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Klima:Schnee war´s

Langzeitstudien zeigen, dass in den Alpen und auch im übrigen Europa immer weniger Schnee liegen bleibt. Das ist nicht nur für Wintersportler ein Problem.

Von Christoph von Eichhorn

Auf den Schneekameras des Österreichischen Rundfunks ist die Welt derzeit in Ordnung. In Kitzbühel, Schladming und St. Johann sausen die Skifahrer ins Tal, über ihnen surren die Gondeln durch die verschneite Landschaft. Dass man in den Weihnachtsferien Ski fahren kann, ist längst nicht mehr selbstverständlich. Vor drei Jahren etwa zeigten die Schneekameras vielerorts den ganzen Dezember über grüne Hänge, und die Wintersportler drängelten sich statt im Tiefschnee auf schmalen weißen Bändern über die Wiesen. Nur Schneekanonen hielten den Liftbetrieb am Laufen, bis im Januar der Schweizer Rundfunk über "endlich verbreitet zehn Zentimeter Neuschnee" jubelte. Fragen wurden laut: Wird ab jetzt jeder Winter so mau? Macht die Erderwärmung dem Wintersport schleichend den Garaus? Letztes Jahr dagegen fiel in den Alpen so viel Schnee wie lange nicht mehr, ein Rekordjahr für die Branche.

Wie passt das zusammen? Für Wolfgang Schöner ziemlich gut. "Für Schnee ist ein wesentliches Kennzeichen, dass die Änderung von einem aufs andere Jahr riesengroß sein kann", sagt der Klimaforscher von der Uni Graz. Wenn im einen Jahr massenhaft Schnee fällt, im nächsten aber nur sehr wenig, sagt das noch nichts über klimatische Veränderungen aus. Um einen Trend zu sehen, muss man deshalb lange Zeiträume betrachten. Zusammen mit dem Schweizer Schneeforschungsinstitut in Davos wertete Schöner deshalb Daten von rund 200 Wetterstationen in Österreich und der Schweiz seit 1961 aus.

Schneedaten sind tückisch. Gelegentlich werden Messstationen um ein paar Meter verlegt, und am neuen Standort misst man gleich durchschnittlich 20 Zentimeter mehr. Oder die Station bekommt einen neuen Chef, der anders misst als sein Vorgänger. Solche Sprünge haben die Forscher mit mathematischen Kniffen herausgerechnet, trotzdem zeichnen sie im International Journal of Climatology ein eindeutiges Bild. "Der Rückgang ist überall ziemlich robust", sagt Schöner. Vor allem im Süden der Alpen geht die Schneemenge seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück. Mit jedem Jahrzehnt liegt laut der Studie in den südlichen Alpen, wie in Kärnten oder der Steiermark, im Winter durchschnittlich zwölf Zentimeter weniger Schnee. Je höher die Messstation liegt, umso stärker war der Rückgang der Schneehöhe sogar - in diesen Lagen liegt allerdings auch generell mehr Schnee. Nur im Nordosten der Alpen, also beispielsweise in Oberösterreich, fanden die Wissenschaftler keinen eindeutigen Trend.

Klimaerwärmung Künstlich angelegte Langlaufloipe im Leutascher Tal Leutasch Tirol Austria Copyright

Was vom Winter übrig bleibt: Langläufer in Tirol.

(Foto: imago/argum)

Ähnlich sieht es bei der Entwicklung der Schneetage aus, also der Zahl der Tage pro Jahr, in denen Niederschlag in Form von Schnee fällt. Für die Schweiz hat der Tages-Anzeiger die Schneetage zwischen November und April anhand von Daten des Schneeforschers Christoph Marty gezählt. Im Vergleich zum Zeitraum 1959 bis 1988 schneite es in den letzten 30 Jahren demnach in allen Höhenlagen seltener. In hohen Lagen ab 1300 Meter gibt es heute ein Viertel weniger Schneetage, in mittleren Lagen ab 800 Meter schon 33 Prozent weniger. Darunter schneit es in der Schweiz sogar nur noch halb so häufig wie vor einem halben Jahrhundert. Im Tages-Anzeiger nannte Marty diese Entwicklung "bedenklich". Historische Aufzeichnungen der letzten 500 Jahre hätten gezeigt, "dass es im Schweizer Mittelland noch nie eine so geringe Schneebedeckung gegeben hat wie in den letzten Dekaden". An sehr tief gelegenen Orten ist der Schwund besonders dramatisch, wie etwa in Lugano, wo es nur noch an vier Tagen im Jahr schneit statt wie vormals an zwölf. Der Niederschlag fällt nun meist als Regen.

