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Kirchengeschichte:In der Hölle des Frommen

Fumone in Italien

Die Burg Fumone in Italien - an einem weniger düsteren Tag.

(Foto: oh)

Vor einem Jahr hat Benedikt XVI. abgedankt. Erst ein Papst hatte das vor ihm getan: Coelestin V. im Jahre 1294. Doch er erlitt ein schlimmes Schicksal. Ein Besuch auf der Burg Fumone, in der er als Gefangener einen elenden Tod starb.

Es sei "nicht leicht, anderswo einen so traurigen Verbannungsort zu finden", schrieb der Historiker und Deutschrömer Ferdinand Gregorovius im 19. Jahrhundert über das Burgdorf Fumone. Einem "finsteren Räubernest" gleich erhebe sich das Kastell drohend über der Straße. Wer sich heute an einem Wintertag den Festungsmauern des Städtchens nähert und zwischen Türmen und Palazzi hinauf zur Burg steigt, kann noch immer die unheimliche Stimmung spüren, die Gregorovius an diesem ehemaligen Kerkerort der Päpste empfand.

Drinnen, im tausend Jahre alten Kastell, steht ein Brunnen, in den die Burgherren junge Frauen zu werfen pflegten, die sich - dem angeblichen jus primae noctis zum Trotz - nicht mehr als jungfräulich erwiesen. In einem Glas-Sarg liegt, wie eine Puppe gekleidet, die Leiche eines kleinen Marchese, der im Alter von fünf Jahren von seinen sieben eifersüchtigen Schwestern mit Arsen vergiftet worden sein soll. Und irgendwo in diesen kalten Wänden ist der Legende nach Gregor VIII. eingemauert, ein Gegenpapst, der hier im Mittelalter in Kerkerhaft starb.

Bedeutend ist Fumone jedoch vor allem als Gefängnis eines anderen Pontifex, Coelestin V., einer der unwahrscheinlichsten Gestalten der Papstgeschichte. Der "Engelspapst", wie er von Zeitgenossen genannt wurde, hatte im Dezember 1294 eine ungeheuerliche Tat begangen, welche die Kirche erschütterte: Er dankte ab. Bald darauf wurde der fromme Greis von seinem machtbewussten Nachfolger Bonifaz VIII. in Fumone eingekerkert. Der winzige, düstere Winkel zwischen einem Turm und einer Mauer, in der Coelestin in Kälte und Dunkelheit darbte, ist noch heute zu sehen. An diesem beklemmenden Ort harrte der weit über 80 Jahre alte Ex-Papst viele Monate lang im Gebet aus, bis er schließlich am 19. Mai 1296 starb.

Sehnsucht nach Ruhe im Gebet

Coelestin war bis in jüngste Zeit der einzige Pontifex der Kirchengeschichte, der aus freiem Willen das Papstamt niederlegte, das ihm doch, katholischer Lehre zufolge, zum Stellvertreter Christi auf Erden machte. Vor einem Jahr dann, am 11. Februar 2013, tat es ihm Benedikt XVI. nach. Der große Verzicht verbindet die beiden Kirchenführer über die Jahrhunderte hinweg in besonderer Weise. Beide litten an der Last ihres Amtes im hohen Alter und fühlten sich offensichtlich damit überfordert, die Kirche mit starker Hand in schwierigen Zeiten zu lenken. Beide sehnten sich nach Ruhe im Gebet. Beide beriefen daher ihre Kardinäle ein und legten mit ähnlichen Worten ihr Amt nieder.

"Aus der Schwäche meines Körpers und der Unfähigkeit zum Lehramt, überhaupt wegen der Schwäche meiner gesamten Person, verzichte ich ausdrücklich auf den Thron, die Würde, das Amt und die Ehre des Papstes", gab Coelestin bekannt. "Ich bin zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben", verkündete Benedikt.

So ähnlich ihre Abdankung war, so unterschiedlich verlief das weitere Schicksal der beiden Kirchenfürsten. Auf Coelestin warteten Flucht und Kerkerhaft, während Benedikt als verehrter "papa emeritus" in ein beschauliches Kloster inmitten der Vatikanischen Gärten zog.

Denkt Benedikt bei seinen Spaziergängen dort manchmal an das Schicksal des Engelspapstes? Wurde er von Coelestin gar zu seinem eigenen Verzicht animiert? Sicher ist, dass Papst Benedikt, als er noch im Amt war, seinem Vorgänger eine Aufmerksamkeit schenkte, die aus heutiger Sicht wie ein Vorzeichen wirkt.

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