Kinderernährung Leiden von Anfang an

Während in Deutschland etwa 14 Prozent der Kinder in der höchsten Einkommens- und Bildungsschicht als übergewichtig gelten, beträgt der Anteil der dicken Kinder in den weniger wohlhabenden Schichten ungefähr 25 Prozent.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Armut macht dick und krank. Eine europaweite Studie mit mehr als 16 000 Kindern zeigt, wie soziale Nachteile in jungen Jahren Übergewicht, Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung begünstigen.

Von Werner Bartens

Vielen Kindern in Europa geht es nicht gut. Sorgen drücken sie, sie ernähren sich nicht gut und sie bewegen sich zu wenig. Sogar in einem reichen Land wie Deutschland sind mehr als zwei Millionen Kinder einem "erhöhten Armutsrisiko" ausgesetzt, weil sie in Haushalten leben, denen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung stehen. Immerhin jedes siebte Kind ist von Hartz IV abhängig. Für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden hat das massive Folgen.

Wie sehr Krankheitsrisiken und Lebenserwartung vom Einkommen und der Ausbildung abhängen, zeigt eine der bisher größten Studien zur Kindergesundheit in Europa. Mehr als 16 000 Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren aus acht Ländern nahmen daran seit 2007 teil. Der Großteil von ihnen wurde noch mehrere Jahre weiter beobachtet, bis sie zwischen neun und 17 Jahre alt waren. Auf diese Weise konnte der Einfluss der Familie und des sozialen Umfelds auf ihr Gesundheitsverhalten genauer analysiert werden.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen wie auch den sozialen Schichten sind enorm. Während im sozial benachteiligten Süditalien etwa 40 Prozent der Kinder unter zehn Jahren übergewichtig oder gar fettleibig sind, beträgt der Anteil im vergleichsweise wohlhabenden Belgien weniger als zehn Prozent. Mädchen sind häufiger dick als Jungen. In allen Ländern zeigt sich zusätzlich ein Gewichtsunterschied, der stark von der sozialen Klasse abhängig ist. Während in Deutschland etwa 14 Prozent der Kinder in der höchsten Einkommens- und Bildungsschicht als übergewichtig gelten, beträgt der Anteil der dicken Kinder in den weniger wohlhabenden Schichten hingegen ungefähr 25 Prozent.

"Kinder aus benachteiligten Familien brauchen mehr Unterstützung und Extraanstrengungen durch die Politik, denn sie schneiden in vielen gesundheitlichen Aspekten schlechter ab", sagt Wolfgang Ahrens vom Bremer Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, das entscheidend an der Studie beteiligt war. "Den Betroffenen und ihren Familien allein gelingt es nicht, die Kindergesundheit zu verbessern und beispielsweise das Übergewicht anzugehen."

19 Gramm Chips oder ein halbes Kilo Tomaten - in beiden Portionen sind gleich viel Kalorien

So zeigen weitere Beobachtungen der Forscher, dass aus sozial benachteiligten Familien mit etwa 20 Prozent doppelt so viele Kinder in der Zeit vom Grundschul- bis zum Jugendalter dick werden wie in der wohlhabenden Schicht, in der nur etwa zehn Prozent stark an Gewicht zulegen. Es sind offenbar das soziale Umfeld und die dort erlebten prägenden Lebensgewohnheiten, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung, die dazu beitragen, dass manche Kinder dick werden - und andere nicht. So ergab die Studie auch, dass bei Kindern in den wohlhabenden nördlichen Studienzentren Göteborg und Bremen trotz geografischer Distanz zum Mittelmeer eine gesunde mediterrane Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Nüssen und Fisch populärer war als im Süden.

Der Versuch, mit Präventionsprogrammen das Gesundheitsverhalten von Kindern zu verbessern, schlug leider weitgehend fehl. Obwohl die Wissenschaftler Lehrer schulten, wie sie "Gesundheitsbotschaften" in den Unterricht integrierten und obwohl sie Informationsveranstaltungen für Eltern ausrichteten, Broschüren verteilten und im schulischen Umfeld zu mehr Bewegung anregten, "waren die Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder, ihre körperliche Aktivität und Ernährung nur gering", stellt Stefaan de Henauw von der Universität Gent ernüchtert fest. "Immerhin zeigte sich, dass Eltern wie Kinder nach fünf Jahren etwas weniger gesüßte Speisen und Getränke zu sich nahmen."

