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Kleines Hirn und großer Körper:Empfindsamer Koloss

Seekühe wirken behäbig, haben aber erstaunliche Fähigkeiten. Akrobatische Kunststücke lernen die eineinhalb Tonnen schweren Vegetarier genauso schnell wie Delphine.

Katrin Blawat

Wie verführerisch ist es doch, vom Äußeren auf die inneren Werte zu schließen. Die Seekuh ist groß, fett und faul - also auch dumm, schlussfolgerten bislang selbst Wissenschaftler.

Seekuh, rtr

Seekühe spielen im Crystal River in Florida mit einem Schwimmer.

(Foto: Foto: rtr)

Nun können die massigen Meeressäuger - bis zu vier Meter lang und anderthalb Tonnen schwer - auf Rehabilitierung hoffen.

Roger Reep, der als Neurobiologe an der University of Florida seit mehr als zehn Jahren alle Aspekte der Seekuh-Biologie erforscht, fordert, den intellektuellen Fähigkeiten der Seekuh mehr Hochachtung entgegenzubringen.

Denn akrobatische Kunststücke lernten Seekühe genauso schnell wie Delphine. Nur müsse die Trainingsmethode den behäbigen Tieren angepasst werden, argumentiert der Biologe: Seekühe bewegten sich nun einmal weniger elegant als ein Delphin, und für Fisch - das übliche Motivationsmittel der Trainer - schon gar nicht.

Denn Seekühe sind Vegetarier, die in freier Natur genug damit zu tun haben, 90 Kilogramm Meerespflanzen pro Tag abzuweiden. Für lustige Spielchen fehle einer Seekuh daher schlicht die Zeit, sagt Reep.

Auch könne man das bedächtige Gemüt einer Seekuh nicht mit der Begeisterungsfähigkeit eines Delphins vergleichen - ein Zeichen für mangelnde Intelligenz sei das aber noch lange nicht.

Tasthaare am ganzen Körper

Statt mit Eleganz punkten Seekühe mit einer ungeahnten Feinfühligkeit: Über den gesamten Körper verteilt besitzen sie antennenartige Tasthaare.

"Damit spüren die Tiere Artgenossen und Pflanzen auf. Außerdem können sie so auf Veränderungen der Wasserbewegung reagieren und sich von der kommenden Flut tragen lassen", sagt Reep.

Eine weitere Besonderheit der Seekuh-Anatomie diente bisher Kritikern der Reep'schen Intelligenztheorie als Argument: Die Seekuh hat im Verhältnis zu ihrer Körpermasse das kleinste Gehirn aller Säugetiere, das zudem sehr einfach strukturiert ist.

Der Körper ist zu groß für das Gehirn

"Mit Intelligenz hat das nichts zu tun", behauptet jedoch Reep. Da Seekühe weder Beute jagen müssten noch natürliche Feinde hätten, seien die dafür zuständigen Hirnareale eben wenig entwickelt.

Überhaupt müsse die Argumentation andersherum lauten: Nicht das Gehirn sei außergewöhnlich klein, sondern der restliche Körper ungewöhnlich groß. So könnten die Tiere ohne viel Energieaufwand ihre Körpertemperatur konstant halten. Auch das also ein schlauer Trick der Seekuh.

© SZ vom 30.08.2006
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