Ob Amin Nasser schlaflose Nächte hat, wegen all der Rechnungen, die sein Konzern nie bezahlt hat? Immerhin summieren sich diese derzeit auf drei Billionen US-Dollar, und es wird ständig mehr.
Diese Zahl haben Forscher um den Klimaökonomen Marshall Burke von der Universität Stanford kürzlich zusammengetragen. Sie soll beziffern, welchen Schaden am Klima Öl und Gas angerichtet haben, die Saudi Aramco seit 1988 gefördert hat – und Nasser ist eben seit Langem Chef des weltweit größten Fossilkonzerns.
Burke und sein Team vergleichen diese Kosten mit unbezahlten Müllrechnungen. Nur dass es hier um Unrat in der Atmosphäre geht, der Hitzewellen, Dürren, Stürme und andere Wetterextreme verstärkt, den Meeresspiegel steigen lässt, Überschwemmungen verschärft, Ernten mindert und auf viele weitere Weisen Schaden anrichtet.
Bis 2100 könnten die bisherigen Emissionen aus Saudi Aramcos Öl- und Gasfeldern sogar Klimaschäden in Höhe von 64 Billionen US-Dollar anrichten, hat die Gruppe um Burke ausgerechnet – schließlich verbleibt das bereits ausgestoßene CO₂ über Jahrhunderte in der Atmosphäre. Und dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass man am Persischen Golf weiter Öl fördern will und es noch viele andere Konzerne wie Saudi Aramco auf der Welt gibt.
Dass Amin Nasser oder seine Nachfolger sowie die Chefs der anderen Fossilkonzerne ihre astronomischen Müllrechnungen jemals bezahlen werden, ist allerdings fraglich. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig.
Lange Zeit wurden die Kosten des Klimawandels hauptsächlich entlang der Frage diskutiert, welche Schäden der Welt mit steigenden Temperaturen drohen. Wie teuer sind Ernteausfälle? Was kostet der Wiederaufbau nach einem Hurrikan? Diese Schäden verglich man dann mit den mutmaßlichen Kosten etwa für den Ausbau Erneuerbarer, um den globalen Temperaturanstieg zu stoppen. Kernfrage: Lohnt sich das überhaupt?
Wirtschaftlich optimales Erwärmungslevel
Als der Yale-Ökonom William Nordhaus den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und wirtschaftlicher Entwicklung Anfang der 1990er-Jahre erstmals beschrieb, betrat er nach eigenen Worten „Terra incognita“, so wenig war über die Belastungen einer heißeren Welt bekannt. Er vermutete: In einer drei Grad heißeren Welt würde die globale Wirtschaftsleistung wohl ein oder zwei Prozent geringer ausfallen – eine kleine Delle im sonst ungebremsten Wachstum, mehr nicht.
Zwar betonte Nordhaus den wackligen Charakter seiner Berechnungen, doch damit galt es jahrelang international als gesetzt, dass sich schnelle Emissionsminderungen nicht lohnen. Frühe Modellrechnungen von Nordhaus und anderen Wissenschaftlern legten sogar nahe, dass es ein wirtschaftlich „optimales Erwärmungslevel“ zwischen zwei und drei Grad über dem vorindustriellen Niveau gebe. Als mögliche Vorteile sah man etwa mildere Winter mit niedrigerem Heizbedarf, längere Vegetationsperioden und damit Ertragsgewinne in der Landwirtschaft, besonders in hohen Breiten.
Heute, wo die Erderwärmung zeitweise die Marke von 1,5 Grad übersprungen hat und mit dem beginnenden El Niño sogar die 1,7 bevorstehen könnten, sieht man die Lage klarer: Häufig treten Schäden früher ein als angenommen; vom Klimawandel verstärkte Wetterextreme wie Hitzewellen, Starkregen und Brände sind wirtschaftlich relevanter als reine Durchschnittstemperaturen. Im Winter mögen die Heizkosten mancherorts sinken, dafür steigt insgesamt der Kühlbedarf – wer würde im Sommer 2026 daran zweifeln? Allein Hitze dürfte die deutsche Volkswirtschaft bis 2030 jedes Jahr 26 Milliarden Euro kosten, hat kürzlich die Allianz ausgerechnet. Jedes zusätzliche Grad über 30 Grad Celsius schmilzt demnach etwa drei Prozent der Produktivität ab. Und selbst wenn sich die Lage an einigen Orten durch die Erderwärmung verbessern sollte, bedeutet das noch keinen globalen Nettogewinn.
Aber solche Vergleichsrechnungen zwischen einer „Klimakrisenwelt“ und der „Klimastabilwelt“ bleiben schief, solange sie den entscheidenden Faktor außer Acht lassen: die fossilen Treibstoffe und das fossile System, das die Schäden verursacht. Dass dieses System nicht gerade billig oder zuverlässig ist, hat gerade erst der Krieg der USA und Israels gegen Iran gezeigt, der laut IEA die „schlimmste Energiekrise der Geschichte“ ausgelöst hat.
Der Mathematiker Rupert Way von der University of Oxford hat bereits 2022 zusammen mit Kollegen im Fachmagazin Joule die Kosten eines fossilen mit dem eines erneuerbaren Energiesystems verglichen. Sie bilanzieren einerseits, dass Kohle, Öl und Gas inflationsbereinigt heute ähnlich viel kosten wie vor etwa 140 Jahren. Andererseits habe der Preisverfall etwa bei Solarmodulen immer wieder die kühnsten Prognosen übertroffen. Ein PV-Paneel ist innerhalb weniger Jahrzehnte um mehr als 99 Prozent günstiger geworden. Ähnlich sieht es bei Windkraft und Batterien aus.
Geht diese Entwicklung ungefähr so weiter, würde ein Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energiequellen laut Ways Berechnungen für die Welt bis zum Jahr 2050 zwischen fünf und zwölf Billionen US-Dollar billiger ausfallen. Dabei sind nicht einmal die Klimaschäden durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe berücksichtigt. Je schneller dieser Umstieg erfolgt, umso größer die Einsparungen.

Dass dieses Unterfangen Investitionen erfordert, steht außer Frage. Das lässt sich aber mit den eingesparten Summen für fossile Treibstoffe locker wieder reinholen.
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt eine kürzlich erschienene Studie der Denkfabrik New Economics Foundation. Nicht auf die Klimakrise zu reagieren, wäre demnach für die EU am teuersten, die öffentlichen Schulden würden aufgrund geringerer Produktivität und der Bewältigung von Extremereignissen explodieren. Früh in die Energiewende zu investieren, wäre zwar bis Mitte des Jahrhunderts mit etwas höheren Schulden verbunden als derzeit geplant. Ab dann spart Europa aber immer kräftiger.
Ein Grund dafür ist, dass das Geld nicht mehr in Richtung der Ölproduzenten fließt, es könnte in Europa und anderswo bleiben, wo die Energie verbraucht wird. Es wäre eine gewaltige Umverteilung zugunsten derer, die nicht auf Öl- und Gasvorkommen sitzen, also auch uns.
Das erklärt den erbitterten Widerstand der fossilen Lobby gegen die Energiewende. Was für eine Ironie, dass ausgerechnet deren wichtigster Fürsprecher Donald Trump, der den Klimawandel für eine Erfindung hält, mit seinem Vorgehen in Nahost der Welt vorführt, wie nützlich erneuerbare Energien sein können. Während die Preise für die fossilen Energien in die Höhe schossen, entlasten die lange als volatil geschmähten erneuerbaren Energien gerade die Konsumenten.
Die Berechnung von Klimaschäden bleibt schwierig
Und da ist man noch gar nicht bei den Folgen der Erderwärmung wie mehr Extremwetter, die auf der fossilen Seite die Rechnung weiter verschlechtern. So nutzt eine 2024 veröffentlichte Studie des US-amerikanischen National Bureau of Economic Research weltweite wirtschaftliche Kennzahlen und Wetterdaten, die teilweise bis 1860 zurückreichen, um den Effekt von Temperaturschocks zu beziffern. Daraus schließen sie, dass ein Anstieg der globalen Temperatur um ein Grad Celsius langfristig 20 Prozent Wohlstand kostet, also grob das Zehnfache der alten Nordhaus-Schätzung.
Allerdings wird es selbst bei vermeintlich begrenzten Extremereignissen schnell kompliziert, weshalb solche Schätzungen immer mit Vorsicht zu betrachten sind. Die laut Analysen durch den Klimawandel begünstigten großflächigen Waldbrände in Kanada verwüsteten 2023 beispielsweise nicht nur kanadische Landschaften und Siedlungen; die Aschewolke ließ auch die Schadstoffwerte in vielen US-amerikanischen Städten nach oben schnellen, was mit Krankheiten und Arbeitsausfällen einhergeht. Auch andere Extremereignisse wie Überschwemmungen haben langfristige Folgen, die weit über die sichtbaren Zerstörungen hinausgehen, etwa wenn Betroffene in Depressionen und andere psychische Erkrankungen fallen und arbeitsunfähig werden.
Das vom Klimawandel beschleunigte Artensterben samt seiner unkalkulierbaren Folgen für Menschen und Umwelt lässt sich ebenfalls kaum erfassen. Ähnlich ist es mit anderen Auswirkungen der Erderwärmung, etwa auf Fluchtbewegungen oder den Ausbruch bewaffneter Konflikte.
So zeichnet sich in der Summe deutlich ab, dass die langfristigen Kosten einer ungebremsten Erwärmung der Atmosphäre weitaus höher sind als die zum Schutz des Klimas kurzfristig nötigen Summen.
Wem das zu abstrakt ist, kann sich aber auch einfach nur an die Spritpreise halten: Wer heute nach dem Preisschock des Iran-Krieges elektrisch unterwegs ist, kommt bereits meist billiger von A nach B als Menschen mit Verbrennungsmotor. Lädt man mit eigenem Solarstrom, würde das auf Benzin umgerechnet nach einigen Schätzungen einem Literpreis von 21 Cent entsprechen. Auch mit öffentlichem Ladestrom fährt man in Literpreisen gerechnet um einiges günstiger. Nur ein Beispiel von vielen, wo praktizierter Klimaschutz sich bereits auszahlt.
