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Klimagipfel in Kopenhagen:China - Spitzenreiter der Klimapolitik?

SZ: Auf die drei großen Industrieregionen der OECD kommen also deutliche Veränderungen zu. Was ist mit China?

Birol: China hat einige politische Programme beschlossen, um den CO2-Ausstoß im Land zu senken: Es will zum Beispiel den Anteil der erneuerbaren Energien und der Kernkraft bei der Stromerzeugung vergrößern und die Regeln für den Energieverbrauch in Gebäuden verschärfen. Wenn das Land seine Ziele erreicht - und in der Vergangenheit hat die Führung immer ihre Ziele erreicht - dann stößt es im Jahr 2020 eine Gigatonne, also eine Milliarde Tonnen, weniger CO2 aus als ohne diese Maßnahmen. Das wäre die größte Reduktion irgendwo auf der Welt, die insgesamt 2020 um 3,8 Gigatonnen weniger Kohlendioxid freisetzen muss. China hätte einen Spitzenplatz beim Kampf gegen den Klimawandel.

SZ: Mit anderen Worten: China macht schon alles richtig und die Industrieländer müssen sich anstrengen?

Birol: Vor allem im Energiesektor muss sich vieles ändern. Zunächst darf der Verbrauch an Öl, Gas und Kohle nur noch bis 2020 steigen und muss danach fallen. Außerdem darf Strom 2030 nicht mehr wie heute zu mehr als zwei Dritteln aus fossilen Brennstoffen entstehen, sondern nur noch zu 40 Prozent. Erneuerbare machen dann 37 Prozent aus, die Kernenergie 18 Prozent und fünf Prozent kommt von Kraftwerken, in denen das Kohlendioxid eingefangen und gespeichert wird. Schließlich die Autoindustrie: Heute haben mehr als 95 Prozent der Neuwagen einen Verbrennungsmotor, 2030 dürfen es nur noch 40 Prozent sein. Hybrid- und Elektromotoren sind dann die Mehrheit.

SZ: Das erfordert gewaltige Investionen in den Energiesektor.

Birol: Wir rechnen mit 10 Billionen Dollar für den Zeitraum von 2010 bis 2030. Das klingt nach sehr viel, aber zum Beispiel im Jahr 2020 entspricht die nötige Summe einem halben Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

SZ: Trotzdem: Wer soll das bezahlen?

Birol: Von den zehn Billionen entfallen 8,6 Billionen auf die Anschaffung von energiesparenden Autos, Computern oder Industrieanlagen. Aber dem stehen auch große Einsparungen bei den Energiekosten gegenüber. Sie machen 8,6 Billionen für den gleichen Zeitraum aus.

SZ: Investitionen und Erträge wiegen sich also auf.

Birol: Ja und danach machen wir sogar Gewinn. Wenn man die Einsparungen über die gesamte Lebensdauer der neuen Geräte und Anlagen rechnet, also über 2030 hinaus, sinken die Verbrauchskosten sogar um 17 Billionen Dollar. Das ist ein großer Investitionsanreiz.

SZ: Und diesen Weg muss die Welt in Kopenhagen einschlagen?

Birol: Wir brauchen das Signal für eine andere Zukunft, bevor die jetzt verschobenen, großen Investionen nachgeholt werden. Nach unseren Berechnungen steigt die Gesamtsumme der Kosten um 500 Milliarden Dollar mit jedem Jahr, um das sich das Abkommen verzögert.

© SZ vom 07.10.2009/fvk/cat

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