Süddeutsche Zeitung

Kampf dem Schnarchen:Mit Masken oder Schienen im Bett

Lesezeit: 3 min

Atempausen in der Nacht können die Ursache schwerer Erkrankungen sein. Doch nicht jede Behandlung ist erfolgreich.

Michael Lang

Starkes Schnarchen kann im Extremfall die Gesundheit schädigen. "Wenn ein Schnarcher tagsüber immer müde ist, sollte er unbedingt seinen Hausarzt aufsuchen. In diesem Fall besteht unter anderem ein Verdacht auf obstruktive Schlafapnoe", sagt Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité in Berlin und Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin.

Sogenannte Schlafapnoiker sind tagsüber völlig übermüdet. "Sie riskieren nicht nur den oft tödlichen Sekundenschlaf beim Autofahren, sondern auch Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder Impotenz", erklärt Fietze. Eine unbehandelte Schlafapnoe kann klinischen Studien zufolge zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt führen.

Der Hausarzt überweist den Schnarcher deshalb zur ambulanten Schlafaufzeichnung an einen Spezialisten, in der Regel einen Lungenfacharzt oder Hals-Nasen-Ohrenarzt. Dieser verkabelt den Patienten mit Sensoren, die an einen Minicomputer angeschlossen sind und zu Hause nächtliche Atemaussetzer registrieren.

Kinnbinde für harmlose Schnarcher

Die gemessene Zahl der Atemaussetzer pro Stunde liefert einen Hinweis auf die Schwere der Erkrankung: Bis zu fünf Atemaussetzer pro Stunde gelten als normal, der Patient wird als harmloser Schnarcher eingestuft. Ihm werden in Apotheken und im Internet viele Hilfsmittel angeboten, von denen Fietze aber nicht viel hält.

Empfehlen kann er lediglich die Kinnbinde, die über dem Kopf zusammengebunden wird und den Unterkiefer in einer festen Position hält. Falls das nächtliche Störgeräusch mit einer gestörten Nasenatmung zusammenhängt, kann ein Nasenpflaster zwar selten das Schnarchen beseitigen, wohl aber dessen Tonlage verändern, sodass es für den Partner angenehmer ist.

Alle Patienten mit mehr als zehn Atemaussetzern in der Stunde überweist der Facharzt an ein Schlaflabor. Im Klinikum Dachau zum Beispiel verbringen die Patienten in der Regel zwei Nächte: In der ersten Nacht wird ihr Schlafverhalten unter anderem mit Hirnstrommessungen genau untersucht. Nach der Auswertung der Messungen bekommen sie in der Regel eine sogenannte Atemschiene verpasst.

Dazu wählt der Arzt eine geeignete Kombination von CPAP-Atemmaske (Continuous Positive Airway Pressure) und Gebläse aus. Dieses kleine Gerät bläst wie ein "umgekehrter" Staubsauger über einen Verbindungsschlauch und die Atemmaske Luft in die oberen Atemwege. Dadurch baut sich im Rachen ein leichter Überdruck auf, der ein Zurückfallen der Zunge und ein Kollabieren der oberen Atemwege verhindert.

"CPAP ist die Therapie der ersten Wahl bei der Behandlung eines ausgeprägten obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms", sagt Christian Lechner, Chefarzt der Abteilung für Neurologie und Schlafmedizin am Klinikum Dachau. "Dadurch wird dieser unabhängige Risikofaktor für die Entstehung vieler Krankheiten, ja sogar Depression, nachweislich reduziert."

In der zweiten Nacht überprüfen die Schlafforscher, wie gut der Patient mit der CPAP-Maske zurechtkommt: Stimmt der eingestellte Luftdruck, ist die Maske dicht, hinterlässt sie Druckstellen auf der Haut?

Doch nicht jeder Schlafapnoe-Patient kann sich mit einer Atemmaske anfreunden. "Manche lehnen bereits im Schlaflabor die Maske ab", erklärt Lechner, "andere nehmen sie nur unregelmäßig." Schätzungen gehen davon aus, dass circa 30 Prozent der Patienten ihre Maske nicht regelmäßig tragen.

Für Patienten mit schwerer Schlafapnoe (über 30 Atemaussetzer in der Stunde) ist die CPAP-Maske die gängige Behandlungsmethode. Patienten mit einer leichten oder mittelschweren Schlafapnoe dagegen können auch zu Protrusionsschienen greifen, die in der Nacht wie Zahnspangen getragen werden.

Mit Masken oder Schienen im Bett

Dabei handelt es sich um ein fein einstellbares Zwei-Schienensystem, das auf die Ober- und Unterkieferzähne gesetzt wird und den Unterkiefer einige Millimeter nach vorne schiebt. So wird erreicht, dass die Zunge vorne bleibt und so der Atemweg freigehalten wird. Je nach Ausführung sind die beiden Schienen durch einen kleinen Haken an der Frontseite oder seitlich angebrachte Flossen oder Teleskope miteinander verbunden.

Voraussetzung für diese Alternative zur CPAP-Maske: Der Patient sollte im Ober- und Unterkiefer über mindestens zehn gesunde Zähne verfügen und nicht zu übergewichtig sein.

"In Schweden werden bereits 50 Prozent der leichten und mittelschweren Schlafapnoiker erfolgreich mit einer Unterkiefervorschubschiene therapiert", sagt die Kieler Zahnärztin Susanne Schwarting, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Schlafmedizin.

In Deutschland dagegen seien die "Schnarchschienen" noch nicht so verbreitet, weil es vor allem an geschulten Zahnärzten fehle. "Langfristig wirksam sind nur individuell nach Gebissabdrücken angepasste Zahnschienen", erklärt die Expertin, "da billige industriell vorgefertigte Schienen keinen ausreichenden Halt auf den Zahnreihen bieten."

Operation ohne Erfolgsgarantie

Wer in der Nacht weder Atemmaske noch Protrusionsschiene tragen möchte, kommt um eine Operation nicht herum. Dabei wird zum Beispiel das sogenannte Gaumensegel gestrafft oder mit hochfrequenter Strahlung das Gaumengewebe verödet. Allerdings ist eine solche Operation bei Erfolgsquoten von maximal 50 Prozent wie ein Lotteriespiel: Eine Garantie, dass sie die Schlafapnoe beseitigt, gibt es nicht.

"Ich habe Patienten kennengelernt, die nach einer Operation sogar mehr Beschwerden hatten als zuvor", sagt Reinhard Müller, Bundessprecher Schlafapnoe im Sozialverband VdK und Leiter einer Selbsthilfegruppe im hessischen Baunatal. Müller schwört auf seine CPAP-Maske, die ihn seit 1992 ruhiger schlafen lässt.

Müller hat eine typische "Karriere" als Schlafapnoiker hinter sich: Starker Schnarcher ohne Übergewicht oder übermäßigen Alkoholkonsum, aber mit andauernder Übermüdung. Nach einem Bericht im Fernsehen nahm er Kontakt mit Fachärzten auf. Inzwischen weiß er fast alles über die Erkrankung, informiert andere Patienten und hilft bei der Weiterbildung von Ärzten.

Ein Leben ohne CPAP-Maske ist für ihn zurzeit nicht vorstellbar. Aber vielleicht wird auch er in zehn Jahren auf die Maske verzichten können: So lange wird es nach Meinung von Experten noch dauern, bis es Tabletten gegen Schnarchen zu kaufen geben wird.

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Quelle:
SZ vom 02.04.2008/mcs
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