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Klimaschutz:Plötzlich wird alles gut?

Kohlekraftwerk Mehrum

Einfach ist der Übergang von Kohle zu Windkraft gewiss nicht.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)
  • Nicht nur im Klimasystem, sondern auch im Klimaschutz gibt es "Kipppunkte", die zu schnellen Veränderungen führen.
  • Forscher haben sechs solche Bereiche in der Gesellschaft identifiziert, in denen sich positiver Wandel zu Nachhaltigkeit verselbstständigen könnte.
  • Dazu gehört das Finanzsystem, aber auch Normen und Werte.

Wenn von Kippelementen und Klima die Rede ist, geht es üblicherweise um schlechte Nachrichten: Gletscher, deren Schmelzen sich ab einem gewissen Punkt selbst verstärkt, unaufhaltsam tauender Permafrost, Wälder, die sich ab einem bestimmten Niveau der Zerstörung nicht mehr erholen können. Nun aber haben Wissenschaftler um Ilona Otto vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) untersucht, wie man sich eine andere Sorte Kippelemente im Klimaschutz zunutze machen kann. Die im Fachmagazin PNAS erschienene Arbeit behandelt "soziale Kipppunkte": Mechanismen in der Gesellschaft, die dazu führen, dass ein kleiner Eingriff das ganze System dauerhaft verändert, hin zu einem fundamental klimafreundlicheren Zustand.

Die Autoren nennen historische Beispiele für solche Prozesse. Etwa die Schriften Martin Luthers: Die Ideen einer einzelnen Person, kombiniert mit der Erfindung der Druckerpresse und einer Gesellschaft, die für diese Veränderung bereit war, wandelten die Welt nachhaltig. Oder die schnelle Veränderung moralischer Normen, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Abschaffung des Sklavenhandels im British Empire ermöglichte. Im Klimaschutzbereich könnten die zunächst bescheidenen nationalen Förderansätze wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland ähnliche Wirkung haben: Sie zogen eine andauernde Abwärtsspirale der Kosten für Photovoltaik oder Windkraft nach sich.

Banken und Investoren beginnen bereits, Kapital aus fossilen Energien abzuziehen

"Nichtlinear", nennen Wissenschaftler solche sich selbst verstärkenden Prozesse, wie sie aus dem Klimasystem leider nur zu gut bekannt sind - aber sie sind eben auch im Positiven mächtig. "Nichtlinearität kann man nur mit Nichtlinearität schlagen", sagt dazu Co-Autor Hans Joachim Schellnhuber, ehemaliger Direktor des PIK. Die bereits angestoßenen Kippvorgänge im Erdsystem könne man nur dann eindämmen, wenn man gesellschaftliche Kippvorgänge anstoße.

Um potenzielle Beispiele für solche sozialen Mechanismen im Klimaschutz zu identifizieren, werteten die Wissenschaftler um Ilona Otto die per Online-Befragung erhobenen Vorschläge von 133 Expertinnen und Experten aus. In einem Workshop wählten 17 Fachleute daraus jene Kippelemente aus, denen sie bis 2050 das größte Potenzial attestierten. Schließlich trugen die Autoren Ergebnisse von zu diesen Elementen erschienenen Studien zusammen.

Am Ende standen sechs Bereiche, in denen gesellschaftliche Kippmechanismen grundsätzlich möglich sind oder bereits beobachtet wurden. Die größte Wirkung sehen die Autoren kurzfristig im Finanzbereich: Wenn weltweit Banken und Versicherungen Kapital aus fossiler Energie abziehen würden, wäre der Effekt enorm. Simulationen zeigen demnach, dass nur neun Prozent der Investoren bereits einen Kippmechanismus auslösen könnten, sodass andere folgen würden. Tatsächlich haben bereits große Unternehmen Geld aus der Kohleindustrie abgezogen, manche Versicherungen gewähren keinen Schutz mehr für Kohlekraftwerke. Und der rund eine Billion Euro umfassende norwegische Staatsfonds ist dabei, sich teilweise aus fossilen Energien zurückzuziehen.

