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Klimaschutz:Kalt erwischt

Freezer is defrosted to clean Copyright: x8vfanPx Panthermedia28257176

Manche Chemikalien für Kühl- und Gefrierschränke sind enorm klimaschädlich.

(Foto: 8vfanP via www.imago-images.de/imago images/Panthermedia)

Extrem klimaschädliche Kältemittel für Klimaanlagen gelangen oft illegal nach Europa. Der Schmuggel stellt die Strategie der EU infrage, umweltfreundliche Alternativen zu fördern.

Von Ralph Diermann

Anfang Juli erzielte die EU-Behörde zur Betrugsbekämpfung, kurz Olaf, einen großen Erfolg für den Klimaschutz: Die Fahnder stellten im Hafen von Rotterdam 14 Tonnen sogenannter teilfluorierter Kohlenwasserstoffe (HFKW) aus China sicher, die illegal in die EU eingeführt werden sollten. Diese Chemikalien dienen als Kältemittel, etwa für Klimaanlagen oder Kühl- und Gefrierschränke - und sind enorm klimaschädlich: Gelangen sie in die Atmosphäre, tragen sie je nach chemischer Zusammensetzung rund 700 bis 3900 Mal so stark zur Erderhitzung bei wie die gleiche Menge Kohlendioxid.

Der Fund von Rotterdam ist kein Einzelfall. Immer wieder stoßen EU-Fahnder oder Zollbehörden seit einigen Jahren auf Behälter mit geschmuggelten Kältemitteln, meist aus China. Dem steht jedoch ein Vielfaches an illegalen Importen gegenüber, die unentdeckt bleiben. Der Europäische Technische Ausschuss für Fluorkohlenwasserstoffe (EFCTC) - ein Zusammenschluss europäischer Hersteller - schätzt, dass der Schwarzmarkt für HFKW-Kältemittel ein Volumen von bis zu einem Drittel des legalen Marktes hat. Das zeigt eine neue, vom EFCTC in Auftrag gegebene Analyse von Import- und Exportdaten aus China und der EU sowie der Einfuhren aus EU-Nachbarländern.

Vermutlich steckt das organisierte Verbrechen dahinter

"Wir vermuten stark, dass dahinter vor allem die organisierte Kriminalität steckt. Das legen schon die großen Mengen nahe", sagt Felix Flohr vom Hersteller Daikin Chemical Europe stellvertretend für den EFCTC. Auch die britische Umweltschutzorganisation Environment Investigation Agency beobachtet einen regen Handel mit illegalen HFKWs, kommt allerdings auf niedrigere Zahlen. In einer Studie von 2018 beziffert sie das Volumen des Schwarzmarktes auf ungefähr ein Sechstel des legalen Marktes.

"Wie viel Kältemittel nun genau rechtswidrig in die EU eingeführt werden, lässt sich nicht exakt beziffern, da der Vergleich von Import- und Exportdaten nur begrenzt aussagekräftig ist", sagt Diana Thalheim vom Umweltbundesamt (UBA). "Unstrittig ist aber, dass der illegale Handel ein ernstes Problem für den Klimaschutz darstellt." Denn der Schwarzhandel unterläuft die Bemühungen der EU, den Einsatz von HFKWs zu verringern. So legt die "F-Gase-Verordnung" der EU fest, dass die Menge der klimaschädlichen Kältemittel, die in Europa verkauft werden dürfen, stetig sinkt. Bezogen auf die Treibhausgaswirkung der Chemikalien sind heute nur noch knapp zwei Drittel dessen, was 2015 verkauft wurde, erlaubt; bis 2030 soll es noch gut ein Fünftel sein. Mit dem Schmuggel gelangen jedoch große Mengen zusätzlich in den Markt.

