Süddeutsche Zeitung

Kampf gegen Klimawandel:Die Umwelt weißwaschen

"Wir wissen, was zu tun ist" - im Kampf gegen den Klimawandel warten Nobelpreisträger mit gewagten Ideen auf. Einer davon: Alle Dächer und Straßen der Welt sollen weiß getüncht werden.

Christopher Schrader

Der Vorschlag des amerikanischen Energie-Ministers wirkt kühn, vor allem in diesem Ambiente. Ausgerechnet in der historischen Picture Gallery des St. James's Palace in London, unter Kronleuchtern, vor Gemälden alter Meister, sieben Meter vom Hausherrn, dem britischen Kronprinzen Charles entfernt, empfiehlt der Physik-Nobelpreisträger Stephen Chu allen ernstes, die Welt möge ihre Dächer weiß streichen und auch den Straßen einen helleren Farbton geben.

Das anwesende Publikum nimmt die Idee wohlwollend zur Kenntnis, auch wenn man annehmen darf, dass niemand im Saal den im Tudor-Stil aus braunen Ziegeln gemauerten Palast von Prinz Charles vis-a-vis vom Buckingham Palace, nun weiß tünchen will.

Tatsächlich beeindrucken die Zahlen, mit denen Chu seinen für Laien zunächst skurril wirkenden Vorschlag begründet. Wenn helle Dächer und Straßen mehr Sonnenlicht zurück in den Weltraum reflektieren, brauchen Klimaanlagen weniger Energie. Von der eingesparten Energie könne man sämtliche Autos der Welt elf Jahre lang betreiben. "Solche Sparmaßnahmen sind der wichtigste Faktor, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu begrenzen", sagt Chu.

Viele seiner Zuhörer haben die gleichen akademischen Ehren erfahren wie der zum Minister gewandelte Physiker. 20 der 60 Teilnehmer der Londoner Konferenz haben einen Nobelpreis für Physik, Chemie, Wirtschaft, Frieden oder Literatur gewonnen. Die anderen in der elitären Runde haben sich als Forscher oder Leiter internationaler Organisationen dem Thema Klimawandel verschrieben.

Unter dem Titel "The fierce urgency of now" (Die grimmige Dringlichkeit des Jetzt, eine vom amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King entliehene Formulierung) traf sich die elitäre Runde zur zweiten Tagung dieser Art. Schon auf der ersten Konferenz, die Merkels Klimaberater Hans Joachim Schellnhuber im Oktober 2007 in Potsdam organisiert hatte, hatten die Nobelpreisträger an die Regierungen der Welt appelliert, den Klimaschutz voranzutreiben. Bei dem diesjährigen Treffen in London sind vor allem jene Politiker die Adressaten, die sich im Dezember in Kopenhagen zu einem entscheidenden Weltklimagipfel treffen werden.

"Ein Memorandum, das die Weisheit und Autorität dieser Gruppe zusammenführt, sollte großen Einfluss auf die Entscheidungen in Kopenhagen haben", sagte Prinz Charles in seiner Begrüßung am Mittwoch. "Eine große Menge von Menschen haben die Dringlichkeit der Situation noch nicht begriffen", warnte der Prinz.

Eine starke Erwärmung der Atmosphäre "könnte unglaublich große Teile der Welt unbewohnbar machen und Milliarden, ja Milliarden von Menschen zu Umweltflüchtlingen". In Kenia habe sie das bereits erlebt, berichtete die Friedensnobelpreis-Trägerin Wangari Maathai. "Lasst uns in das Memorandum hineinschreiben, was nur wir sagen können", sagt sie darum. "Lasst uns hineinschreiben, was uns stört, unser Gewissen belastet."

Ihre Worte sind im fertigen Memorandum zu einem aufrüttelnden Schlussappell geworden: "Wir wissen, was zu tun ist. Wir dürfen nicht warten, bis es zu spät ist", heißt es dort. Zudem fordern die Nobelpreisträger die politischen Führer auf, den Pfad zu einer Wirtschaftsordnung einzuschlagen, die nicht mehr auf dem massenhaften Verbrauch von fossilen Energiequellen basiert. Der erste Schritt dazu sei, in einem internationalen Abkommen zu vereinbaren, die jährlichen Treibhausgas-Emissionen von 2015 an zu senken und den weltweiten Ausstoß bis 2050 gegenüber dem Niveau von 1990 mindestens zu halbieren.

Politisches Geschiebe

Wie das zu erreichen ist, diskutierten die Teilnehmer anhand vieler technischer Maßnahmen. Obamas Energieminister Steven Chu präsentierte eine Reihe von Ideen, die er selbst als "Babyschritte" bezeichnete. Die Kühlschränke amerikanischer Haushalte zum Beispiel hätten inzwischen im Mittel etwa 600 Liter Inhalt; "ihr Wachstum wurde nur durch die Größe der Küchentür begrenzt", sagte Chu.

