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Klima in den Alpen:"Nur eine Minderheit realisiert, was passiert"

Auch in den Alpen droht ein deutlicher Anstieg der Temperaturen. Forscher Hartmut Graßl über zögerliche Politiker und die Zukunft der Skigebiete.

Hartmut Graßl, 69, ist einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands. Der Physiker und Meteorologe, der aus der Ramsau in Oberbayern stammt, lehrte viele Jahre an der Universität Hamburg und leitete das Max-Planck-Institut für Meteorologie in der Hansestadt. Graßl war auch Chef des Weltklimaforschungsprogramms der World Meteorological Organization in Genf. Als Vorsitzender des Klimaschutzrates ist er der wichtigste Berater der Staatsregierung in Sachen Klimaschutz.

Alpen, dpa

Steigende Temperaturen und Wetterextreme: Der Klimawandel trifft auch die Alpen.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Klimaszenarien von Forschern wie Ihnen gehen von einer Erwärmung in den Alpen von vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Was kommt da auf uns zu?

Graßl: Diese Szenarien beschreiben, was passiert, wenn alle Bemühungen um einen wirklichen Klimaschutz scheitern. Noch können wir umsteuern, dann fallen die Klimaerwärmung und damit all die Folgen in den Alpen, aber auch überall sonst auf der Welt nicht so dramatisch aus. Fest steht, dass bis Mitte des Jahrhunderts die Schneefallgrenze deutlich nach oben geht, die Anzahl der Lawinen, Muren und Steinschläge zunimmt, und es viel öfter zu Hochwassern, aber auch Windwürfen in den Wäldern kommt als bisher. Was dann passiert, hängt davon ab, was die Regierungen jetzt tun, um den Ausstoß von Klimagasen zu senken.

SZ: Ist sich die Bevölkerung der dramatischen Lage bewusst?

Graßl: Ich denke, es ist nur eine Minderheit, die das Ausmaß des Klimawandels realisiert hat.

SZ: Und die Staatsregierung?

Graßl: Die Politiker sind sensibler geworden. Umweltminister Markus Söder zum Beispiel hat völlig recht, wenn er den Klimaschutz die zentrale Herausforderung überhaupt nennt.

SZ: Aber Sie selbst haben die Staatsregierung kritisiert, weil sie in ihrem Klimaprogramm 2020 zu wenig "harte Ziele" formuliert hat.

Graßl: Das ist ja auch so. Wir als Klimarat hätten seinerzeit gerne drinstehen gehabt, dass Bayern den CO2-Ausstoß bis 2020 von sieben Tonnen pro Kopf der Bevölkerung auf fünf reduziert. Das wäre möglich. Aber das hat der ehemalige Wirtschaftsminister Erwin Huber dem Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber bei einem Frühstück ausgeredet. Die Staatsregierung hat viel zu lange auf die Auto- und Energielobby gehört.

SZ: Hat sich das geändert?

Graßl: Das Wesentliche ist doch, dass die Autoindustrie beim CO2-Ausstoß bei Neuwagen durch die neuen Vorgaben der EU umdenken musste. Und sollte die Klimakonferenz in Kopenhagen jetzt tatsächlich scharfe Beschlüsse fassen, könnte die Staatsregierung gezwungen sein, den CO2-Ausstoß in Bayern unter fünf Tonnen pro Kopf und Jahr zu senken.

SZ: Viele sagen, die Bevölkerung in den entwickelten Ländern müsse ihren Lebensstil überdenken.

Graßl: Da schwingt mit, dass Klimaschutz Aufgabe jedes Einzelnen ist. Ich halte ordnungspolitische Instrumente für sehr viel sinnvoller, etwa indem man vorschreibt, dass in Neubauten ein Viertel des Energieverbrauchs aus regenerativen Quellen gedeckt werden muss, oder - wie in Japan - Elektrogeräte, die neu auf den Markt kommen, weniger Energie verbrauchen müssen als die sparsamsten vergleichbaren Geräte auf dem Markt. Solche Vorgaben sind nicht nur sehr wirksam, sie haben den großen Vorteil, dass sie den Staat keinen Cent kosten.

SZ: Wo kann Bayern besser werden?

Graßl: Man muss noch mehr für die energetische Sanierung von Altbauten tun, da liegt am meisten brach. Auch bei den regenerativen Energien ist mehr drin. Zwar ist Bayern Solarweltmeister, aber bei der Windenergie hinkt es hinterher. Der Klimaschutz sollte zentrales Kriterium staatlicher Förderpolitik werden. Nicht nur aus umweltpolitischer Einsicht, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Klimaschutzpolitik ist Industriepolitik. Klimaschutztechnologien sind die Zukunftstechnologien schlechthin. Ist Bayern da vorne, entstehen viele tausend attraktive Arbeitsplätze im Freistaat.

SZ: Was ist mit Kommunen wie am oberbayerischen Sudelfeld, die auf Millionen des Freistaats hoffen, um ihr Skigebiet mit Schneekanonen aufzurüsten?

Graßl: Das ist der völlig falsche Weg. So etwas darf der Staat nicht fördern. Nicht nur weil das privatwirtschaftliche Projekte sind, die privat finanziert werden müssen. Sondern weil klar ist, dass tiefliegende Skigebiete wie das Sudelfeld in 20 oder 30 Jahren pleitegehen, weil sie zu wenig schneesicher sind und es oft zu warm ist für eine Beschneiung - auch wenn das die Leute dort nicht wahrhaben wollen.

SZ: Was ist mit der Risikovorsorge gegen Lawinen und Muren, Hochwasser und Stürme, die sich häufen werden?

Graßl: Natürlich wäre es richtig, wenn Bayern auch da noch mehr täte. Denn da kommt viel auf uns zu. Bei mir daheim in der Ramsau sind in den letzten Jahren Lawinen an Stellen runtergekommen, an denen es seit Menschengedenken keine gab. Gegen solche Gefahren hilft nur ein intakter Schutzwald. Doch den muss man erst einmal haben. Fairerweise muss man sagen, dass Bayern eines der wenigen Bundesländer ist, die bereits ein Anpassungsprogramm haben. Und zwar mit weitreichenden Vorgaben. Etwa dass Häuser, die ein Hochwasser zerstört hat, nicht mehr an der selben Stelle aufgebaut werden sollten.

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