In ihrer rechten Hand hält eine der beiden Aktivistinnen eine Dose Tomatensuppe, die sie nach vorne in das Blickfeld des Publikums streckt. Offenkundig skandiert sie dabei eine Parole. Die linken Arme beider Aktivistinnen verbergen sich hinter ihren Oberkörpern, wahrscheinlich haben sie ihre Hände da bereits an die Wand geklebt. Das Bild stammt aus der National Gallery in London, in der die beiden bei einer Aktion im Oktober 2022 Tomatensuppe auf ein Van-Gogh-Gemälde gekippt haben.
In der Caption zu dem Instagram-Post, der das Bild enthält, stellen die Aktivistinnen von „Just Stop Oil“ die Frage, ob Kunst wertvoller als das Leben sei, und rufen zu zivilem Ungehorsam auf, um Klimaschutz zu erzwingen. In den Kommentaren fallen die Reaktionen, nun ja: ungehorsam und wütend aus. Viele Nutzer beschimpfen die Aktivistinnen wüst.
Im Herbst 2022 war radikaler Klimaprotest ein verbreitetes Phänomen. In Deutschland klebten sich Mitglieder der „Letzten Generation“ auf die Straßen und störten den Verkehr. Andere Gruppen wie „Extinction Rebellion“ oder „Just Stop Oil“ fielen durch Aktionen wie jene in der National Gallery in London auf. Und in den sozialen Medien schlugen Aktivisten und Protestgruppen ohnehin hart und unerbittlich auf die ganz große Pauke. Mittlerweile ist es, zumindest was Klimaproteste angeht, im Netz wieder etwas ruhiger geworden, und das ist vermutlich eine gute Sache.
Selbst wenn ein Beitrag vernünftig ist, können zornige Kommentare einen lähmenden Effekt produzieren
Der beschriebene Beitrag der britischen Aktivistinnen dürfte ein prototypisches Beispiel für einen Aufruf sein, der eher das Gegenteil des erklärten Ziels erreicht. Gut möglich, dass die Aktion mehr Widerstand als Unterstützung geweckt hat, wie eine Studie von Forschern um Ariadne Neureiter von der Universität Wien nun nahelegt. Demnach provozieren radikale Social-Media-Beiträge von Klimaschützern tendenziell Abstoßungsreaktionen unter jungen Menschen und reduzieren die Motivation, an kollektiven Aktionen zum Schutz der Umwelt teilzunehmen.
Dabei spielen auch die wutschäumenden Kommentare zu entsprechenden Beiträgen eine Rolle. Diese verstärken den Eindruck, dass das Thema Klima stark polarisiert, und nähren ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Das wiederum gelte unabhängig von der Tonalität des kommentierten Beitrags: Selbst wenn dieser moderat oder gar vernünftig ist, können zornige Kommentare mit diesem Effekt in Zusammenhang stehen, wie die Forscher um Neureiter im Fachjournal Current Research in Ecological and Social Psychology berichten.
Die beschriebenen Effekte beobachteten die Wiener Wissenschaftler an 776 Probanden aus Deutschland, die zwischen 16 und 25 Jahre alt waren und für die Studie fiktive Social-Media-Posts und dazugehörige Kommentare bewerteten. Insgesamt ließen sich die Ergebnisse, so Neureiter, als Argument dafür lesen, in moderatem Ton für Klimaschutz oder andere Anliegen einzustehen. Leider steht das in Konflikt mit der Aufmerksamkeitsmechanik in den sozialen Medien und einer grunderregten Öffentlichkeit. Hier gilt: Gehört wird, wer am lautesten brüllt.

