SZ-Klimakolumne:Wenn die Rekorde sich abnützen

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Hitzewelle in Indien: Die Temperaturen auf der Welt erreichen immer neue Rekorde. (Foto: Amit Dave/REUTERS)

Die Temperaturen auf der Welt eilen von Höchststand zu Höchststand. Das stellt auch Redaktionen vor Probleme.

Von Jakob Wetzel

Die Klimakrise stellt die Menschheit vor viele Probleme, und ich gebe zu: Dieses eine ist sehr medienspezifisch, und es gehört auch zu den eher kleinen. Aber es ist da, es kehrt regelmäßig wieder, die meisten Menschen nehmen kaum Notiz von ihm, und auf den zweiten Blick ist es vielleicht nicht ganz so banal, wie es zunächst scheinen mag. Das Problem ist: Wie soll man nur jeden Monat aufs Neue über Klimarekorde schreiben, ohne sich zu sehr zu wiederholen?

Ignorieren lassen sich die Höchstwerte nicht, dafür ist die gegenwärtige Erderwärmung zu dramatisch. Doch irgendwann kommen Journalistinnen und Journalisten in gewisse Nöte. "Globale Temperaturen erreichen im April neuen Rekord" und "Viel zu warmer Winter endet mit historisch warmem Februar" sind bereits zwei der kreativeren Einfälle gewesen. Bei "Wärmster März seit Beginn der Aufzeichnungen" hatten wir gehofft, dass sich außerhalb der Redaktion niemand daran erinnern kann, dass wir gerade erst "Wärmster Januar seit Beginn der Aufzeichnungen" getitelt hatten. Und im Jahr 2023 war es nicht besser. Mit "Weltwetterorganisation: 2023 wärmstes Jahr seit Industrialisierung" konnten wir zumindest den "Beginn der Aufzeichnungen" variieren. Im Dezember versuchten wir es mit einer Frage: "Erwärmt sich die Erde noch schneller als gedacht?" Spoiler: Offensichtlich ja.

Diese Woche allerdings gab es eine Nachricht, die tatsächlich anders war: Der Sommer 2023 auf der Nordhalbkugel der Erde war nicht nur der wärmste seit Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern seit dem Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung. Das schließen Forscherinnen und Forscher in der Fachzeitschrift Nature aus Baumringen. Die Quintessenz: Das Klima hat ziemlich geschwankt, doch die meisten Sommer des 21. Jahrhunderts waren wärmer als alle in den 20 Jahrhunderten zuvor.

Es ist paradox, aber dieser Blick in die Klimageschichte zeigt, wie wenig hilfreich der Blick in die Klimageschichte ist, wenn es um den Kampf gegen die Klimakrise geht. Zum einen sind für die ganze oder auch nur für die halbe Welt ermittelte Durchschnittsdaten immer pauschalisierend; regional können die klimatischen Verhältnisse sehr unterschiedlich gewesen sein.

Zum anderen zeigen die Daten, wie groß die heutige Herausforderung ist. Wissenschaftler nehmen zwar fleißig die klimatischen Verhältnisse in der Vergangenheit in den Blick; sie rekonstruieren etwa mit möglichst regionalen Daten, wie Klimaveränderungen die Ausbreitung des Homo sapiens begünstigt haben, oder sie zeichnen nach, wie historische Kulturen mit anhaltenden Dürren umgegangen sind. Doch wenn wir ehrlich sind, ist das nicht sehr aussagekräftig für die Probleme der Gegenwart. Denn eine derart rasante Erderwärmung ist in der Menschheitsgeschichte schlicht nie dagewesen.

Es bleibt also der Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft. Wenn ich mir hier etwas wünschen dürfte, dann etwas mehr Abwechslung. Wie schön wäre es, wenn wir nicht ständig krampfhaft nach neuen Formulierungen suchen müssten, um Rekorde zu vermelden. Überschriften wie "Globale Temperaturen bleiben konstant", "Wetterextreme nehmen ab" oder "Ozeantemperaturen sinken wieder" hatten wir dagegen noch nie oder zumindest schon lange nicht mehr.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag , den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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