Der zweite Bereich, in den das Team um Otto Hoffnungen setzt, ist die Energieproduktion. Eingriffe wie die Förderung von erneuerbaren und ein Ende der Subventionen für fossile Energien können massive Effekte haben. In Großbritannien etwa wurde Kohle in wenigen Jahren fast vom Markt verdrängt, als der 2013 eingeführte CO₂-Mindestpreis Kohlestromerzeugung weniger rentabel machte.

Umwälzungen sind möglich, aber schwer zu planen

Ein weiteres potenzielles Kippelement sehen die Autoren in klimaneutralen Städten; als Beispiel nennen sie etwa die "Transition Town"-Bewegung, 2006 in Großbritannien gestartet, in der heute lokale Klimaprojekte in 41 Ländern organisiert sind. Wenn klimaneutrales Bauen von der Ausnahme zum Standard würde, wären die Veränderungen beträchtlich.

Die verbleibenden drei identifizierten Kippelemente sind etwas "weicher": Sie betreffen das Bildungssystem, das besseres Wissen und Engagement im Klimabereich verbreiten könnte; veränderte Normen und Werte, die Klimaschutz vom Außenseiterhobby zum erwünschten Standardverhalten machen könnten; und schließlich volle Emissionstransparenz, wie sie etwa eine von der Milchersatz-Firma Oatly initiierte Petition für Lebensmittel fordert. Vorausgesetzt, die sozialen Normen "kippen" ebenfalls hin zu Klimaschutz, könnte zum Beispiel eine Deklarationspflicht für CO₂-Emissionen dazu führen, dass Konsumenten sich schnell von klimaschädlichen Produkten abwenden würden - wenn so etwas denn realisierbar wäre.

Wie groß ist die Wirkmacht der Kipp-Elemente?

Experten bewerten die Studie eher zurückhaltend; die Ideen seien noch sehr abstrakt, viele Einflüsse werden außer Acht gelassen. "Der Fokus auf die positive soziale Dynamik beim Klimawandel ist eine gute, neue Entwicklung, sagt Andreas Ernst, Umweltpsychologe von der Universität Kassel. Allerdings kritisiert er, dass die besprochenen Maßnahmen "politische und wirtschaftliche Machtfragen als wesentliche Beharrungsfaktoren" ausblendeten. Tatsächlich kann man sich fragen, wie groß der konkrete Nutzen der Arbeit für die Klimapolitik ist. Schließlich sind solche Umwälzungen zwar möglich, aber schwer planbar. Wer hätte etwa gedacht, dass beim Rauchen ein solches Umdenken stattfinden würde? Als die Rauchverbote in Gasträumen kamen, gab es große Proteste. Aber die Zeit war offenbar reif, heute sind die Verbote weitgehend unumstritten.

Hinzu kommt: Dass manche Ansätze, wie etwa klare Preisanreize im Energiebereich, schnelle gesellschaftlich-wirtschaftliche Veränderungen in Gang bringen können, ist bekannt. Aber oft liegt die größte Schwierigkeit darin, solche Maßnahmen überhaupt einzuführen, wie am deutschen Ringen um Klimapaket und Kohleausstieg zu erkennen ist. So gesehen braucht es zuweilen erst einen massiven Umwälzungsprozess, um den politischen Eingriff zu ermöglichen, der anschließend zur Umwälzung führen soll.

Auch die Forscher um Otto räumen ein, dass die Wirkmacht ihrer Kippelemente beschränkt ist. Zwar könnten etwa Verschiebungen in der öffentlichen Meinung rasant vor sich gehen. Aber solche Trends allein führten selten zu dauerhaften Veränderungen, so die Forscher, wenn sie nicht entsprechend politisch begleitet würden. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler ausgerechnet den deutschen Atomausstieg. Zwar habe es nach dem Unfall von Fukushima 2011 eine schnelle Veränderung in der öffentlichen Meinung gegeben, die man für die Energiewende hätte nutzen können. Aber inzwischen sei der Schwung dahin - "wegen fehlender dauerhafter politischer Unterstützung."

© SZ vom 22.01.2020
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