Europaweit lässt sich feststellen, dass Kinder zu oft und zu viel energiereiche Nahrung zu sich nehmen, das heißt zu süß und zu fett essen und zu häufig zu Convenience-Produkten greifen, wie Fast Food, Fertiggerichte und andere stark verarbeitete Lebensmittel beschönigend heißen. Aber auch hier zeigen sich die sozialen Unterschiede: Wer weniger verdient und schlechter ausgebildet ist, greift eher zu Pommes, Fertigpizza, Dosennahrung und anderen kalorienreichen Lebensmitteln - und die Kinder machen es meistens nach.

"Die Eltern sind das natürliche Rollenmodell für die Kinder", sagt Valeria Pala vom nationalen Krebszentrum in Mailand, die ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war. "Wenn beide Eltern sich zuckerreich ernähren und Softdrinks und Limonaden auf dem Tisch stehen, ist es dreimal so wahrscheinlich, dass die Kinder auch zu einer zu süßen Ernährung neigen."

Manchmal ist es hilfreich zu zeigen, was in welcher Nahrung steckt: So benutzten die Wissenschaftler zur Aufklärung Schautafeln, auf denen sechs Lebensmittelportionen gezeigt wurden, die jeweils 100 Kilokalorien enthielten: Diese Energiemenge findet sich in 16 Gramm Schokolade oder 19 Gramm Chips - aber auch in 250 Gramm Äpfeln oder 526 Gramm Tomaten.

Eine ungesunde Lebensführung lässt sich nicht nur am Gewicht der Kinder ablesen. Sind Kinder und Jugendliche dicker, schlafen sie auch oft zu wenig, was sich wiederum negativ auf ihre Gesundheit auswirkt, die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt und die Neigung zu Infektionen erhöht. Ein Teufelskreis. Zudem fehlt es Kindern europaweit an Bewegung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt ein Minimum von einer Stunde Sport oder vergleichbarer körperlicher Betätigung pro Tag für Kinder, damit sie gesund und psychisch stabil bleiben. Während immerhin 34 Prozent der - offenbar vorbildlichen belgischen Jungs - auf diese Dosis kommen, sind es in Zypern gerade zwei Prozent. Auch das Ausmaß an körperlicher Bewegung ist stark schichtenabhängig.

Gerade im Vorschul- und Grundschulalter sind Spiel- und Bolzplätze in erreichbarer Nähe wichtig, damit Kinder sich austoben können. "Guter Zugang zu solchen öffentlichen Plätzen und im Jugendalter zu Spazier- und Radwegen führt dazu, dass Kinder körperlich aktiver sind", sagt Wolfgang Ahrens. "Stadtplaner und Politiker können die Gesundheit von Kindern beeinflussen, wenn sie ihnen bessere Möglichkeiten bieten, sich in ihrer direkten Umgebung zu bewegen."

Passive, dicke Eltern? Immerhin können aktive Freunde ein gutes Vorbild sein

Neben Familie und sozialem Umfeld spielt auch der Medienkonsum eine Rolle für das Wohlergehen der Kinder. So zeigt die Studie, dass Kinder mehr Softdrinks, Fast Food und Fertigprodukte zu sich nehmen, wenn sie Werbung dafür im Fernsehen sehen. Entsprechend häufiger sind sie übergewichtig. Schauen sie gar während der Mahlzeiten fern oder verfügen über einen Fernseher im Kinderzimmer, ist das Risiko besonders groß, dass sie übergewichtig werden und sich nicht wohlfühlen.

Der Einfluss des sozialen Umfelds ist nicht zu unterschätzen - im Guten wie im Schlechten. Kinder orientieren sich sowohl mit ihrem Gewicht an Freunden und Familie als auch mit dem Ausmaß an körperlicher Aktivität. Ist der beste Kumpel dick, ist die Gefahr groß, selber dick zu werden. Das gilt allerdings auch umgekehrt und lässt immerhin hoffen: Sind die Freunde im Sportverein oder sonst ständig auf den Beinen, färbt das gute Vorbild höchstwahrscheinlich auch ab.