Süddeutsche Zeitung

Kinder in Deutschland:Ärmer, dicker, kränker

Die Statistik ist eindeutig: Kinder aus benachteiligten Familien rauchen häufiger, ernähren sich schlechter und sind öfter gewalttätig. Es bleibt die heikle Frage, wen man für die Ungleichheit verantwortlich macht: die Betroffenen oder die Gesellschaft?

Die Kluft öffnet sich früh. Kinder, die in einem armen Stadtviertel wie dem Berliner Wedding zur Welt kommen, wachsen vergleichsweise häufig mit Zigarettenqualm in der Wohnung auf. Etwa jede sechste Mutter mit niedrigem Einkommen raucht, obwohl sie ein kleines Baby zu Hause hat.

In Stadtteilen wie dem wohlhabenden Berlin-Zehlendorf ist das anders. Von den ökonomisch bessergestellten Müttern rauchen nicht einmal vier Prozent. "Das Risiko für ein Kind, dem Passivrauch ausgesetzt zu werden, ist in benachteiligten Familien viermal so hoch wie in begünstigten", sagt der Epidemiologe Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut.

Wie gesund ein Kind in Deutschland aufwächst, hängt zu einem erheblichen Teil von Wohlstand und Bildung seines Elternhauses ab. Bestürzt stellen Forscher fest, dass mit der Armut auch die Gesundheitsrisiken rapide wachsen. So gilt inzwischen jedes siebte Mädchen aus der Unterschicht als fettleibig; in der deutschen Oberschicht ist es nur jedes 25. Kind. Mehr als jedes dritte Mädchen aus benachteiligten Familien berichtet von Fressattacken mit anschließendem Erbrechen - im wohlhabenden oberen Drittel der Gesellschaft sind davon halb so viele Mädchen betroffen.

Ähnlich ist es bei psychischen Problemen: Jeder sechste Junge aus der Unterschicht gilt laut Robert-Koch-Institut als verhaltensauffällig oder als psychisch auffällig. In der Oberschicht ist es nur jeder zwanzigste. Bei den Mädchen ist der Unterschied noch ausgeprägter.

Egal ob Mediziner und Sozialwissenschaftler beobachten, wie viel Sport Jugendliche betreiben, ob sie rauchen oder gewalttätig werden - immer stellen sie ein soziales Gefälle fest: je wohlhabender und gebildeter die Eltern, desto gesünder die Kinder. Je ärmer die Eltern, desto gefährdeter die Kinder. Was natürlich nicht heißt, dass das Leben aller Jungen und Mädchen im Wedding oder im Münchner Hasenbergl vorherbestimmt wäre - auch dort kann man aufwachsen, ohne an Fettleibigkeit zu erkranken oder gewalttätig zu werden.

Mitten in der Sarrazin-Debatte

Doch die sozialen Unterschiede sind auf mehrfache Weise irritierend. Zum einen: Je größer sie werden, umso weniger glaubt man Politikern wie dem Sozialdemokraten Franz Müntefering, wenn diese beteuern, es gebe "keine Schichten in Deutschland" - denn es gibt sie, und offenbar stimmt das Selbstbild der Bundesrepublik als "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nicht mehr.

Zum anderen stellt sich die heikle Frage, wen man für die Ungleichheit verantwortlich macht: die Betroffenen oder die Gesellschaft. Man könnte die Frage auch polemisch stellen: Was kann die Allgemeinheit dafür, dass eine junge Schwangere in Duisburg-Marxloh zur Zigarette greift und mit dem Qualm ihr Baby gefährdet?

Mit solchen Fragen landet man mitten in der Sarrazin-Debatte über die Ursachen sozialer Unterschiede. Der Medizinsoziologe Nico Dragano von der Universität Duisburg-Essen, der die wachsenden Ungleichheiten seit Jahren mit Sorge beobachtet, warnt davor, "die Opfer einseitig verantwortlich zu machen". Sein Vorschlag konzentriert sich auf die Kinder: "Es muss darum gehen, die nachwachsende Generation zu befähigen, dem Kreislauf von Armut, geringer Bildung und hohen Gesundheitsrisiken zu entkommen." Damit helfe man denen, bei denen sich die Schuldfrage erübrigt: Ein Zweijähriger kann nun mal nicht entscheiden, ob seine Mutter rauchen darf oder nicht.

Ähnlich argumentieren die Wissenschaftler, die für Unicef jüngst die Lebenswelt der benachteiligten Kinder beschrieben haben: "In den ersten Jahren haben Kinder keinen Einfluss auf ihre Lebensumstände. Wenn sie in Armut aufwachsen, wenn ihre Gesundheit bedroht ist oder ihre kognitive Entwicklung schlechter ist, dann ist das nicht die Schuld der Kinder", heißt es in einem unveröffentlichten Bericht des UN-Kinderhilfswerks.

Gesundheitswissenschaftler betonen, dass Risiken der frühen Kindheit noch Jahrzehnte später wirksam sind: "Britische Langzeitstudien zeigen, dass gefährdete Kinder dann im Erwachsenenalter häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle erleiden", sagt Lampert. Letztlich sei ihre Lebenserwartung niedriger: Wer in einer Familie aus dem ärmsten Fünftel aufwächst, lebt im Schnitt sieben bis zehn Jahre kürzer als jemand, dessen Eltern zum reichsten Fünftel gehören.

Mag sein, dass der Tod alle Menschen gleich behandelt - sein Zeitpunkt aber hängt auch vom Wohlstand ab.

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Quelle:
SZ vom 26.04.2011
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