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Klimakolumne:Ein halber Meter Hecke pro Person

Zwei Personen, macht im belgischen Klimapakt zwei neue Meter Radweg und ein Meter Hecke - hier allerdings bei Dorfen in Bayern.

(Foto: Renate Schmidt/Renate Schmidt)

Sind Städte und Kommunen die neuen Hoffnungsträger im Klimaschutz? Was man auf einer Europareise so erleben kann.

Von Alex Rühle

Manchen Menschen würde man sehr wünschen, dass sie nochmal zurückkommen dürften auf die Erde, nur um zu sehen, wie viele Früchte ihre Arbeit mittlerweile trägt. Der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber schrieb in seinen letzten Lebensjahren mehrere Bücher, die sich um die zentrale These anordneten, die Welt sei überhaupt nur noch zu retten, wenn die Städte zu ihrem wichtigsten politischen Motor werden.

In "If Mayors Ruled the World" (Wenn Bürgermeister die Welt regieren würden) schrieb er 2013, die Stärkung der Zivilgesellschaft und der partizipativen Demokratie könne einzig aus den Stadtgesellschaften kommen. Zum einen, weil sie ein sehr viel größeres kreatives Potenzial hätten als die verkrusteten, gelähmten Nationalstaaten. Zum anderen, weil sie in ihrer alltäglichen Politik auf Kooperationen und pragmatische Lösungen angewiesen seien - unabdingbare Voraussetzungen für jedes faire Miteinander. Und weil drittens viele Megacitys mittlerweile längst selbst zu Global Players herangewachsen seien.

In "Cool Cities: Urban Sovereignty and the Fix for Global Warming", das kurz nach Barbers Tod 2017 erschien, führte er seine urbanistischen Emanzipationsthesen auf politisch höchst brisante Weise fort: Nur die Städte, so Barber, könnten Donald Trumps Agenda noch stoppen. Er nahm die Städte aber auch noch stärker in die Pflicht als zuvor: Als Hauptverursacher des Klimawandels hätten sie mittlerweile die verdammte Pflicht, sich ganz anders zu engagieren als bisher. Nie um eine griffige Formulierung verlegen, konstatierte Barber: "Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Nationalstaaten. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte."

Mittlerweile gibt es verschiedenste globale Zusammenschlüsse von Städten mit dem Ziel, politische Belange nach vorne zu bringen: "Mayors for Peace", "Mayors for Universal Income", "Mayors for Climate Action". Die größte Vereinigung dürfte der "Global Covenant of Mayors" sein der "weltweite Vertrag der Bürgermeister", indem sich mehr als 9000 Bürgermeister zusammengeschlossen haben mit dem Ziel, mehr für das Klima zu tun.

Ich habe im vergangenen Monat eine Reise durch Europa unternommen, um verkürzt gesagt zu schauen, wie es dem Kontinent so geht. Eine der spannendsten Begegnungen auf dieser Rundreise war mein Treffen mit Bart Somers. Der wurde 2000 Bürgermeister der Stadt Mechelen, die damals als dreckigste Stadt Belgiens galt. 80 000 Einwohner aus 138 Nationen. Drogenkriminalität, bankrotte Geschäfte, die Mittelschicht floh aus der Stadt. 32 Prozent wählten den rechtsextremen Vlaams Belang.

16 Jahre später schaffte Mechelen es im Ranking "European Cities of the Future" unter die Top Ten der europäischen Kleinstädte. Der Vlaams Belang kam noch auf neun Prozent. Somers wurde im selben Jahr beim World Mayor Prize zum besten Bürgermeister der Welt gewählt. Er hat das mit einer Mischung aus Law and Order und sehr konsequenter Integrationspolitik geschafft.

All das soll hier gar nicht Thema sein. Es ist nur so, dass sie Somers daraufhin zum Innenminister von Flandern gemacht haben mit der Bitte, doch überall das Wunder von Mechelen zu wiederholen. Der Mann hat eine unbändige Energie und versucht nun an allen Ecken und Enden halb Belgien nach vorn zu bringen. Vor allem aber versucht er momentan, 300 flämische Städte zu einem Klimapakt zu überreden, der seinesgleichen sucht: Da der Klimavertrag von Paris 40 Prozent Emissionsminderung bis 2030 vorschreibt, die flämische Regierung aber schulterzuckend sagte, mehr als 32 Prozent seien nicht zu schaffen, trommelte Somers alle 300 Städte des flandrischen Landesteils von Belgien zusammen.

Jede Bürgermeisterin und jeder Bürgermeister, die nun seinen "Lokalen Energie- und Klimapakt" unterzeichnen, verpflichten sich für ihre jeweilige Kommune zu ganz konkreten Maßnahmen, etwa pro Einwohner ein Baum - macht, wenn alle dabei sind, 6,6 Millionen Bäume bis 2030. Ein halber Meter Hecke oder Gartenbepflanzung, für alle 1000 Einwohner ein zusätzlicher grüner Ort von mindestens 10 Quadratmetern und pro hundert Einwohner eine Ladestation für E-Autos. Pro Bewohner ein Quadratmeter Betonentsiegelung, ein Meter neuer Radweg und ein Kubikmeter Regenwasserauffangmenge.

Das Ganze wurde am 10. Juni in Gent gestartet, bis zur offiziellen Unterzeichnung im November im Europäischen Parlament will Somers alle 300 Gemeinden und Städte dazu zu bewegen, mitzumachen. Und ich habe mich gefragt, warum es nicht längst in Deutschland eine ähnliche Initiative gibt, ausgehend von den Städten, die zeigen, dass es geht mit der Wende.

© SZ/weis
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