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Kahlschlag und Klimawandel:Teufelskreis am Amazonas

Bereits in den kommenden 20 Jahren könnten mehr als 50 Prozent des Amazonaswaldes verschwunden sein, warnen Forscher.

Daniel Lingenhöhl

Vielleicht war es ein Menetekel: Flussarme schrumpften zu Rinnsalen, Millionen Fische verendeten, der mächtige Amazonas fiel auf den niedrigsten Stand seit Menschengedenken.

2005 fiel der Amazonas auf den niedrigsten Stand seit Menschengedenken.

(Foto: Foto: Reuters/Greenpeace)

Die Dürre von 2005 hielt das sonst so regenreiche Amazonien fest im Griff.

"Überall brachen verheerende Feuer aus, weil der Regenwald immer trockener wurde. Über Monate brannten tausende Quadratkilometer", sagt José Marengo vom brasilianischen Klimaforschungszentrum CPTEC.

Wie er fragen sich viele Forscher, ob das Extremereignis bald zum Normalfall wird. Manche erkennen bereits die Anzeichen eines Teufelskreises, in den der Regenwald geraten könnte.

Der Klimawandel und die weltweit wachsende Nachfrage nach Biokraftstoffen, Fleisch und Holz tragen zu den Schäden bei - ihr Zerstörungswerk verstärkt sich aber auch gegenseitig, schreibt der Regenwald-Experte Daniel Nepstad vom Woods Hole Research Center.

Mit einigen Kollegen diskutiert er die Bedrohung im Fachblatt Philosophical Transactions of the Royal Society B (online). Nepstad fürchtet: "In den kommenden 20 Jahren könnten mehr als 50 Prozent Amazoniens abgeholzt oder niedergebrannt werden oder vertrocknen."

Holz- und Landwirtschaft durchlöchern die Wildnis

Tatsächlich ist Brasilien in den vergangenen Jahren zum Agrargiganten aufgestiegen. "Präsident Lula da Silva möchte mit Exporten den Staatshaushalt sanieren und subventioniert in großem Stil die industrielle Landwirtschaft", sagt Martin Kaiser von der Umweltschutz-Organisation Greenpeace.

Billiges Neuland für den Expansionskurs lässt sich vornehmlich in Amazonien erschließen. In den vergangenen Monaten sind bis zu 7500 Quadratkilometer Regenwald zugunsten von Viehweiden und Sojafeldern vernichtet worden.

Zudem blicken brasilianische Firmen auf den Treibstoff-Markt im Norden, dem sie Biodiesel und Ethanol aus Zuckerrohr liefern wollen - wofür weitere Felder gebraucht würden.

Holz- und Landwirtschaft durchlöchern daher die einst geschlossene Wildnis. Auch solche begrenzten Eingriffe gefährden das Ökosystem. "Sonne und Wind trocknen den Wald durch diese Lücken aus. Feuer greifen dann leichter über", erklärt der Ökologe Carlo Peres von der Universität von East Anglia.

Ein Viertel bis die Hälfte seiner Niederschläge erzeugt der Regenwald zudem selbst, weil er viel Feuchtigkeit ausdünstet. Wichtig ist das vor allem im Süden und Osten Amazoniens, die stark von örtlich entstandenen Gewittern abhängen. Messungen und Satellitendaten deuten an, dass die starken Waldverluste der vergangenen Jahrzehnte diesen Prozess bereits stören. Schon wird das Herz Brasiliens trockener und die Regenzeit kürzer.

Auch die Aufheizung des Atlantiks im Rahmen des Klimawandels spielt eine Rolle, vermutet José Marengo: "Der übermäßig warme Ozean verursachte 2005 die extreme Dürre."

Teufelskreis am Amazonas

Über dem tropischen Meer entwickelte sich ein dauerhaftes Tiefdruckgebiet, dem ein ebenso konstantes, ungewöhnliches Hoch mit ausgeprägt schönem Wetter über Amazonien gegenüberstand. Klimasimulationen zufolge dürfte sich diese Wetterlage wegen der Erderwärmung zukünftig häufiger einstellen.

Feuer vernichten große Teile des Regenwaldes.

(Foto: Foto: dpa)

Für Nepstad entsteht so ein "Alptraum-Szenario": "Einige aufeinander folgende Dürrejahre bei gleichzeitiger starker Entwaldung führen dazu, dass riesige Gebiete entflammen. Der aufsteigender Rauch verhindert, dass sich Wolken bilden, es fällt noch weniger Regen - ein Teufelskreis." Zumal die Brandrodung wiederum die Erderwärmung antreibt.

"Die starke Entwaldung macht Brasilien zum weltweit viertgrößten Kohlendioxid-Produzenten", klagt Umweltschützer Kaiser. Die von Nepstads Team bis 2030 prognostizierten Waldverluste könnten weitere 15 bis 26 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre blasen - also maximal so viel, wie die ganze Welt zurzeit pro Jahr freisetzt.

Manche fürchten, dass dadurch am Ende das gesamte Ökosystem kippt und der Regenwald zur offenen Savanne wird. Ob und wann die kritische Schwelle überschritten ist, wagt niemand vorauszusagen. Einige Ökologen vermuten, dass es kein Zurück mehr gibt, wenn die Waldfläche zur Hälfte zerstört ist, andere setzen die Grenze bei 30 bis 40 Prozent Verlust an.

Francis Mayle und Mitchell Power von der Universität Edinburgh hingegen billigen dem Urwald mehr Widerstandskraft zu. "In der Vergangenheit überstand Amazonien deutlich trockenere Phasen", schreiben sie und erinnern an eine regenarme Periode vor 8000 bis 4000 Jahren.

Auch 2005 bildeten die Bäume trotz Trockenheit viele neue Blätter und betrieben mehr Photosynthese als in normalen Jahren; das nötige Wasser holten sie sich durch längere Wurzeln. Wo kein Mensch zündelte, überstand die Natur die Dürre recht gut. Für Mayle und Power ist deshalb klar: "Abholzung und Feuer gefährden Amazonien stärker als der Klimawandel."

© SZ vom 06.03.2008/mcs
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