Vor allem Wartungsbetriebe kaufen bei Schmugglern

Zudem torpediert die illegale Einfuhr die Strategie der EU, Preise als Steuerinstrument zu nutzen. In den ersten drei Jahren nach Inkrafttreten der Verordnung 2015 führte die Verknappung des Angebots dazu, dass gängige HFKWs um das Acht- bis Zehnfache teurer wurden. Klimafreundliche Alternativen wie Propan oder Ammoniak gewannen damit an Attraktivität. Seit 2018 sind die Preise für manche HFKWs aber teilweise um etwa die Hälfte gefallen, erklärt Matthias Schmitt, Geschäftsführer des Bundesinnungsverbands des Deutschen Kälteanlagenbauerhandwerks. "Das liegt, so wird vielfach vermutet, in erster Linie an der Zunahme illegaler Importe", sagt Schmitt.

Abnehmer finden die Schmuggler vor allem in Betrieben, die sich um die Wartung von Klimaanlagen in Gebäuden und Fahrzeugen kümmern. Zu ihren Aufgaben gehört es, Kältemittel nachzufüllen, das beim Betrieb der Anlagen entweicht. Vielen Einkäufern dürfte die illegale Herkunft der Produkte durchaus bewusst sein - gibt es doch einige eindeutige Anzeichen, die auf Schwarzhandel hinweisen. "Ein typisches Merkmal illegal eingeführter Kältemittel ist, dass sie in Einwegbehältern verkauft werden", sagt UBA-Expertin Thalheim. "Ein anderes ist der Preis: Liegt er deutlich unter dem Marktpreis, kann man sicher sein, dass sie rechtswidrig verkauft werden."

Die Schmuggelware wird sogar auf Ebay verkauft

Kunden sollten sich auch den Verkäufer genau anschauen. "Handelt es sich dabei um eine Privatperson oder um ein Unternehmen, bei dem nicht klar ist, wo es seinen Sitz hat, sollte man Abstand nehmen." Die Verkäufer scheinen sich ihrer Sache trotzdem so sicher zu sein, dass sie sogar öffentliche E-Commerce-Plattformen wie Ebay für ihre Geschäfte nutzen. Dort finden sich immer wieder Zylinder mit HFKW-Kältemitteln undeklarierter Herkunft, für die es augenscheinlich kein Rücknahmesystem gibt. Anfragen an die Händler, wie und wo leere Behälter zurückgegeben werden können, bleiben unbeantwortet.

Der Herstellerverband ETCFC geht davon aus, dass das Volumen der jährlich illegal importierten HFKWs in die EU einem CO-Äquivalent von bis zu 34 Millionen Tonnen entspricht. Zum Vergleich: Deutschland hat 2019 insgesamt 805 Millionen Tonnen CO₂ emittiert. Wie viel Schmuggelware tatsächlich in die Atmosphäre gelangt, lässt sich allerdings nicht sagen. Ein Teil der Kältemittel vom Schwarzmarkt wird bei der Entsorgung der Anlagen und Geräte unschädlich gemacht. Doch die Mengen, die beim Betrieb durch Lecks entweichen, sind nicht zu unterschätzen. Klimaanlagen von Autos zum Beispiel verlieren laut Umweltbundesamt jedes Jahr rund zehn Prozent ihrer Kältemittel, die von Bussen gar 15 Prozent. Bei modernen Großklimaanlagen, etwa für Bürogebäude oder Einkaufszentren, sind es 3,2 Prozent, bei älteren Anlagen sechs Prozent.

Gute Gründe für das Bundesumweltministerium, nun schärfere Maßnahmen gegen den illegalen Handel mit HFKW zu ergreifen. Das Ministerium hat einen Gesetzesentwurf erarbeitet, der unter anderem eine umfassende Dokumentationspflicht in der gesamten Lieferkette vorsieht. Das soll es den Aufsichtsbehörden erleichtern, die Handelswege nachzuverfolgen und Straftaten zu ahnden. Der ETCFC begrüßt das Gesetz, verweist aber darauf, dass dessen Wirksamkeit letztlich vor allem davon abhänge, wie es durchgesetzt werde und ob die Strafen abschreckend genug seien. Am Ende komme es aber auch auf mehr Bewusstsein für das Problem an, sagt Felix Flohr - "wenn niemand mehr illegale Ware abnimmt, verliert auch der Schwarzmarkt seine Grundlage".

© SZ
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