Klimakolumne:Apokalypse oder Blumenbeet

Lesezeit: 3 min

Waldbrände in Kalifornien

Darf man den Weltuntergang beschwören? Santa Rosa, Kalifornien, nach verheerenden Waldbränden im Jahr 2017.

(Foto: Paul Kitagaki Jr./dpa)

Der Klimaforscher Michael E. Mann kritisiert Autoren harsch, die die Lage als zu hoffnungslos darstellen. Aber Verharmlosen ist auch fatal. Wo ist bloß der Mittelweg?

Von Alex Rühle

Michael E. Mann hat schon viele Schlachten geschlagen. Seit der amerikanische Klimatologe 1999 seine Hockey-Stick-Grafik veröffentlichte, die drastisch zeigt, wie sehr die CO₂-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung nach oben gingen, stand er immer wieder im Fadenkreuz der Klimawandelleugner, die in hervorragend orchestrierten und enorm finanzstarken Kampagnen versucht haben, ihn und seine Arbeit zu diskreditieren. Ich finde es ziemlich beeindruckend, wie er trotz Rufmordaktionen und Todesdrohungen immer weitergemacht und sich dabei auch noch eine Art Restoptimismus bewahrt hat.

Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben und dem Guardian dazu ein interessantes Interview gegeben. In "The new Climate War" skizziert er, wie die Erdölindustrie und die konservativen Thinktanks ihre Taktik geändert haben, hin zu "einer freundlicheren, sanfteren Form des Leugnens", wie er es ausdrückt. Der Klimawandel werde eben nicht mehr rundheraus geleugnet, schließlich sprächen die Fakten dafür mittlerweile eine zu klare Sprache. Stattdessen versucht man aber alle politischen Maßnahmen, die dagegen ergriffen werden könnten, zu diskreditieren, sei es eine effiziente CO₂-Bepreisung oder den Ausbau erneuerbarer Energien.

Zentral dabei ist die Strategie, die Schuld am Klimawandel von den großen Petro-Firmen hin zu uns Verbrauchern zu drehen. Ein Musterbeispiel dafür wäre Chevron, die vor Gericht 2018 sagten, nicht sie als Anbieter seien ja schuld am Klimawandel, sondern "die Art und Weise, wie die Leute ihr Leben leben". Genauso haben auch immer die Waffenlobby und die Tabakindustrie argumentiert, ist doch nicht unsere Schuld, wenn die Leute unser giftiges Zeug kaufen und dann auch noch rauchen.

Mann greift dann aber auch Autoren wie Jonathan Franzen oder David Wallace-Wells an, die man ja eigentlich auf seiner Seite vermutet, die jedoch in Manns Augen den Verhinderern in die Karten spielen. Er wirft den beiden Autoren übertriebene Schwarzmalerei vor. Genau diese Schwarzmalerei zählt für ihn mittlerweile zu den Taktiken der "Inaktivisten", wie er die Bremser und Brennstoff-Profiteure nennt. Schließlich würden die Menschen, wenn sie überzeugt davon sind, dass man jetzt eh nichts mehr tun kann, aufhören, sich zu engagieren und stattdessen zuhause stumm vor sich hin verzweifeln. "Aber all solche ,Zu spät'- Narrative fußen ausnahmslos auf einem falschen Verständnis von Wissenschaft. Viele prominente Untergangs-Erzählungen - sei es von Franzen, Wallace-Wells, oder dem Deep-Adaptation-Movement - gehen von der falschen Annahme aus, dass eine arktische Methanbombe die Temperaturen innerhalb von zehn Jahren so in die Höhe treibt, dass alles Leben untergeht."

Die beiden Gruppen beharken einander mehr und mehr

Das ist natürlich polemisch sehr zugespitzt. Mich interessiert hier etwas Anderes: Es gibt ja grundsätzlich zwei Taktiken, den Klimawandel in Texten zu thematisieren. Die einen stellen die Dramatik der Situation aus und sagen: Leute, jetzt oder nie mehr, es wird ohnehin schlimm, lasst uns versuchen, wenigstens zu bremsen, so lange wir noch die Möglichkeit dazu haben. Die anderen versuchen sich auf konkrete Best-Practice-Beispiele zu fokussieren, um zu zeigen, dass man eben selbst in dunkelster Nacht noch was tun kann. Und es ist deutlich zu merken, dass die beiden Gruppen einander mehr und mehr beharken. So wie Mann hier die Gegenseite als destruktive Untergangspropheten karikiert, so stellt umgekehrt Franzen in seinem Buch alle Klimaschützer geradezu boshaft als besserwisserische Schnösel dar, die sich abstrakt für das Klima in hundert Jahren starkmachten statt endlich konkret zu handeln, und beispielsweise die aussterbende Vogelart in ihrer Nähe zu retten.

Wir Klimanewsletter-Autoren aber schippern im Grunde jede Woche zwischen diesen beiden Skylla-und-Charybdis-Felsen hindurch: Auf der einen Seite wollen wir keine lähmende Panikmache, auf der anderen droht Verharmlosung durch adrette Blumenbeet-Texte, die der Größe des Problems auch nicht ansatzweise angemessen sind und eher wie Beruhigungstee wirken. Wie sehen Sie das?

Was Mann angeht, so ist er in seinem Buch übrigens überraschend optimistisch: Noch nie, so sagt er, gab es so viele Zeichen für echten Wandel - der weltweite Ausbau erneuerbarer Energien, technologischer Fortschritt, Desinvestment-Strategien großer Finanzplayer aus den schädlichsten Fonds und ein Präsident Biden, der vielversprechende erste Schritte in Richtung Klimaschutz unternimmt. Und ich hab grad erst gesehen, dass es Manns Buch auch schon auf deutsch gibt. ("Propagandaschlacht ums Klima. Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen" Verlag solare Zukunft, 440 Seiten, 29 Euro)

Bevor Sie das aber womöglich kaufen, schreiben Sie uns doch kurz an klimafreitag@sz.de, wie Sie unser aktuelles Dilemma auflösen würden.

Ihr Untergangsprofi

Alex Rühle

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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