen entkräftet haben, stellen die Kritiker nun die Unabhängigkeit der Kommissionen infrage.

Schwer erträglich wird es am Morgen des zweiten Konferenztages, als der emeritierte Leipziger Geographie-Professor Werner Kirstein seine Redezeit für pseudosoziologisches Geschwurbel missbraucht. Die Klimadiskussion sei ähnlich wie das Christentum von apokalyptischen Vorstellungen erfüllt.

Mit Angstinstrumenten und Schuldgefühlen werde agiert, der CO2-Emissionshandel sei eine Art Ablasshandel, und das Gutmenschentum stilisiert der ehemalige Fernerkundungsexperte zu einer modernen "Ersatzreligion". "Vielleicht kommt es noch zur Hexenverbrennung", witzelt Kirstein. Derlei Polemik goutiert das Publikum mit zustimmendem Gemurmel.

Deutlich mehr wissenschaftlichen Gehalt liefert der Vortrag eines emeritierten Gletscherforschers aus Innsbruck. Aus Baumring-Analysen schließt Gernot Patzelt: Vor mehreren tausend Jahren waren manche Alpengletscher stärker zurückgeschmolzen als heute, ein Anzeichen natürlicher Klimavariabilität. Doch weiß auch er, dass die Gebirgsgletscher nur einen winzigen Bruchteil der irdischen Eisflächen ausmachen. Unerwähnt lässt er zudem, dass der Gletscherschwund auch in den Alpen wohl noch nie so schnell vonstatten ging wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Auch einige Physiker lieferten interessante Diskussionsansätze, so zum Beispiel der ehemalige Professor für Strömungslehre Horst-Joachim Lüdecke. In historischen Temperaturreihen sucht er nach Autokorrelationen, ähnlich wie es Analysten mit Börsenkursen tun. In dem Bemühen, die Erwärmungskurven der großen Forschungsinstitute wie der Nasa oder der US-Atmosphärenbehörde kleinzurechnen, verschweigt Lüdecke jedoch, was seriöserweise zu diesem Thema gesagt werden müsste: dass es kürzlich eine neue, umfassende und unabhängige Untersuchung aller Temperaturdaten der vergangenen 200 Jahre gab.

Aufgeschreckt von "Climategate" hatte sich eine Gruppe anerkannter Physiker, unter ihnen der Astrophysiker Richard Muller und der diesjährige Nobelpreisträger Saul Perlmutter, darangemacht, die verfügbaren Rohdaten der Vergangenheit von Grund auf zu analysieren. Wohl in der Hoffnung, dass hierdurch der Klimawandel als Phantom entlarvt würde, finanzierte sogar die bekanntermaßen klimakritische amerikanische Koch-Stiftung diese Studie mit 150.000 Dollar.