Kampf gegen die Kinderlähmung:Hilfe am falschen Ende?

Etwa 2000 Kinder erkranken jährlich weltweit noch an Polio. Milliardär Bill Gates will die Krankheit nun endlich ausgerottet sehen. Doch seine Mission findet nicht nur Zustimmung.

Christina Berndt

Bill Gates hat für diese Kriegserklärung einen historischen Ort ausgesucht. Im Roosevelt House in New York sagte er am Montag erneut der Kinderlähmung den Kampf an - in jenem Haus also, das mit dem US-Präsidenten Franklin Roosevelt einmal einem der prominentesten Opfer der Krankheit gehörte.

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Die Ausrottung der Kinderlähmung hat höchste Priorität in der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, sagt Bill Gates. Manche Experten sehen das kritisch.

(Foto: AFP)

Die Ausrottung der Kinderlähmung, international Polio genannt, habe höchste Priorität in seiner Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die medizinische Projekte in Entwicklungsländern unterstützt, so Gates: "Wir sind ganz kurz davor, Polio ein für allemal auszulöschen." Die dazu noch nötigen Spenden werde er mit allen Mitteln aufzutreiben versuchen.

Die bereits erzielten Erfolge im Kampf gegen diese tückische Virus-Krankheit können sich sehen lassen. Bevor die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1985 eine umfassende Impfkampagne startete, befiel die Polio weltweit noch 350.000 Kinder jährlich und brachte vielen von ihnen Behinderungen oder den Tod.

Inzwischen wurden Europa, Amerika und Australien offiziell für poliofrei erklärt; die Zahl der jährlichen Fälle ist auf weniger als 2000 gesunken, sie betreffen vor allem Indien, Nigeria, Pakistan und Afghanistan.

Diese letzten Ansteckungen zu verhindern, bedeutet aber einen enormen Aufwand.

Das ist der Grund, warum Bill Gates' Mission gegen Polio nicht nur Zustimmung findet. Es sei hinausgeworfenes Geld, die Kinderlähmung ausrotten zu wollen, beklagen Ärzte und Bioethiker. Die Mittel sollten lieber gegen Lungenentzündung, Diarrhö, Meningitis, Masern und Malaria eingesetzt werden.

Jedes Jahr kosteten die Polioprogramme eine Milliarde Dollar, und doch flamme die Krankheit, wenn die Impfungen in einem Land abgeschlossen sind, im nächsten wieder auf.

"Bill Gates' Obsession, Polio auszurotten, verzerrt die Prioritäten", kritisiert Richard Horton, Chefredakteur der britischen Ärztezeitschrift Lancet. "Die Gesundheit der Welt hängt nicht von der Polio-Ausrottung ab." Ähnlich sieht das Arthur Caplan, Bioethiker an der University of Pennsylvania, der selbst als Kind neun Monate lang wegen einer Polio-Infektion im Krankenhaus lag: "Wir sollten zugeben, dass das beste, was wir erreichen können, Kontrolle über die Krankheit ist", sagt er.

Und Donald Henderson, der früher bei der WHO die Pocken-Ausrottung leitete, ist der Ansicht, die Kinderlähmung sei ohnehin nicht auszumerzen. Seit er diese Meinung vertrete, lade ihn die WHO nicht mehr zu Expertentreffen ein, moniert der 82-Jährige.

Bill Gates, der Unterstützung bei anderen Fachleuten wie dem Epidemiologen und ehemaligen Polio-Bekämpfer David Heymann findet, ärgert all das.

"Diese Zyniker sollten eine wissenschaftliche Veröffentlichung erstellen, die klar aussagt, über wie viele Kinder sie eigentlich reden", poltert er. "Wenn wir den Druck auf die Polio nicht aufrechterhalten, nehmen wir jedes Jahr 100.000 bis 200.000 verkrüppelte oder tote Kinder in Kauf." Sarkastisch fügt er hinzu: "Ja, denkt nur an all das Geld, das wir so sparen könnten! Das entspräche bestimmt fünf Prozent des Hundefuttermarkts in den USA."

CHRISTINA BERNDT

© SZ vom 02.02.2011/mcs
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