Weihnachtstauwetter heißt die typische Wetterlage zwischen Heiligabend und Silvester: milde Temperaturen und Regen

Winterliches Schmuddelwetter ist außerhalb der Berge schon völlig normal. "Weihnachtstauwetter" nennt der Deutsche Wetterdienst DWD das typische Wetter in Deutschland zwischen Heiligabend und Silvester, wie es auch dieses Jahr herrschte: recht milde Temperaturen und verbreitet Regen. In sieben von zehn Jahren dominiert diese Wetterlage mittlerweile rund um Weihnachten.

Dass im Flachland kaum Schnee fällt, war nicht immer so, wie eine europaweite Studie der Universität Wageningen zeigt. Die Forscher werteten Daten von mehr als tausend Wetterstationen zwischen Irland und West-Russland, Norwegen und Kroatien seit 1951 aus - und bestätigen dabei die gefühlte Wahrheit, dass der Winter früher besser war. Selbst in tiefen Lagen wie in Heinsberg an der deutsch-holländischen Grenze gab es vor einem halben Jahrhundert Jahre einigermaßen viel Schnee, im Jahr 1969 fiel dort beispielsweise fast ein halber Meter. Solche schneereichen Jahre sind selten geworden. Vor fünf Jahren lag die maximale Schneehöhe in dem Ort noch bei sechs Zentimetern - das letzte Mal, dass dort überhaupt noch eine Schneedecke vorhanden war. Der Trend ist fast überall in Europa ähnlich, neun von zehn Messstationen registrieren schrumpfende Schneemengen. Insgesamt, so haben die holländischen Forscher ermittelt, sinkt die durchschnittliche Schneehöhe in Europa jedes Jahrzehnt um zwölf Prozent. Gerard van der Schrier vom Wetterdienst der Niederlande führt das vor allem auf gestiegene Temperaturen infolge der Erderwärmung zurück. "Seit den 1980ern hat sich die Erhöhung der globalen Temperaturen beschleunigt", sagt van der Schrier, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. Damit verlaufe auch die Schneeschmelze mittlerweile schneller. "Diese Beschleunigung beunruhigt mich am meisten", sagt der Meteorologe.

Wenn an neun von zehn Orten weniger Firn liegt, heißt das aber auch: An einigen Orten wächst die Schneemenge sogar. Das ist vor allem im Norden Skandinaviens oder in Russland westlich des Urals der Fall, den kältesten Orten des Kontinents. Auch das ist wohl eine Folge des Klimawandels. Denn die Schneemenge hängt wesentlich von einer Art Konkurrenz zwischen Temperatur und Niederschlag ab. "An den meisten Orten gewinnt die Temperatur", sagt van der Schrier - der Niederschlag fällt auch in einer wärmeren Welt, aber vermehrt als Regen. Zugleich sagen Klimaprognosen für Nordeuropa mehr Niederschläge voraus. Weil in den kältesten Regionen die Temperaturen trotz steigender Tendenz noch häufig unter dem Gefrierpunkt bleiben, liegt dort mehr Schnee als zuvor.

Wo man vom Winter lebt, wird längst über die Deutungshoheit dieser Prozesse gerungen. Kürzlich beruhigte sich die Seilbahnwirtschaft Tirols mit einer selbst in Auftrag gegebenen Studie. Nach einer umfangreichen Medienschelte ("Wie konnte es passieren, dass die Öffentlichkeit den Glauben an zukünftige Winter mit Schnee und Kälte verloren hat?") berichten die Autoren, dass sich die Schneemengen in den Tiroler Bergen in den letzten 30 Jahren kaum verändert hätten. Die winterlichen Temperaturen seien sogar gefallen. Die Arbeit rief jedoch Kritik hervor. So wurde die Arbeit nicht wie sonst üblich von Kollegen vor der Veröffentlichung geprüft. Der Klimatologe Wolfgang Gurgiser von der Uni Innsbruck sagte, wenn man den Studienzeitraum fünf Jahre anders wähle, komme ein ganz anderes Bild heraus. Tatsächlich räumt die Studie der Seilbahner selbst ein, dass innerhalb der letzten 123 Jahre die Temperaturen im Winter sehr wohl gestiegen sind, um satte 1,4 Grad - was dem globalen Trend folgt. Gegenüber dem ORF beklagte Seilbahnchef Franz Hörl dagegen "Verunsicherung", die um sich greife. Ständig werde das Ende des Skisports in den Alpen herbeigemalt. Die Botschaft der Branche ist klar: Der Klimawandel sei für den Wintersport halb so wild, mit Schneekanonen könne man gut gegensteuern.

