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Klatsch und Tratsch:Lasst sie doch reden!

Sie haben keinen guten Ruf - doch ohne Klatsch und Tratsch funktioniert keine Gesellschaft. Durch Gespräche über nicht anwesende Personen warnen wir uns gegenseitig vor unredlichen Mitmenschen und stärken die Hilfsbereitschaft.

Auch die Hopi-Indianer machen es. Die Traditionalisten des Stammes tratschen zum Beispiel über Gruppenmitglieder, die stärker mit der amerikanischen Regierung zusammenarbeiten wollen - und umgekehrt, notierte 1970 der Anthropologe Bruce Cox.

Was für ein langweiliger Ort wäre das Treppenhaus, gäbe es kein nachbarschaftliches Getratsche. Wer hier Gerüchte austauscht, folgt einer uralten Regel der Menschheit: Halte dich über die anderen auf dem Laufenden. (Szene Tratsch im Treppenhaus, Theater am Stadtwald, ASV Dachau.)

(Foto: DAH)

Ähnliches spielt sich zwischen Kindern auf dem Schulhof ab, unter Kollegen in der Kaffeeküche und bei Nachbarn am Gartenzaun. Kaum stehen Menschen zusammen, fangen sie an zu reden: über andere Menschen. Etwa zwei Drittel aller Wortwechsel zwischen Erwachsenen drehen sich um andere, gerade abwesende Personen - um Klatsch. Frauen wie Männer aller Epochen und Kulturen verhalten sich so.

Das Tratschen hat zwar keinen guten Ruf. Doch Psychologen und Evolutionsforscher haben in den vergangenen Jahren zweifelsfrei erkannt: Ohne all das scheinbar sinnlose Gerede über die anderen würde die menschliche Gesellschaft weder existieren noch funktionieren. So banal die Inhalte dieser Wortwechsel oft sind, so groß ist deren Bedeutung. Klatsch ist nicht nur bösartiges Geläster, er vermittelt auch Benimmregeln, soziale und kulturelle Werte. "Klatsch hilft, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten", sagt Robb Willer von der University of California.

Das sind große Worte, die sich in Studien vielfach bewahrheitet haben. Auch in einer Untersuchung, die Willer und seine Kollegen kürzlich im Fachmagazin Journal of Personality and Social Psychology beschrieben haben (online). Die Forscher ließen Testpersonen zwei Spieler beobachten, von denen einer ständig die Regeln verletzte.

Dies zu sehen, bereitete den Probanden Stress, erkennbar an einer erhöhten Herzrate. Durfte der Proband weitere Spieler mit einer Notiz vor dem Schummler warnen, beruhigte sich sein Herzschlag schneller als der anderer Probanden, die nur ein unwichtiges Detail über den Spielverlauf weitergegeben hatten.

Auch berichteten die Versuchsteilnehmer hinterher selbst, das Tratschen habe ihnen Erleichterung verschafft. Die meisten von ihnen waren sogar bereit, Geld zu bezahlen, um ihr Wissen über einen unfairen Spieler weitergeben zu dürfen. Von dem Getratsche profitierten andere Spieler, weil sie vor einem unfairen Gegner gewarnt waren. "Ein wichtiger Grund für Klatsch liegt offenbar darin, anderen zu helfen", folgern die Forscher. Der sogenannte prosoziale Klatsch erhält somit seine Berechtigung: "Wir sollten uns nicht schuldig fühlen, wenn er vermeiden hilft, dass andere Menschen übervorteilt werden", sagt der Sozialpsychologe Willer.

Warum aber waren die Probanden so begierig darauf zu helfen? Seit Jahren fragen sich Forscher, was Menschen dazu treibt, sich für andere einzusetzen - sogar wenn das ihnen selbst keinen unmittelbaren Vorteil bringt. Eine schlüssige Antwort lautet: Es geht um den Ruf. "Reputation ist sehr wichtig in einer Gemeinschaft", sagt Manfred Milinski, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön, und nennt ein Beispiel: "Ich lasse am Bahnhof einen Fremden am Schalter vor, der sonst seinen Zug verpasst. Meine Bekannten in der Schalterhalle sehen das und reden gut über mich. Ich werde also später von meinem guten Ruf profitieren."

Demnach ist Klatsch das Werkzeug, mit dem die sozial und biologisch wichtige Reputation von Menschen weitergetragen wird. Nun mag die Vorstellung ernüchtern, dass Menschen sich vor allem unterstützen, weil sie böses Gerede fürchten.

Über Regelbrecher wird besonders gern getratscht

Doch Studien zeigen ebenso wie die Lebenserfahrung: Über Regelbrecher, selbstsüchtige, unkooperative und manipulative Menschen wird besonders gern geklatscht. Wer andere um ihr Geld bringt, muss damit rechnen, dass sein anrüchiges Verhalten bald die Runde macht. Und die Angst davor kann abschreckend genug wirken, um Hinterlist und Betrug zu verhindern.

