Kampf gegen Aids Früher Medikamenteneinsatz schützt Partner vor HIV

HIV-Infizierte, die sofort mit einer medikamentösen Behandlung beginnen, stecken ihre Partner deutlich seltener an. Das belegt eine große internationale Studie. Nun will die WHO ihre Richtlinien ändern.

Von Markus C. Schulte von Drach

Die Gefahr, seinen Partner mit HIV zu infizieren, lässt sich offenbar erheblich reduzieren, wenn nach der eigenen Infektion sofort Medikamente eingesetzt werden. Das zeigen vorläufige Ergebnisse einer großen klinischen Studie an heterosexuellen Paaren.

HIV-Patienten müssen sich entscheiden, ob sie mit der medikamentösen Behandlung beginnen, bevor das Virus sich bemerkbar macht. Damit können sie ihre Partner sehr effektiv vor einer Infektion schützen.

(Foto: Reuters)

Die Wahrscheinlichkeit, dass HIV-Infizierte das Virus weitergeben, war um 96 Prozent geringer, wenn sie sofort antiretrovirale Mittel nahmen, und nicht erst warteten, bis der Erreger ihr Immunsystem zu attackieren begonnen hatte.

Die Ergebnisse sind so eindrucksvoll, dass sie bereits jetzt veröffentlicht wurden, obwohl die Studie eigentlich bis 2015 laufen sollte. "Das ist eine bedeutende Entwicklung, denn wir wissen, dass 80 Prozent aller Neuinfektionen durch sexuelle Übertragung stattfinden", erklärte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan. Die Ergebnisse würden Einfluss auf die neuen Richtlinien der WHO haben, die im Juli veröffentlicht werden sollen.

An der Studie, die vom amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases finanziert wurde, hatten seit 2005 insgesamt 1763 Paare in 13 Städten in Botswana, Brasilien, Indien, Kenia, Malawi, Simbabwe, Südafrika, Thailand und den USA teilgenommen. Jeweils ein Partner der zu 97 Prozent heterosexuellen Paare war HIV-positiv getestet worden, hatte jedoch noch keine Behandlung mit antiretroviralen Mitteln erhalten.

Die Hälfte der Teilnehmer wurde per Zufall ausgewählt und erhielt ab Studienbeginn Medikamente. Bei der anderen Hälfte wurde mit der Behandlung gewartet, bis sich erste Zeichen einer Schwächung des Immunsystems im Blutbild oder Aids-Symptome zeigten. Darüber hinaus erhielten alle Teilnehmer Kondome, Safer-Sex-Beratung und Behandlung für andere sexuell übertragene Krankheiten. Im Verlauf der Studie steckten sich insgesamt 39 Probanden mit HIV an, davon 28 nachweislich beim Partner. Doch bei 27 dieser Fälle geschah das in Beziehungen, in denen der bereits infizierte Partner noch nicht behandelt wurde.

Die antiretrovirale Behandlung "kann eindeutig die Übertragungsmöglichkeit senken und wir können diese Krankheit unter Kontrolle bringen" schloss die Vorsitzende der HIV Medicine Association in Arlington, USA, Kathleen Squires.

Angesichts dieser dramatischen Ergebnisse entschlossen sich die Studienleiter, das Prozedere zu ändern, um die bislang nicht geschützten Partner vor einer Infektion zu bewahren. Zwar werde man die Teilnehmer weiterhin beobachten, erklärten Anthony Fauci vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases und Myron Cohen von der University of North Carolina in Chapel Hill. Aber die eigentliche Studie ist nun beendet, da es keine Vergleichsgruppen mehr gibt.

Bereits frühere Studien hatten auf den Effekt hingedeutet, weshalb etwa die UN-Behörde UNAIDS seit dem vergangen Jahr die Teste-und-behandle-Strategie empfiehlt. Die jetzt veröffentlichte Untersuchung war jedoch die erste randomisierte klinische Studie, die die höchsten Ansprüche medizinischer Forschung erfüllt. Eine wichtige Einschränkung ist, dass die Daten nicht auf homosexuelle Paare übertragen werden können, warnte Cohen in der New York Times. "Wir hätten uns eine große Zahl von Männern als Versuchspersonen gewünscht, aber sie waren einfach nicht interessiert."

Die Ergebnisse dürften trotzdem eine immense Bedeutung für die Behandlungsstrategien haben, die etwa von der WHO veröffentlicht werden. Bislang wird empfohlen, HIV-Patienten medikamentös zu behandeln, wenn die Zahl der sogenannten CD4-Helferzellen im Blut auf höchstens 350 pro Milliliter oder weniger fällt - bei nicht Infizierten beträgt diese Zahl im Durchschnitt 600. In den meisten Industrieländern empfehlen Ärzte den Patienten eine Behandlung bereits ab weniger als 500 CD4-Zellen pro Milliliter. Versicherungen zahlen hier nach einer HIV-Infektion die Medikamente aber auch unabhängig von der CD4-Konzentration. Doch die Mittel sind teuer - was insbesondere in Entwicklungsländern ein riesiges Problem ist.

Und sie haben unangenehme Nebenwirkungen. Sie können kurzfristig zu Übelkeit, Durchfall und Schwächegefühlen führen, längerfristig kann es zu schmerzhaften Entzündungen der Nerven in den Gliedmaßen, Störungen im Fettstoffwechsel und im Extremfall zu Organschädigungen bis zum Leberversagen kommen.

Michel Sidibé vom Joint United Nations Prgramme on HIV/Aids fordert, dass die Ergebnisse die Debatte darüber beenden müssten, ob die Medikamente auch als Vorsorgemaßnahme finanziert werden sollten. "Die Unterscheidung zwischen Behandlung und Vorbeugung ist nicht real", sagte er. Nun müsse man dafür sorgen, dass Paare Zugang zu dieser Form der Vorbeugung bekämen.

Für Infizierte stellt sich nun die Frage, ob sie, um die Nebenwirkungen möglichst lange zu vermeiden, die Behandlung erst spät anfangen, oder sofort Medikamente nehmen, um ihre Partner zu schützen. Thomas Coates, Gründer des Center for AIDS Prevention Studies in San Francisco, erklärte der New York Times, er hoffe, dass nun immer mehr Patienten früher Medikamente nehmen, um ihre Partner zu schützen, da die neuesten Mittel auch weniger Nebenwirkungen hätten.

Nach Schätzungen der WHO und UNAIDS waren 2008 noch 33,4 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert. Allein in diesem Jahr starben zwei Millionen Betroffene an Aids, darunter 280.000 Kinder. Zwei Drittel der Infizierten leben in Subsahara-Afrika.