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Kinder in Deutschland:Mitten in der Sarrazin-Debatte

Doch die sozialen Unterschiede sind auf mehrfache Weise irritierend. Zum einen: Je größer sie werden, umso weniger glaubt man Politikern wie dem Sozialdemokraten Franz Müntefering, wenn diese beteuern, es gebe "keine Schichten in Deutschland" - denn es gibt sie, und offenbar stimmt das Selbstbild der Bundesrepublik als "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nicht mehr.

Zum anderen stellt sich die heikle Frage, wen man für die Ungleichheit verantwortlich macht: die Betroffenen oder die Gesellschaft. Man könnte die Frage auch polemisch stellen: Was kann die Allgemeinheit dafür, dass eine junge Schwangere in Duisburg-Marxloh zur Zigarette greift und mit dem Qualm ihr Baby gefährdet?

Mit solchen Fragen landet man mitten in der Sarrazin-Debatte über die Ursachen sozialer Unterschiede. Der Medizinsoziologe Nico Dragano von der Universität Duisburg-Essen, der die wachsenden Ungleichheiten seit Jahren mit Sorge beobachtet, warnt davor, "die Opfer einseitig verantwortlich zu machen". Sein Vorschlag konzentriert sich auf die Kinder: "Es muss darum gehen, die nachwachsende Generation zu befähigen, dem Kreislauf von Armut, geringer Bildung und hohen Gesundheitsrisiken zu entkommen." Damit helfe man denen, bei denen sich die Schuldfrage erübrigt: Ein Zweijähriger kann nun mal nicht entscheiden, ob seine Mutter rauchen darf oder nicht.

Ähnlich argumentieren die Wissenschaftler, die für Unicef jüngst die Lebenswelt der benachteiligten Kinder beschrieben haben: "In den ersten Jahren haben Kinder keinen Einfluss auf ihre Lebensumstände. Wenn sie in Armut aufwachsen, wenn ihre Gesundheit bedroht ist oder ihre kognitive Entwicklung schlechter ist, dann ist das nicht die Schuld der Kinder", heißt es in einem unveröffentlichten Bericht des UN-Kinderhilfswerks.

Gesundheitswissenschaftler betonen, dass Risiken der frühen Kindheit noch Jahrzehnte später wirksam sind: "Britische Langzeitstudien zeigen, dass gefährdete Kinder dann im Erwachsenenalter häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle erleiden", sagt Lampert. Letztlich sei ihre Lebenserwartung niedriger: Wer in einer Familie aus dem ärmsten Fünftel aufwächst, lebt im Schnitt sieben bis zehn Jahre kürzer als jemand, dessen Eltern zum reichsten Fünftel gehören.

Mag sein, dass der Tod alle Menschen gleich behandelt - sein Zeitpunkt aber hängt auch vom Wohlstand ab.