Doch aufgrund verschärfter Regeln zum Energieverbrauch benötigten neue Modelle nur noch ein Viertel des Stroms ihrer Vorgänger aus dem Jahr 1974. Zudem seien die Geräte um 60 Prozent billiger geworden, weil für besser isolierte Kühlschränke ein kleinerer Kompressor ausreichend sei. Allein diese Verbesserungen gegenüber dem technischen Stand von 1974 hätten mehr Strom gespart als alle erneuerbaren Energiequellen außer der Wasserkraft in den USA erzeugten.

Jack Steinberger, 1988 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet, warb für den massiven Ausbau solarthermischer Kraftwerke. Sie bündeln das Sonnenlicht mit großen Spiegeln und erhitzen Wasser, das schließlich Dampf-Turbinen antreibt, die wiederum über einen Generator Strom erzeugen. "Wärme lässt sich aber auch speichern", schwärmt Steinberger. "Das ist viel einfacher als bei Strom. So können die Anlagen auch nachts oder bei Wolken Elektrizität erzeugen."

Allerdings müssten die Anlagen dort betreiben werden, wo die Sonne zuverlässig scheint und heiß vom Himmel brennt, zum Beispiel in Wüsten. Die deutsche Organisation Desertec schlägt zum Beispiel vor, solarthermische Anlagen in Nordafrika und der Sahara anzusiedeln und den Strom nach Europa zu exportieren. Das allerdings setzt ein interkontinentales Leitungsnetz mit anderer Technik als bisherige Hochspannungskabel voraus. In ihrem Memorandum fordern die Nobelpreisträger ausdrücklich den Aufbau solcher pannationaler Netze.

Dennoch gab sich wohl keiner der Teilnehmer der Illusion hin, dass sich die Regierungen der Welt schnell auf effektive Klimaschutz-Maßnahmen einigen werden. Immerhin sei ein Hindernis früherer Konferenzen aus dem Weg geräumt, sagte Steven Chu: die gegenseitige Blockade von Amerika und China. "Präsident Obama hat gesagt, dass die USA vorangehen werden."

Doch auch in Washington braucht der Präsident die Zustimmung von Abgeordneten. Chu hatte vor kurzem einräumen müssen, dass sein Land die Treibhausgas-Emissionen nicht so stark reduzieren könne wie erwartet, weil es Widerstand im Kongress gibt; jetzt setzt er darauf, die aufgeweichten Ziele später übertreffen zu können.

Solch politisches Geschiebe empörte viele der Teilnehmer in London. "In vielen Industriestaaten ist der Kampf gegen den Klimawandel eine Frage von links oder rechts", sagte Lord Anthony Giddens, Ökonom an der London School of Economics. "Es muss ein Thema der politischen Mitte werden."

Fünf Jahre Überzeugungsarbeit

Doch auch in den ärmeren Nationen gibt es Vorbehalte gegen ein internationales Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase. "Niemand in den Entwicklungsländern glaubt doch, dass die Industriestaaten die Probleme ernst nehmen. Wir brauchen fünf Jahre harter Arbeit, um sie zu überzeugen, dass es uns ernst ist", sagte Tom Schelling, amerikanischer Nobelpreisträger für Ökonomie 2005.

"Die Welt kann die Probleme von Klimawandel und Armut nur gemeinsam lösen oder überall scheitern", sagte der Londoner Ökonom Lord Nicholas Stern. Dabei sei der Klimaschutz aufgrund der technischen Lösungen noch die einfachste Aufgabe und damit eine Art Testfall, ergänzte der Pakistaner Tariq Banuri, der bei den Vereinten Nationen die Abteilung für nachhaltige Entwicklung leitet.

"Wenn wir die Klimakrise nicht nutzen, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, dann werden wir auch bei anderen Themen nichts bewegen." Der Realismus, den Wissenschaftler pflegen ("Hier ist ein Problem, das kann ich lösen"), fehle leider den Politikern. Diese hielten es für Realismus zu sagen: "Es ist zu schwierig, das Problem zu lösen", klagte Banuri.

Prinz Charles nannte einen solchen Testfall mit klaren Worten, ihm liegt der Schutz des Regenwaldes besonders am Herzen. Appelle reichten nicht: "Die Länder mit dem Regenwald reagieren ganz rational auf die Preissignale, die wir durch unsere Nachfrage nach Soja, Rindfleisch und Palmöl geben." Daher sei ein Ende der Abholzung nur möglich, wenn die reichen Länder ihren Umgang mit der Natur überdenken.

Für den Schutz des Regenwaldes zu bezahlen, lasse sich mit einer Strom- oder Wasserrechnung vergleichen; einer Gebühr für die Nutzung lebenswichtiger Ressourcen. Ein entsprechendes internationales System, das armen Ländern mit Geld hilft, ihre Wälder zu bewahren, fordern auch die Nobelpreisträger in ihrem Memorandum. "Wir alle müssen noch den Wert erkennen, den die Natur darstellt", sagte der Prinz. "Ich kann nicht verstehen, wie man die Idee des Kapitalismus hochhalten kann, wenn man nicht an das Kapital denkt, das Kapital der Natur."

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SZ vom 29.05.2009/beu
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