Die Frage ist nur: Wie glaubwürdig ist das Gerede? Schließlich haben Gerüchte oft eine lange Reise hinter sich, und das "Stille-Post-Phänomen" gilt auch für Klatsch und Tratsch. Das bestätigt auch Milinskis Forschung: "Bei jeder Runde geht ein Drittel der Information verloren", sagt der Evolutionsökologe. Doch diese Unzuverlässigkeit stört das Gehirn offenbar kaum. Von Geschichten, auch wenn sie womöglich unwahr sind, lässt es sich stärker beeindrucken als von überprüfbaren Fakten.

Ob die zwei neuen Mitglieder des Tennisclubs endlich zusammengefunden haben, merken sich die meisten Menschen leichter als die Namen der beiden. "Klatsch befriedigt die Gefühle ähnlich, wie es Literatur vermag", schrieb der Psychologe Eric Foster vor einigen Jahren im Review of General Psychology.

Dabei kann die Vorliebe für Geschichten und Gerüchte beinahe unheimliche Ausmaße annehmen, wie die Plöner Wissenschaftler in einem Versuch festgestellt haben. Sogar wenn ihre Probanden wussten, dass eine Information über die Fairness des Gegners manipuliert war und nicht der Realität entsprach, vertrauten sie den Geschichten - und zwar selbst dann, wenn sie sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatten, dass die übermittelten Fakten falsch sein mussten. "Das ist befremdlich", sagt Milinski, "vielleicht nimmt man unterbewusst an, der Informant weiß mehr als man selbst."

Spätestens hier kommt die dunkle Seite des Klatsches ins Spiel. Schließlich kann er Gruppen nicht nur zusammenhalten und zur Hilfsbereitschaft animieren, sondern auch manipulieren und einen Ruf ebenso dauerhaft wie unberechtigt zerstören. Schmal ist der Grat zwischen nützlichem Klatsch und bösem Gerede. Doch am Plöner Max-Planck-Institut haben die Gruppen-Experimente Hinweise auf eine Art Schutzmechanismus entdeckt, der möglicherweise davor bewahrt, den größten Quatsch blindlings zu glauben. "Starken Über- oder Untertreibungen in den Geschichten über andere Menschen haben die Probanden nicht vertraut", sagt Milinski. "In der Regel glaubten sie der Mehrheitsmeinung."

Zeit sparen mit Klatsch

Kursieren drei Geschichten über die Hilfsbereitschaft des neuen Kollegen und gleichzeitig ein einzelnes Gerücht darüber, wie er einmal ruppig Unterstützung verweigert haben soll, muss der Mitarbeiter demnach kaum um seinen guten Ruf fürchten. Wer einen Mitmenschen mit gezieltem Klatsch ins Abseits bringen will, muss also genau wissen, wie weit er gehen kann. "Klatsch ist nicht nur ein ernstes Geschäft", schrieb der Anthropologe Max Gluckman vor fast 50 Jahren, "sondern manchmal auch eine hohe Kunst."

Wie sich diese Kunst im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelt hat, formulierte der Evolutionsanthropologe Robin Dunbar in einer berühmt gewordenen Theorie. Demnach begann der Siegeszug des Klatsches, als der Mensch in immer größeren Gemeinschaften lebte.

Das führte zu einem Dilemma: Einerseits konnte es für spätere Allianzen überlebenswichtig sein, jedes Wer-mit-Wem in der Gruppe mitzubekommen. Doch sich bei jedem Sippenmitglied persönlich auf dem Laufenden zu halten, kostete zu viel Zeit, schließlich gab es auch noch anderes zu tun, zum Beispiel das Jagen.

Dunbar zufolge war es dieses Zeitproblem, aus dem heraus sich die Sprache entwickelte - und mit ihr die Vorliebe für Klatsch. So konnte man sich mit wenig Aufwand über alles und jeden informieren, und zugleich stärkte das Tratschen über die neuen Marotten des Sippenchefs die Gemeinschaft: Klatsch als sozialer Kitt. "Während sich Affen stundenlang das Fell pflegen, tratschen Menschen ebenso lang über andere Personen, und in beiden Fällen hilft die gemeinsam verbrachte Zeit, soziale Bindungen zu stärken", schreibt Roy Baumeister.

Für den Sozialpsychologen von der Florida State University hat Klatsch eine weitere Funktion: Er helfe zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Mit Geschichten über das Schicksal anderer ließen sich nicht nur soziale Werte vermitteln, sondern auch konkrete Benimmregeln. Wenn etwa Eltern ihrem Kind beibringen wollen, eine Straße nicht blindlings zu überqueren, können sie es mit Argumenten oder Drohungen probieren - oder indem sie erzählen, wie der Nachbarjunge einmal beinahe mit einem Auto zusammengestoßen wäre. Die Wahrscheinlichkeit sei groß, dass die letzte, auf Klatsch basierende Methode die beste Wirkung zeige, so Baumeister. Auch unter Erwachsenen funktioniere diese Form des Lernens.

So hat die Wissenschaft hart daran gearbeitet, den Klatsch aus der Tut-man-nicht-Ecke herauszuholen. Doch Fragen bleiben. Warum zum Beispiel gieren so viele Menschen nach Details darüber, was zwischen Heidi Klum und Seal schiefgelaufen ist? Sozialer Kitt? Der Wille, den beiden zu helfen? Egal, es ist halt interessant.

© SZ vom 20.03.2012/mcs
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