Klimakolumne:Ohne Kauf kein Rausch

Lockdown geht in die Verlängerung. War s das bereits mit der vorsichtigen Ladenöffnung? Primark. // 22.03.2021: DEU, Deu

Wer braucht eigentlich das ganze Zeug? Primark-Filiale in Stuttgart.

(Foto: Arnulf Hettrich via www.imago-images.de/imago images/Arnulf Hettrich)

Weil in Pandemie-Zeiten kaum jemand shoppen geht, türmen sich in den Großlagern die Klamotten. Eigentlich der ideale Zeitpunkt für die Branche, sich zu einem klimafreundlicheren Geschäftsmodell durchzuringen.

Von Vivien Timmler, München

Wann haben Sie sich zum letzten Mal schick gemacht? Also so richtig, mit Hemd und Sakko beziehungsweise Bluse und Blazer? Bei mir ist das eine halbe Ewigkeit her, wahrscheinlich war es der vorletzte Geburtstag meiner Oma, im Dezember 2019, also vor anderthalb Jahren. Seitdem: keine Familienfeier, keine Podiumsdiskussion, keine Gehaltsverhandlung.

Nicht nur fristet seitdem ein erheblicher Teil meiner Kleidung ein unbeachtetes Dasein hinter Ikea-Pax-Türen, es kommt auch kaum etwas hinzu. Warum auch? Im Home Office ist es herzlich egal, was ich anhabe - und für den Gang zum Supermarkt lohnt sich die Mühe nun wirklich nicht.

Wenig überraschend, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Der Handelsverband Textil schätzt, dass sich im deutschen Einzelhandel zwischenzeitlich etwa eine halbe Milliarde unverkaufter Kleidungsstücke getürmt haben. Und die Unternehmensberatung McKinsey hat errechnet, dass im vergangenen Jahr Klamotten im Wert von 200 Milliarden Dollar einfach liegen geblieben sind. Braucht halt niemand neue Kleidung in Pandemie-Zeiten - wobei "brauchen" ja schon immer relativ war.

60 Kleidungsstücke haben wir in Deutschland bis zuletzt im Schnitt im Jahr gekauft. Logisch, dass da die Industrie mitzieht und immer und immer mehr produziert. Statt vier Kollektionen im Jahr - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - spülen viele Firmen mittlerweile alle zwei Wochen neue Kleidung in den Markt. Fast Fashion nennt sich das. Die Menge an hergestellten Klamotten hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt - und damit natürlich auch die Menge an Rohstoffen, die dafür benötigt werden.

Statt einer neuen Strategie lieber noch eine "Conscious Collection"

Bei einer Jeans können das beispielsweise mehrere Tausend Liter Wasser sein, bei einem Funktionsshirt oder einer Regenjacke literweise Erdöl. Das Wasser wird neben dem Färben der Kleidung vor allem für den sehr ressourcenintensiven Baumwoll-Anbau benötigt, das Erdöl ist schlicht die Basis, aus der Polyester entsteht. Das ist mittlerweile übrigens in gut 60 Prozent aller Kleidungsstücke enthalten, um sie elastisch und geschmeidig zu machen - und landet über Waschmaschinen und sonstigen Abrieb in Form von Mikroplastik nicht selten dort, wo es ganz sicher nicht hingehört: in den Flüssen und Meeren dieser Welt.

All das ist schon seit Jahren bekannt, und trotzdem haben die Menschen Tag für Tag die Filialen der großen Billigmodeketten gestürmt - bis es wegen Corona nicht mehr ging. Plötzlich sinken die Umsätze von Primark, Zara und H&M, müssen sich New Yorker und Mango Gedanken darüber machen, wohin mit all den überschüssigen Klamotten, die noch nie jemand gebraucht hat und die nun endlich auch niemand mehr will. Die Corona-Krise führt einer ganzen Branche die Absurdität ihres Geschäftsmodells so brennglasartig vor Augen, das ein "weiter so" regelrecht absurd erscheint.

Doch anstatt die Corona-Krise als Chance zu begreifen, die eigene Strategie zu überdenken und schlicht weniger und dafür nachhaltiger zu produzieren, setzt sich ein anderer Trend fort: Die Fast-Fashion-Labels nutzen die Macht, die das Wörtchen "Nachhaltigkeit" im Marketing-Kontext entfalten kann: Hier noch eine "conscious collection", da noch eine Linie aus Bio-Baumwolle, ein paar Treuepunkte gesammelt, weil man sich für die teurere, aber umweltfreundliche Verpackung entschieden hat. Fertig ist das neue Öko-Image, fertig ist der grüne Kaufrausch.

Doch der Plan könnte einen Haken haben. Nämlich den, dass außer mir in den letzten Monaten noch ziemlich viele andere bemerkt haben, dass man nicht nur "nicht so viel" neue Kleidung braucht, sondern so gut wie gar keine - und dass wir diese Erkenntnis auch in die Post-Pandemie-Zeit hinüberretten. Spätestens dann würden die Händler begreifen, dass das ganz schön viele Klamotten sind, auf denen sie da sitzen bleiben. Und dass auch das letzte Lager irgendwann voll ist.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

© SZ/weis
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