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Kadetrinne:Wasserbomben bedrohen Ostsee-Schifffahrt

Fast 200 Schiffe durchfahren täglich die Passage vor der deutschen Küste, auf deren Grund Bomben aus den Zweiten Weltkrieg liegen. "Wenn irgendwo Gefahr in Verzug ist, dann hier", sagen Experten.

Axel Bojanowski

In der Ostsee bedrohen Wasserbomben die Schifffahrt. Auf dem Grund der Kadetrinne, einer der meist befahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt, liegen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung an Bord eines Kriegsschiffwracks mindestens drei Bomben, die jederzeit explodieren könnten. Täglich durchfahren fast 200 Schiffe die schmale Passage vor der deutschen Küste, darunter Dutzende Tanker. Wegen ihrer Enge und des vielen Verkehrs gilt die Kadetrinne zwischen der Halbinsel Darß und der dänischen Insel Falster unter Seeleuten als schwer schiffbar.

Das "Nadelöhr der Ostsee": die seichte Meerenge zwischen der Halbinsel Darß und der dänischen Insel Falster.

(Foto: Foto: dpa)

Üblicherweise werden Meeresgebiete, in denen Wasserbomben entdeckt werden, für den Verkehr gesperrt; die Explosivstoffe werden geborgen oder gesprengt. In diesem Fall ist das bislang nicht geschehen, obwohl die Behörden seit mindestens anderthalb Jahren von der Gefahr wissen.

Bereits im Jahr 2006 hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie BSH Seekarten entsprechend ändern lassen: Das betreffende Wrack in der Kadetrinne - vermutlich ein "Vorpostenboot" aus dem Zweiten Weltkrieg - wird in den Karten seither nebulös als "munitionshaltig" bezeichnet. Offenbar hatten Marinetaucher den Sprengstoff entdeckt.

An Bord des Schiffes befinden sich nicht die in der Ostsee häufig zu findenden, vergleichsweise kleinen Minen, sondern sogenannte Groß-Kampfstoffe, die geeignet sind, komplette Schiffe zu versenken. Mindestens drei Wasserbomben lagern neben anderer Munition aus dem Zweiten Weltkrieg an Bord des 30 Meter langen und sieben Meter breiten Schiffes, das aufrecht auf dem Grund steht.

Die explosive Fracht liegt in 21 Meter Tiefe und damit vier Meter unter dem an dieser Stelle zugelassenen Tiefgang für Schiffe; Kollisionen von Schiffen mit den Bomben sind bei normaler Fahrt folglich nicht zu befürchten. Bei Notankerungen und Havarien könnten die Bomben allerdings explodieren. Das Wrack liegt ausgerechnet in jenem Gebiet der Kadetrinne, wo in der Vergangenheit die meisten Schiffe verunglückt sind.

Es besteht zudem die Gefahr, dass die Bomben von selbst explodieren. Spontane Detonationen von Weltkriegsmunition werden in der Ostsee regelmäßig registriert. Dadurch wurden auch bereits Schiffe versenkt. "Wenn irgendwo Gefahr in Verzug ist, dann in diesem Fall", sagt Angelika Beer, Europaparlamentarierin der Grünen.

"Der nördliche Tiefwasserweg in der Kadetrinne muss umgehend gesperrt werden", fordert der Umweltgutachter Stefan Nehring, ein Experte für Munitionsfunde im Meer. Nach Ansicht des BSH jedoch stellt "das Wrack für die Überwasserschifffahrt keine unmittelbare Gefahr dar".

Die Wasserbomben wurden offenbar zuletzt von Tauchern der Bundesmarine im Oktober 2006 untersucht. Es bestehe jedoch "keine Klarheit über den Zustand der Bomben", erklärt der Kampfmittelräumdienst von Mecklenburg-Vorpommern. Eine Bergung der Bomben sei jedoch höchst gefährlich, weil die Bomben jederzeit explodieren könnten. "Die Behörden sind nun dringend aufgefordert, die Bergung der Bomben zu prüfen", sagt Grünen-Politikerin Angelika Beer.

Die Beseitigung der Bomben würde Schifffahrt und Seehandel massiv beeinträchtigen. "Die Kadetrinne müsste für den Verkehr geschlossen werden, womöglich tagelang", sagt Nehring.

Doch weder das BSH, noch das für die Region zuständige Schifffahrtsamt oder der Kampfmittelräumdienst haben einen Plan für die Beseitigung der Kampfmittel. "Wir können nicht beurteilen, ob die Bomben entschärft werden sollten", sagt eine Sprecherin des BSH. Für die Räumung sei die Marine oder der Kampfmittelräumdienst zuständig.

Eine Sprengung des Wracks käme nicht in Frage, denn Öl könnte auslaufen, erklärt der Kampfmittelräumdienst von Mecklenburg-Vorpommern. Das Öl müsste also zuvor aus dem Wrack gepumpt werden. Eine andere Möglichkeit wäre laut Kampfmittelräumdienst, die Bomben vom Schiff zu holen und sie in einigem Abstand am Meeresgrund zu sprengen.

Nach bisherigen Plänen soll der explosive Fund in der Kadetrinne zunächst von Tauchern ein weiteres Mal untersucht werden. Auch dafür gibt es allerdings noch keinen Termin. "Der Umgang der Behörden mit der Gefahr ist unverantwortlich und nur durch unzureichende Expertise erklärbar", sagt Stefan Nehring.

Auch der Ablauf einer Bergung ist nicht eindeutig geregelt. Die Kadetrinne fällt als Bundeswasserstraße zwar in die Zuständigkeit des Bundes. Die Räumung von Munition auf dem Meeresgrund vor der deutschen Küste führen aber zumeist die Kampfmittelräumdienste der Bundesländer durch.

© SZ vom 05.06.2008/mcs
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