Kindergesundheit "Wir verschleudern die Talente von Zigtausenden Kindern"

Doch selbst wenn Eltern wissen, dass der Gemüseauflauf für ihr Kind besser ist als die Fertig-Pizza, können sie sich eine gesunde Ernährung oft nicht leisten. Das gilt besonders für Familien mit mehreren Kindern. 2008 lebten 22 Prozent der Familien mit drei Kindern von einem Einkommen, das unter 60 Prozent des Durchschnitts liegt. Bei Familien mit vier und mehr Kindern waren es 36 Prozent der Familien. Das Armutsrisiko kinderreicher Haushalte sei gegenüber 1998 überdurchschnittlich gestiegen, stellt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fest.

Es sei kaum möglich, mit dem Hartz-IV-Regelsatz ein Kind gesund zu ernähren, hat das Institut für Kinderernährung in Dortmund berechnet. Auch wenn man Lebensmittel nur beim Discounter kaufe, reichten 3,42 Euro pro Tag für Jugendliche ab 14 Jahren nicht für eine ausgewogene Ernährung. Gut ein Euro mehr müsste es mindestens sein. Inzwischen wurde der Betrag um 12 Cent erhöht.

Depressionen, Kopfschmerzen, Entwicklungsstörungen

Zunehmend rücken die psychischen Probleme armer Kinder in den Vordergrund. Das Hauptproblem seien heute nicht mehr die klassischen Kinderkrankheiten und Infektionen, sagt Fegeler. Stattdessen betreffen Entwicklungsstörungen, Depressionen, Kopfschmerzen und psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen unklarer Ursache Kinder aus sozial schwachen Familien überdurchschnittlich häufig. Die Kiggs-Studie bestätigt dies: Etwa bei jedem vierten Kind mit niedrigem Sozialstatus zwischen drei und 17 Jahren gab es Hinweise auf psychische Probleme. Während etwa 15 Prozent der 11- bis 17-Jährigen aus der Oberschicht Symptome einer Essstörung zeigen, sind es bei Gleichaltrigen mit niedrigem Sozialstatus mehr als 27 Prozent. Der Anteil von Kindern mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen ist um das Doppelte erhöht.

Das Wohlergehen eines Kindes hängt nicht nur von der medizinischen Versorgung ab. Notwendig ist auch die soziale und kulturelle Förderung. "Kinder müssen Mitglied im Sportverein sein können, oder beispielsweise in einer Band Musik machen," fordert Fegeler. Solche Gruppen seien enorm wichtig, damit sich Kinder trotz problematischer sozialer Bedingungen gesund entwickeln. Doch das scheitert häufig am fehlenden Geld für Mitgliedsbeiträge, Instrumente, die Sportausrüstung, oder Fahrtkosten. Mehr als ein Drittel der Unterschichtkinder treibt seltener als einmal pro Woche Sport, hingegen nur ein Sechstel der Kinder aus besseren Verhältnissen. Und so schneiden sozial schlechter gestellte Kinder laut Kiggs-Studie im Schnitt deutlich schwächer ab, wenn motorische Fähigkeiten getestet werden, etwa ausdauerndes Hüpfen oder das Stehen auf einem Bein.

Wie wichtig eine intensive Förderung ist, wird besonders auffällig bei Kindern mit einer Behinderung wie dem Down-Syndrom. Beschäftigt man sich intensiv mit ihnen, könnten diese Kinder oft Erstaunliches erreichen, hat Fegeler beobachtet. Wo Familien ihre Kinder, ob gesund oder behindert, nicht ausreichend fördern könnten, sei eine frühe Betreuung in einer gut ausgestatteten Kindertagesstätte notwendig. "Und die muss selbstverständlich kostenlos sein", fordert Fegeler. Wer hingegen arbeitslose Mütter mit einem Betreuungsgeld dazu zu animiere, ihre Kinder nicht in die Kita zu schicken, verhindere die notwendige Förderung.

Dass es an guten Betreuungsangeboten fehlt, sieht der Arzt als wichtigen Grund dafür, dass Kinder aus armen und bildungsfernen Familien so viel schlechter dran sind als andere. "Wer sagt: 'Wozu brauchen Arbeitslose einen Kita-Platz für ihre Kinder, die sind doch zu Hause und können sich selbst darum kümmern', der übersieht, wie teuer uns das zu stehen kommt", sagt Fegeler. "Wir verschleudern dadurch die Talente von Zigtausenden Kindern, die sich körperlich und geistig nicht so entwickeln, wie es möglich wäre. Das kann sich unser Land wirklich nicht leisten."