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Kolumne "Klimafreitag":Der Kipppunkt auf der Wippe

Wie war 2020 in klimapolitischer Hinsicht? Und was erwartet uns im neuen Jahr?

Von Alex Rühle

Corona war einerseits der Murks des Jahres. Aber aufgrund der Ausgangsbeschränkungen war der Mount Everst für eine Weile von Katmandu aus zu sehen.

(Foto: JEWEL SAMAD/AFP)

Zwischen den Jahren - der Ausdruck hat mir immer gut gefallen. Man lebt nicht mehr im Alten, aber auch noch nicht im Neuen, eine Art Kipppunkt, wie die statisch ruhige Mitte einer Wippe, schaut zurück, schaut voraus, zieht Bilanz und macht vielleicht Pläne für das, was kommt.

Für das Klima war 2020 ein gutes Jahr. Besser gesagt war es ein nicht so schlechtes Jahr wie all die Jahre zuvor: Hierzulande hat man sich ja politisch darauf geeinigt, die Treibhausgase bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu senken. 2018 hatte die Bundesregierung schon präventiv die weiße (oder eher die rußverschmierte graue) Fahne geschwenkt und gesagt, dass Deutschland dieses Ziel unmöglich einhalten werde. Jetzt hat es überraschend doch geklappt - Corona sei Dank. Weniger Rumgefliege und Rumgefahre, weniger Fabrikdreck: Laut dem Berliner Thinktank Agora Energiewende wurden im vergangenen Jahr 42,3 Prozent weniger Treibhausgase emittiert als 1990.

Die Folgen der Pandemie waren bis ins All zu sehen

Die Auswirkungen der Pandemie waren - besonders im Frühjahr - weltweit zu spüren: 70 Prozent weniger Verkehr in Großbritannien, in China fielen die Industrie-Emissionen um 18 Prozent. Man konnte die Folgen aus dem All sehen: Auf Satellitenbildern vom Frühjahr war zu erkennen, wie der Smogschleier über Industrieregionen wie Wuhan, Turin oder Delhi immer dünner wurde. Die Bewohner von Katmandu konnten erstmals seit Jahrzehnten den Mount Everest in der Ferne sehen. Insgesamt, so schätzt der Guardian, fielen die Emissionen weltweit um sieben Prozent.

Das Deprimierende ist, dass all das einer Pandemie zu verdanken ist. Das Gute daran ist hingegen, dass man sehen konnte, was im Grunde möglich ist, wenn die Politik entschlossen handelt. Und es muss ja - und hier setzt sich meine kleine Zeit-Wippe auf dem Spielplatz "Zwischen den Jahren" langsam in Bewegung - sehr viel passieren, und das auch sehr bald. In dem Zusammenhang treibt mich länger schon eine ganz ernst gemeinte Frage um: Warum wirkt die Vergangenheit so viel näher als die Zukunft? Mein Sohn wird in ein paar Tagen 19, er ist 2002 geboren. Das war wirklich gerade erst, ich kann es schwören. Neunzehn Jahre in die Zukunft gerechnet, ist 2040. Völlig abstrakt, ewig weit weg. Denkt man. Stimmt aber nicht. Das ist sehr, sehr bald. Zwischen 2002 und heute ist in Sachen klimafreundlichem Umbau viel zu wenig passiert. Bis 2040 muss aber außerordentlich viel passieren.

Plastik wird verboten, aber ja nur teilweise

Womit meine Wippe endgültig in Richtung Zukunft/Jahresausblick kippt: Die sieben Prozent weniger im vergangenen Jahr bedeuten nur, dass der CO2 Anstieg nicht ganz so schnell weitergeht wie in den Jahren zuvor. Um ihn zu stoppen, brauchen wir mindestens 70 Prozent weniger. Im kommenden Jahrzehnt müssen die Emissionen weltweit halbiert werden, wenn das 1,5-Grad-Ziel auch nur irgendwie in Reichweite bleiben soll.

Zwar wird ab Mitte des Jahres EU-weit Einiges an Plastik verboten (Luftballons, Einwegbesteck, Strohhalme, Wattestäbchen...), dazu soll eigentlich seit 1. Januar EU-weit eine "Plastiksteuer" erhoben werden (80 Cent pro Kilogramm nicht recycelter Kunststoffverpackungen), was leider bislang nirgends umgesetzt wird. Wichtig wäre es: Jeder von uns produziert pro Jahr 40 Kilo Plastikabfälle.

Gleich noch ein Zwar-Aber: Zwar startet in diesen Tagen endlich der nationale Emissionshandel, doch ist der Fixpreis von 25 Euro pro Tonne CO₂ viel zu niedrig. Der Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf hat in seinem Jahresausblick darauf hingewiesen, dass laut Umweltbundesamt jede Tonne CO₂-Ausstoß rund 195 Euro an Schäden verursacht. Da klafft eine Lücke von 170 Euro.

Und die Emissionen werden auch nicht wirklich zurückgehen, so lange wir einen fundamentalistischen Verkehrsminister haben, der Autobahnen plant, als seien wir im Jahr 1960: Noch immer fließen rund die Hälfte der Investitionsmittel für Verkehr und Transport für den Aus- und Neubau von Autobahnen und Bundesstraßen (132,8 Milliarden Euro). Aber es ist ja - das ist klimapolitisch das wichtigste Ereignis 2021 - Wahljahr, und vielleicht wird dieser anachronistische Unsinn in dem Zusammenhang Thema.

Zum Schluss nochmal ein kleiner Wipper auf unserer Zeitschaukel, ein letzter Blick zurück: Die beste Nachricht des Jahres hatte gar nicht mit Corona zu tun. Erstmals kam fast die Hälfte des Stroms aus grüner Energie. Das ist eine wirklich gute Nachricht. Jetzt müsste wie gesagt nur noch die Politik den Umbau konsequenter vorantreiben. Aber das wird sie ja ganz bestimmt im neuen Jahr tun. Ich wünsche Ihnen noch ein paar eher ruhige, letzte Tage zwischen den Jahren. Genießen Sie die Wippe - Sie müssen Sie wahrscheinlich eh schon wieder bald gegen das Hamsterrad eintauschen. Und falls Sie lernen wollen, wie man mit der genau richtigen Portion Hoffnung ins neue Jahr startet: Meine Kollegin Kathrin Blawat hat eine so schöne wie interessante Gebrauchanweisung für die Kunst der Zuversicht geschrieben.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag.de)

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