Kampf gegen Klimawandel:Politisches Geschiebe

Wie das zu erreichen ist, diskutierten die Teilnehmer anhand vieler technischer Maßnahmen. Obamas Energieminister Steven Chu präsentierte eine Reihe von Ideen, die er selbst als "Babyschritte" bezeichnete. Die Kühlschränke amerikanischer Haushalte zum Beispiel hätten inzwischen im Mittel etwa 600 Liter Inhalt; "ihr Wachstum wurde nur durch die Größe der Küchentür begrenzt", sagte Chu.

Prinz Charles (l.) mit dem amerikanischen Energie-Minisiter Stephen Chu

Prinz Charles (l.) mit dem amerikanischen Energie-Minisiter Stephen Chu

(Foto: Foto: AP)

Doch aufgrund verschärfter Regeln zum Energieverbrauch benötigten neue Modelle nur noch ein Viertel des Stroms ihrer Vorgänger aus dem Jahr 1974. Zudem seien die Geräte um 60 Prozent billiger geworden, weil für besser isolierte Kühlschränke ein kleinerer Kompressor ausreichend sei. Allein diese Verbesserungen gegenüber dem technischen Stand von 1974 hätten mehr Strom gespart als alle erneuerbaren Energiequellen außer der Wasserkraft in den USA erzeugten.

Jack Steinberger, 1988 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet, warb für den massiven Ausbau solarthermischer Kraftwerke. Sie bündeln das Sonnenlicht mit großen Spiegeln und erhitzen Wasser, das schließlich Dampf-Turbinen antreibt, die wiederum über einen Generator Strom erzeugen. "Wärme lässt sich aber auch speichern", schwärmt Steinberger. "Das ist viel einfacher als bei Strom. So können die Anlagen auch nachts oder bei Wolken Elektrizität erzeugen."

Allerdings müssten die Anlagen dort betreiben werden, wo die Sonne zuverlässig scheint und heiß vom Himmel brennt, zum Beispiel in Wüsten. Die deutsche Organisation Desertec schlägt zum Beispiel vor, solarthermische Anlagen in Nordafrika und der Sahara anzusiedeln und den Strom nach Europa zu exportieren. Das allerdings setzt ein interkontinentales Leitungsnetz mit anderer Technik als bisherige Hochspannungskabel voraus. In ihrem Memorandum fordern die Nobelpreisträger ausdrücklich den Aufbau solcher pannationaler Netze.

Dennoch gab sich wohl keiner der Teilnehmer der Illusion hin, dass sich die Regierungen der Welt schnell auf effektive Klimaschutz-Maßnahmen einigen werden. Immerhin sei ein Hindernis früherer Konferenzen aus dem Weg geräumt, sagte Steven Chu: die gegenseitige Blockade von Amerika und China. "Präsident Obama hat gesagt, dass die USA vorangehen werden."

Doch auch in Washington braucht der Präsident die Zustimmung von Abgeordneten. Chu hatte vor kurzem einräumen müssen, dass sein Land die Treibhausgas-Emissionen nicht so stark reduzieren könne wie erwartet, weil es Widerstand im Kongress gibt; jetzt setzt er darauf, die aufgeweichten Ziele später übertreffen zu können.

Solch politisches Geschiebe empörte viele der Teilnehmer in London. "In vielen Industriestaaten ist der Kampf gegen den Klimawandel eine Frage von links oder rechts", sagte Lord Anthony Giddens, Ökonom an der London School of Economics. "Es muss ein Thema der politischen Mitte werden."

Fünf Jahre Überzeugungsarbeit

Doch auch in den ärmeren Nationen gibt es Vorbehalte gegen ein internationales Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase. "Niemand in den Entwicklungsländern glaubt doch, dass die Industriestaaten die Probleme ernst nehmen. Wir brauchen fünf Jahre harter Arbeit, um sie zu überzeugen, dass es uns ernst ist", sagte Tom Schelling, amerikanischer Nobelpreisträger für Ökonomie 2005.

"Die Welt kann die Probleme von Klimawandel und Armut nur gemeinsam lösen oder überall scheitern", sagte der Londoner Ökonom Lord Nicholas Stern. Dabei sei der Klimaschutz aufgrund der technischen Lösungen noch die einfachste Aufgabe und damit eine Art Testfall, ergänzte der Pakistaner Tariq Banuri, der bei den Vereinten Nationen die Abteilung für nachhaltige Entwicklung leitet.

"Wenn wir die Klimakrise nicht nutzen, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, dann werden wir auch bei anderen Themen nichts bewegen." Der Realismus, den Wissenschaftler pflegen ("Hier ist ein Problem, das kann ich lösen"), fehle leider den Politikern. Diese hielten es für Realismus zu sagen: "Es ist zu schwierig, das Problem zu lösen", klagte Banuri.

Prinz Charles nannte einen solchen Testfall mit klaren Worten, ihm liegt der Schutz des Regenwaldes besonders am Herzen. Appelle reichten nicht: "Die Länder mit dem Regenwald reagieren ganz rational auf die Preissignale, die wir durch unsere Nachfrage nach Soja, Rindfleisch und Palmöl geben." Daher sei ein Ende der Abholzung nur möglich, wenn die reichen Länder ihren Umgang mit der Natur überdenken.

Für den Schutz des Regenwaldes zu bezahlen, lasse sich mit einer Strom- oder Wasserrechnung vergleichen; einer Gebühr für die Nutzung lebenswichtiger Ressourcen. Ein entsprechendes internationales System, das armen Ländern mit Geld hilft, ihre Wälder zu bewahren, fordern auch die Nobelpreisträger in ihrem Memorandum. "Wir alle müssen noch den Wert erkennen, den die Natur darstellt", sagte der Prinz. "Ich kann nicht verstehen, wie man die Idee des Kapitalismus hochhalten kann, wenn man nicht an das Kapital denkt, das Kapital der Natur."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB