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Klimaforschung:Wissenschaftler verschätzten sich beim Meeresspiegel-Anstieg

Forscher korrigieren ihre Schätzungen, wie stark im 20. Jahrhundert die Weltmeere angestiegen sind, nach unten. Das macht einige Zentimeter zwischen 1901 und 1990 aus - und löst möglicherweise ein Rätsel.

Von Christopher Schrader

Klimaforscher haben den Anstieg des Meeresspiegels im 20. Jahrhundert womöglich überschätzt. Statt 1,5 oder 1,9 Millimeter pro Jahr seien die Ozeane im Mittel nur um 1,2 Millimeter jährlich angestiegen, besagt eine Analyse von Forschern der Harvard- und der Rutgers-Universität. Das macht über die Jahre von 1901 bis 1990 einige Zentimeter aus (Nature, online).

Die Korrektur, sollte es dabei bleiben, ist aber nicht peinlich für die Klimaforschung. Messwerte Hunderter Pegel zu einer Zahl zusammenzufassen, ist sehr schwierig. Es gibt viele Datenlücken und regionale Besonderheiten. Das zwingt Forscher zu komplizierter Statistik; die Autoren der Studie verwenden ein Verfahren, das die Daten glättet und Ausreißern wenig Bedeutung zumisst. "Die Wahrheit ist bisher nicht zu ermitteln", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Wichtig sei aber, dass alle Kurven zum Meeresspiegelanstieg - mit der neuen Auswertung sind es sieben - im Großen und Ganzen einen ähnlichen Verlauf zeigten.

Das langsamere Wachstum im vergangenen Jahrhundert erleichtert zudem die Lösung eines Rätsels: Rechnerisch hätten die Beiträge von schmelzendem Eis und dem sich thermisch ausdehnenden Wasser in der betrachteten Periode eine Anstiegsrate ergeben, die etwa ein Drittel unter den Messungen lag. Diese Diskrepanz hat sich nun deutlich verringert. Die Autoren der neuen Studie bestätigen indes, dass die Meere seit 1993 schneller ansteigen, mittlerweile um drei Millimeter im Jahr.

© SZ vom 15.01.2015

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