Vor vielen Jahren, da lebte ein Kaiser. So beginnt eine Geschichte, deren Verlauf und Lehre durch die nun folgenden, wenigen Informationen jedem sofort in den Sinn kommen. Dieser Kaiser, der liebte neue Kleider über alle Maßen, so sehr, dass er all sein Geld ausgab, „um recht geputzt zu sein“, wie Hans Christian Andersen das in „Des Kaisers neue Kleider“ formulierte. Wie alle wissen, stolzierte dieser Herrscher sodann aber nackt durch die Gegend, und doch lobpriesen alle die Eleganz und Schönheit seiner Kleidung, obwohl des Kaisers Nacktheit doch offensichtlich war. Erst ein Kind sprach diese Wahrheit aus. Es war in seiner Unschuld nicht von der kollektiven Feigheit der Erwachsenen befallen, die aus Furcht und Opportunismus schwiegen und das würdelose Schauspiel am Leben hielten.
Die Moral von der Geschichte lautet: Die Feigheit der vielen hält selbst offensichtliche Lügen am Leben. Das Märchen erzählt nicht nur von einem eitlen Kaiser, sondern vom kollektiven Selbstbetrug. Es transportiert eine allgemeingültige Lehre. Und folgt man den Ergebnissen einer Studie von Wissenschaftlern um Hadar Ram von der israelischen Bar-Ilan-Universität, dann erfüllt die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern auch formal alle Kriterien, um so verstanden zu werden. Denn wie die Forscher in der Fachzeitschrift Social Psychological and Personality Science berichten, verstärken zeitliche, räumliche und auch soziale Distanz in einer Erzählung das Verständnis dafür, dass in ihnen eine tiefe, allgemeingültige Einsicht vermittelt wird.
Was, wenn Athene keine Göttin wäre, sondern die griechische Nachbarin?
„Geschichten zu erzählen“, schreiben die Autoren um Ram, „ist ein mächtiges Werkzeug, um Wissen, Werte und Lehren über Zeiten und Kulturen hinweg zu vermitteln.“ In dieser Form tauschen Menschen seit jeher nicht nur Informationen aus, sondern transportieren Regeln und einen generellen Sinn für richtig oder falsch, der in ihrer jeweiligen Gemeinschaft zählt. So vermittelt so gut wie jedes Volksmärchen eine Moral. Wäre nun der Kaiser aus dem Märchen von Hans Christian Andersen aber ein zeitgenössischer Promi oder sagen wir, ein eitler Ministerpräsident eines süddeutschen Bundeslandes, wie würde die Botschaft dann wirken?
Die Ergebnisse von sieben Experimenten mit Hunderten Teilnehmern, in denen die Forscher Nähe und Distanz in Geschichten überprüften, legen nahe: Die Erzählung würde eher als konkreter Fall bizarren Verhaltens einer einzelnen Person wahrgenommen und nicht als zeitlose Einsicht in menschliches Verhalten, Ehrlichkeit und soziales Miteinander. Oder wäre Pallas Athene keine Göttin, sondern die griechische Nachbarin, so fragen die Autoren um Ram in ihrer Studie, welche Botschaft ließe sich dann über sie erzählen? Ohne ihren entrückten Status gälte sie gewiss nicht als generelle Symbolfigur für Weisheit, kluge Kriegsführung und Schutzpatronin der Handwerkskunst.
Die durch göttliche Figuren, durch unnahbare Herrscher und die gute, alte Floskel „es war einmal“ hergestellte psychologische Distanz sei also kein reines Stilmittel, so die Forscher, sondern erfülle eine Funktion. Und weil solche Geschichten eine wertvolle Moral transportieren, sind diese Märchen nicht gestorben, sondern leben noch heute.

