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Kampf gegen den Klimawandel:Eine Frage des Budgets

Das nördliche patagonische Eisfeld im Nationalpark Laguna San Rafael in Chile. Solche Gletscher verlieren aufgrund des Klimawandels Wasser. Dadurch erhöht sich der Meeresspiegel.

(Foto: AFP)

Wie viel Treibhausgas darf die Menschheit noch ausstoßen, bis die globale Erwärmung an Grenzen stößt? Das haben Klimaforscher für den sogenannten Budgetansatz zur Rettung des Klimas berechnet. Der Weltklimarat hat dem Ansatz nun offiziell seine Zustimmung erteilt.

Von Christopher Schrader

Vier Jahre hat es gedauert, bis die Idee ganz oben angekommen ist. In seinem neuen Bericht gibt der Weltklimarat IPCC dem sogenannten Budgetansatz für die Emission von Treibhausgasen seine offizielle Zustimmung. Mehr noch, da die am vergangenen Freitag veröffentlichte Zusammenfassung von den Regierungen der Welt abgenommen und beglaubigt worden ist, hat die Budget-Idee höchste Anerkennung.

Den Budgetansatz haben 2009 Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und andere Wissenschaftler entwickelt. Die Idee war, die Maximalmenge an Treibhausgasen zu errechnen (speziell Kohlendioxid), welche die Menschheit in die Atmosphäre blasen darf, damit sich die Erdatmosphäre um nicht mehr als zwei Grad Celsius erwärmt.

Es ergab sich eine handliche Zahl: 1000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff (englisch: carbon) dürfe die Menschheit insgesamt ausstoßen, wenn das Risiko, das inzwischen international vereinbarte Zwei-Grad-Ziel zu reißen, nicht mehr als 33 Prozent betragen soll. So steht es nun auch im IPCC-Bericht. Nach den Worten von Thomas Stocker, dem Leiter der zuständigen Arbeitsgruppe des Weltklimarats, hat das viel Überzeugungsarbeit gekostet.

Umgerechnet in Kohlendioxid, das neben dem Kohlenstoff auch je zwei Sauerstoffatome enthält (CO2), liegt die Masse allerdings höher: bei 3670 Milliarden Tonnen. Und selbst wenn man sich auf Kohlenstoff konzentriert, führt die runde Zahl von 1000 Milliarden Tonnen leicht in die Irre, denn sie setzt laut IPCC ein idealisierte Welt voraus: eine, in der CO2 das einzige Treibhausgas ist. Umgerechnet in die Realität, wo auch andere Stoffe wie Methan die Atmosphäre erwärmen, bleibt ein Carbon-Budget von 800 Milliarden Tonnen übrig. Das also müsste die Richtgröße sein.

So oder so zeigt sich, dass die Menschheit seit 1870 bereits mehr als die Hälfte dieser vertretbaren Menge ausgestoßen hat. Der Spielraum für die Zukunft ist also gering, und die noch im Boden steckenden Rohstoffe Kohle, Öl und Gas enthalten genug Kohlenstoff, um das verbleibende Budget mehrfach zu sprengen. Der Vorteil des Budgetansatzes ist in den Augen seiner Erfinder, dass das Jonglieren mit in Prozent ausgedrückten Reduktionszielen aufhören könnte. "Politiker sind außerdem daran gewöhnt, mit Budgets umzugehen", sagt Meinshausen, "aber das kann auch ein Nachteil sein: Politiker sind auch daran gewöhnt, Budgets zu überziehen."

Emissionen müssen von 2020 an zurückgehen

Meinshausen, der zurzeit im australischen Melbourne arbeitet, glaubt daher nicht, dass es eine gute Idee wäre, den Staaten einen Teil des globalen Budgets von 800 Milliarden Tonnen Kohlenstoff zuzuweisen und es ihnen dann zu überlassen, wie und wann sie ihren Etat aufbrauchen. "Es braucht für die Zeit bis 2100 Zwischenmessungen und Meilensteine." Wenn man noch einige Jahrzehnte weiter unverändert Kohlendioxid ausstößt, wird sich die Weltwirtschaft nicht ändern. Um das Budget einzuhalten und radikale, teuere Reduktionen in späteren Jahrzehnten zu vermeiden, müssten die Emissionen von 2020 an zurückgehen.

Die ökonomischen Umstände sprechen für einen baldigen, graduellen Abbau. Rein naturwissenschaftlich betrachtet ist es hingegen egal, ob die Welt das Budget ungebremst verfeuert und dann die Emissionen schlagartig beendet, oder ob sie beizeiten anfängt zu sparen, um den Umstieg sanft zu gestalten. Darauf wies Thomas Stocker bei der Vorstellung des Berichts in Stockholm sogar eigens hin. Meinshausen bestätigt das: Weil sich CO2 sehr lange in der Atmosphäre hält, ist zweitrangig, wann es dorthin gelangt.

Nicht egal sei es allerdings für den Meeresspiegelanstieg, warnt Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin: "Wenn das CO2 eher früher als später ausgestoßen wird, schwellen die Ozeane umso stärker an."

© SZ vom 01.10.2013/mcs

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