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Klima:Profiteure des Wandels

Der Rückgang von Schelf- und Meereis in der Antarktis bewirkt, dass miskroskopische Lebewesen am Meeresboden schneller wachsen.

(Foto: Torsten Blackwood/AP)

Moostierchen in der Antarktis vermehren sich schneller als früher, sie binden dadurch mehr CO2.

Der Rückgang von Schelf- und Meereis rund um die Antarktis hat neue Chancen für mikroskopische Lebewesen am Meeresboden eröffnet. Sie wachsen seit gut 20 Jahren schneller als früher und entziehen der Atmosphäre dabei einen Teil des Kohlendioxids, das die Eisschmelze maßgeblich beschleunigt. "Ein bedeutender Teil der Oberfläche des Planeten - mehr als drei Millionen Quadratkilometer - zeigt sich als bedeutende Kohlenstoff-Senke und hat eine negative Rückwirkung auf den Klimawandel", sagt David Barnes vom British Antarctic Survey, der zwei Jahrzehnte lang das Wachstum sogenannter Moostierchen vor der Westantarktis verfolgt hat. Eine negative Rückwirkung ist etwas, was die Welt sich im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung nur wünschen kann, weil diese so ihre eigene Ursache bremst.

Bisher hat die Klimaforschung allerdings vor allem positive, beschleunigende Rückwirkungen aufgespürt. Zum Beispiel führt das Verschwinden von Eis auf dem Wasser dazu, dass die Oberfläche vor allem am Nordpol dunkler wird und mehr Wärmestrahlung der Sonne absorbiert. Rund um den Südpol ist die Eisfläche allerdings leicht gewachsen, so dass dieser Effekt nicht zum Tragen kommt. Zudem habe sich das Eis verlagert, schreibt Barnes. Schelfeis ist in Regionen im Westen des Kontinents zurückgegangen, wo Boden-Lebewesen von dem verstärkten Licht und der Wärme profitieren, dafür ist das Meereis im Osten gewachsen.

Barnes hat vor den Inselgruppen Südgeorgien und Süd-Orkney sowie in Schelfregionen der Westantarktis zwischen den späten 1980er-Jahren und dem Jahr 2010 immer wieder Proben von sechs Moostierchen-Arten genommen. Die kleinen Vielzeller wachsen in einiger Tiefe am Meeresboden; sie machen etwa drei Prozent der Biomasse dort aus. Sie binden zurzeit etwa 275 000 Tonnen CO2 mehr als zu Anfang der Untersuchung. Hochgerechnet auf das ganze Ökosystem kommt Barnes auf elf Millionen Tonnen Kohlendioxid, die jährlich zusätzlich aufgenommen werden (Current Biology, Bd. 25, S. R789, 2015). So imposant diese Zahl auch klingt: Es ist ein kleiner Bruchteil der 36 Milliarden Tonnen, die pro Jahr in die Atmosphäre entlassen werden.

© SZ vom 22.09.2015

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