Kanadische Bären Wach bleiben, um zu überleben

Auf Vancouver Island verhungern die Bären. Deshalb hindern Tierschützer wie Julie Mackey die Jungtiere daran, Winterschlaf zu halten.

Interview: Bernadette Calonego

So viele verwaiste und halb verhungerte junge Bären hat man auf Vancouver Island in der kanadischen Provinz British Columbia noch nie gesehen. Acht davon sind an Julie Mackeys Arbeitsort gelandet, dem North Island Wildlife Recovery Centre in Errington, einem Refugium für verletzte wilde Tiere. Die 29-jährige Biologin muss die hungrigen Bärenbabys den Winter durch wachhalten.

Julie Mackey mit ihren Schützlingen.

(Foto: North Island Wildlife Centre/oh)

SZ: Julie Mackey, warum hindern Sie Bärenbabys am Winterschlaf?

Julie Mackey: Es klingt hart, ist aber ganz simpel. Die Bärenjungen würden verhungern, wenn ich sie sechs Monate ohne Nahrung schlafen ließe.

SZ: Winterschlaf ist für Bären aber doch etwas ganz Natürliches.

Mackey: Sicher, aber diese Schwarzbär-Jungen wurden total abgemagert hergebracht. Sie müssen jeden Tag fressen. Im Winterschlaf nehmen die Bären keine Nahrung zu sich und verlieren bis zu 50 Prozent ihres Körpergewichts.

SZ: Wie halten Sie die Tiere vom Schlafen ab?

Mackey: Sie haben helles Licht in ihren Räumen. Außerdem steht immer Futter bereit. Sie bekommen reichlich Fisch, Beeren, Früchte wie Äpfel und Pflaumen, manchmal auch Elchfleisch oder Wildbret. Und wir spielen ihnen auf einer CD Vogelgezwitscher, Froschquaken und andere Geräusche aus dem Regenwald vor.

SZ: Leiden die Bärenjungen jetzt nicht unter Schlafentzug?

Mackey: Nein, nein, so extrem ist es natürlich nicht. Sie schlafen schon in der Nacht, aber nicht ununterbrochen von November bis April wie andere Bären auf Vancouver Island.

SZ: Warum gibt es plötzlich so viele vom Hungertod bedrohte Bären auf Ihrer Insel?

Mackey: Wir können nur Vermutungen anstellen, denn dieses Phänomen ist neu für uns. Vor zwei Jahren fanden die Bärenmütter reichlich Futter, viele haben deshalb während des Winterschlafs mehrere Junge geboren, Zwillinge und Drillinge. Im Jahr darauf gab es wohl weniger Nahrung. Vielleicht konnten die Mütter nicht alle Jungen durchfüttern.

SZ: Jetzt übernehmen Sie das. Warum dürfen Sie die Bärchen nicht mal auf den Schoß nehmen?

Mackey: Das wäre gar nicht gut. Bärenjungen sollen sich nicht an Menschen gewöhnen. Die Bären sehen mich auch nicht die Futterschalen hinstellen. Ich rede nicht mal mit ihnen.

SZ: Sie spielen also nicht die Bärenmutter?

Mackey: Nein, die Tiere sollen ihre natürliche Angst vor mir behalten. Bevor ich das Gehege säubere, schlage ich mit der Schaufel an die Metalltüre. Dann fliehen sie vor dem Lärm in den hintersten der vier Räume und riechen und sehen mich nicht.

SZ: Die Bären werden im kommenden Sommer wieder in der Wildnis ausgesetzt. Bricht Ihnen so ein Abschied nicht manchmal das Herz?

Mackey: Für solche Gefühle haben wir seit 13 Jahren einen Bären hier, der nicht freigelassen werden darf, weil er in Gefangenschaft geboren wurde. Ihn muss ich nicht ständig hergeben.

SZ: Hat er einen Namen?

Mackey: Ja, er heißt zufällig Knut.