SZ-Klimakolumne:Die Hoffnung stirbt zuletzt

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SZ-Klimakolumne: Ist das Tier zu groß, nimmt er eben ein Werkzeug. Der Mensch ist anpassungsfähig - aber nicht unbegrenzt: Höhlenmalerei in Simbabwe.

Ist das Tier zu groß, nimmt er eben ein Werkzeug. Der Mensch ist anpassungsfähig - aber nicht unbegrenzt: Höhlenmalerei in Simbabwe.

(Foto: imago stock/imago/Nature Picture Library)

Alles halb so wild mit dem Klima, denn unsere ganze Menschheitsgeschichte ist ja eine Geschichte der Anpassung? Das stimmt leider nur so halb.

Von Jakob Wetzel

Die Klima-Katastrophe ist nichts für empfindliche Gemüter. Allein die Berichterstattung muss man aushalten können, genauer: das mit ihr verbundene Schwanken zwischen Grausen, Entsetzen und Verzweiflung. Wie schön wäre es doch, wenn es auch anders ginge! Und deshalb ist dieser Newsletter ein Experiment: Versuchen wir es mit Optimismus. Wir schaffen das!

Mein Kollege Benjamin von Brackel etwa hat sich die Argumente der Klimaschutz-Aktivistinnen und -Aktivisten der "Letzten Generation" angesehen und festgestellt: Dass sich die Welt tatsächlich um katastrophale vier oder fünf Grad erwärmen werde, halten Forscher nun für unwahrscheinlich. Als optimistisch könnte man auch die Haltung des Weltklimarats bezeichnen: Der hat in seinem jüngsten Teilbericht immerhin auch Chancen und Perspektiven aufgezeigt. Noch ließe sich das Ruder demnach herumreißen. Selbst der US-amerikanische Journalist David Wallace-Wells, der vor wenigen Jahren schrill vor der "unbewohnbaren Erde" gewarnt hat, rudert nun zurück: Womöglich komme es nicht ganz so schlimm (sondern nur fast), schrieb er im New York Times Magazine.

Den größten Optimisten aber hat zuletzt der TV-Moderator Markus Lanz gegeben. In einer denkwürdigen Sendung sagte er sinngemäß, man dürfe nicht so schwarz sehen. "Unsere ganze Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Anpassung", so Lanz. "Uns als Spezies hat erfolgreich gemacht, dass wir uns angepasst haben, immer wieder." Israel zum Beispiel sei es gelungen, ein karges, trockenes Land zu bewirtschaften. Mittlerweile exportiere der Staat sogar Wasser. Wir schaffen das!

Anpassung hat es tatsächlich gegeben. Vor allem biologische

Dieser Optimismus ist wirklich bewundernswert. Denn natürlich ist das Beispiel schräg. Wer karges Land bestellt, der verbessert so vielleicht sein Auskommen, aber er reagiert nicht darauf, dass seine bisherige Lebensgrundlage wegbricht. Das heißt: Er passt sich damit zwar vielleicht an widrige klimatische Verhältnisse an, aber nicht an einen Klimawandel. Und schon gar nicht an einen mit der Geschwindigkeit desjenigen, der nun begonnen hat. Die Menschheit mag noch so bemerkenswerte Ingenieurleistungen erbracht haben, mag Dämme errichtet und Klimaanlagen konstruiert haben, mit derart rasanten Veränderungen hatte sie es noch nie zu tun.

Trotzdem, in einem hat Lanz Recht: Wer in die Menschheitsgeschichte blickt, der sieht auch Anpassung - allerdings vor allem biologische. Salopp gesagt: Ohne ein sich veränderndes Klima wären die Vormenschen womöglich bis in alle Ewigkeit auf ihren Ästen hocken geblieben. Warum auch nicht? Doch als das Klima vor zehn bis fünf Millionen Jahren kühler wurde, die Wälder schrumpften und sich Gehölze ausbreiteten, wurde die Nahrung spärlicher. Die Vormenschen mussten suchen gehen, und so überlebten eher diejenigen, die weitere Strecken bewältigen konnten - und dafür ist es günstig, auf zwei Beinen zu laufen, denn das ist energiesparender als der Knöchelgang, wie ihn zum Beispiel Gorillas pflegen. Der evolutionäre Trend ging zum aufrechten Gang. Das hätten wir also schon einmal geschafft.

Später hat der Mensch bewiesen, dass er sich biologisch an unterschiedliche Klimabedingungen anpassen kann. So leben Menschen nahe dem Nordpol ebenso wie am Äquator. In kühleren Breiten wurden sie tendenziell massiger, in wärmeren blieben die Figuren schlanker; so optimierte die Evolution den Wärmehaushalt.

Der Mensch ist also durchaus in der Lage, sich anzupassen. Aber ist das wirklich Grund für Optimismus? Eher nicht. Denn im Rückblick sehen wir gerne das Ergebnis, die angepasste Spezies. Doch die Evolution zieht sich über Generationen hin. Sie bedeutet nicht, dass sich die Individuen anpassen. Evolution bedeutet: Was nicht zufällig schon passt, das stirbt.

Was Klimaveränderungen ausgelöst haben? Untergang und Migration

Auch wie sich die Menschheit bei kurzfristigen Klimaschwankungen geschlagen hat, stimmt nicht unbedingt hoffnungsfroh. Regionale Klimaschwankungen haben zum Beispiel mit darüber entschieden, wo bestimmte Vormenschenarten leben konnten. Sie haben auch dazu beigetragen, dass der Homo sapiens Afrika verlassen konnte. Doch das war kein linearer Vorgang, Unzählige starben dabei. Und vor allem zeigt es, wie abhängig der Mensch vom Klima war, Anpassung hin oder her.

Doch was ist mit Anpassung durch Technik? Das ist schwer zu sagen. Es gibt mittlerweile einen ganzen Wust an Studien darüber, wie spätere menschliche Zivilisationen mit Klimaveränderungen umgingen. Das große Bild ist: Langfristig lernten die Menschen zuweilen, mit neuen Bedingungen zurechtzukommen. Aber mit dem Wandel waren sie in der Regel überfordert. Oft genug bestanden sie den Stresstest nicht, sie flohen in andere Weltgegenden, Zivilisationen brachen zusammen. Vor Jahren schon hat der Schweizer Klimatologe Heinz Wanner in einem Buch die 12 000-jährige Abhängigkeit des Menschen vom Klima untersucht. Am Ende fasste er die Konsequenzen von Klimaveränderungen zusammen - unter dem Titel "Untergang oder Migration".

Aber halt - dieser Newsletter soll doch mit Optimismus enden. Es stimmt ja auch: Der Mensch hat sich in den vergangenen Jahrtausenden durch Technik und Kultur immer weniger abhängig vom Klima gemacht. Er ist immer effektiver dabei geworden, Nahrung zu beschaffen. Und ein bisschen Optimismus schadet nie. Redlicherweise sollte aber klar sein: Was kommt, ist eine Herausforderung, für die es keine Blaupause in der Menschheitsgeschichte gibt. Schaffen wir das? Hoffen wir es.

Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.

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