In manchen Berghütten der Alpen herrscht bereits Wassermangel. Die Wanderer können nicht mehr ihre Trinkflaschen auffüllen

Doch diese Rechnung wird wohl nicht überall aufgehen. In den deutschen Mittelgebirgen herrscht in vielen Speicherseen Ebbe, kein Wunder nach einer fast ganzjährigen Dürre. Im Harz, in den Vogesen und im Schwarzwald haben Skiliftbetreiber deshalb Mühe, ihre Schneekanonen mit Wasser zu befüllen. Derzeit darf aus vielen Flüssen und Seen kein Wasser entnommen werden, weil die Pegel so niedrig stehen. Selbst in hochalpinen Lagen wird Wassermangel zum Problem. In den letzten Jahren seien vor allem im Süden der Alpen Niederschläge ausgeblieben, sagt Wolfgang Schöner von der Uni Graz. "Da gab es viele teils dramatische Rückmeldungen." Diese Regionen sind auf Adria-Tiefs aus dem Mittelmeerraum angewiesen. "Diese treten generell etwas unregelmäßig auf, zuletzt waren sie sehr selten", sagt Schöner. Die ausbleibenden Tiefs könnten ebenfalls eine Folge des Klimawandels sein.

Da zudem weniger Schnee bis ins Frühjahr liegen bleibt, leiden in den wärmeren Monaten auch einige alpine Schutzhütten unter Wassermangel. "Schneefelder, die langsam abschmelzen, sorgen für eine gleichmäßige Wasserversorgung", sagt Steffen Krause vom Fachgebiet Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik an der Universität der Bundeswehr in München. Wenn die Schneefelder schon im Winter schmelzen oder gar nicht mehr entstehen, geht auch ihre Speicherfunktion verloren. Zudem wird es durch den Klimawandel insgesamt trockener in den Alpen. Seit diesem Jahr untersucht Krause zusammen mit seinem Kollegen Christian Schaum sowie Gesundheitsämtern und Alpinisten aus Deutschland, Österreich und Italien, wie sich der Trinkwassermangel auf den Hütten lösen lässt. Bereits jetzt gebe es vereinzelt Einschränkungen. "Wanderer können dann womöglich nicht mehr die Trinkflaschen auffüllen oder müssen beim Duschen sparen." Neben schwindenden Ressourcen spiele jedoch auch eine Rolle, dass immer mehr Menschen in die Alpen strömen und Wasser verbrauchen.

An manchen Orten kann der schwindende Schnee zur existenziellen Bedrohung werden. Millionen Kalifornier beziehen ihr Trinkwasser aus Reservoirs, die sich aus Schmelzwasser der Sierra Nevada speisen. Beobachtungen von Forschern zeigen jedoch, dass der Klimawandel den Winter in dem Gebirge merklich verkürzt hat. Damit verlängert sich der Sommer, und damit auch die Saison der Waldbrände.

Auch die europäischen Hochgebirge wird der Klimawandel umgestalten. "Berge in Europa werden völlig anders aussehen", schreiben Klimaforscher von 20 verschiedenen Forschungsinstituten im Fachblatt Cryosphere. "Gletscher in niedrigen und mittleren Lagen werden verschwunden sein, selbst große Talgletscher werden einen starken Rückgang und Masseverlust hinter sich haben." Die Schneegrenze liege dann höher, die Schneesaison dauere viel kürzer als heute.

Gelingt es, die Treibhausgas-Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts zu halbieren, könnte man immerhin ein bisschen was retten. Statt 70 Prozent des Schnees einzubüßen, läge der Rückgang bis 2100 dann bei einem Drittel. Gelangt dagegen weiter ungebremst Kohlendioxid in die Atmosphäre, könnte es nach einer Studie des Schweizer Schneeforschungsinstituts bis 2100 unterhalb von 1200 Metern praktisch keinen Schnee mehr geben. Selbst auf 1500 Metern würde sich die Anzahl der Schneetage im Vergleich zu heute halbieren.

© SZ vom 29.12.2018

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