Jugendgewalt Warum sinkt die Jugendgewalt?

Warum aber sinkt die Jugendgewalt? Dazu einige knappe Antworten, die wir empirisch belegen können. Erstens: Die innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder nimmt seit mindestens zwölf Jahren schrittweise ab und damit auch die Neuproduktion von jungen Gewalttätern.

Christian Pfeiffer: "Die emotionale Wucht der Fernsehbilder von brutalen Gewalttaten junger Menschen beeinflusst die Einschätzungen der Zuschauer stark. Dank der U-Bahn-Überwachungskameras sind die Gewaltexzesse sichtbar geworden wie nie zuvor."

(Foto: dpa)

Zweitens: Die Bildungsintegration und in Teilen auch die soziale Integration von jungen Migranten hat sich in vielen Regionen langsam, aber stetig verbessert. Dazu haben auch Vereine, Bürgerinitiativen und Bürgerstiftungen entscheidend beigetragen.

Drittens: Dank unserer guten Polizei ist das Risiko des Erwischtwerdens für junge Gewalttäter deutlich angewachsen. Hinzu kommt die Zunahme der Anzeigebereitschaft der jungen Gewaltopfer. Beides dämpft den Tatendrang potentieller Räuber und Schläger.

Viertens: Alkohol- und Drogenkonsum junger Menschen gehen deutlich zurück. Dies zeigt auch der jüngste Drogenbericht der Bundesregierung.

Fünftens: Die Schulen sehen es verstärkt als ihre Aufgabe an, der Gewalt durch Prävention entgegenzuwirken. Inzwischen gibt es Konfliktlotsen und eine engagierte Pausenaufsicht, eine verbesserte Zusammenarbeit mit der Polizei und eine gründliche inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Brauchen wir angesichts dieser erfolgreichen Präventionsstrategien die von der Bundesregierung geplante Verschärfung des Jugendstrafrechts? Was soll damit erreicht werden, dass die Strafaussetzung zur Bewährung in Zukunft mit dem Jugendarrest gekoppelt verhängt werden kann?

Gegen mehr Jugendarrest spricht schon die hohe Rückfallquote: Zwei von drei Jugendlichen, die mit Jugendarrest bestraft wurden, werden wieder rückfällig. Die Quote ist auch deshalb so hoch, weil nach der Entlassung aus der Haft gilt, was schon der Volksmund weiß: "Und ist der Ruf erst ruiniert, so lebt sich's gänzlich ungeniert."

Zudem lernt man hinter Gittern meist die falschen Freunde kennen. Die von den Befürwortern des Warnschussarrestes vorgetragene These, man müsste dem Angeklagten die schmerzhafte Erfahrung des Freiheitsentzuges vermitteln, damit er die Bewährungsstrafe nicht für einen Freispruch hält, geht an der Wirklichkeit vorbei.

Gesessen haben die allermeisten zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere mindestens einmal - entweder in der U-Haft oder im Jugendarrest. Außerdem ist ihnen der Ernst der Lage in der Regel ohnehin bewusst, denn der Jugendrichter sagt es ihnen in der Hauptverhandlung: Jeder erneute Fehltritt kann die Eintrittskarte für das Gefängnis bedeuten.

Nein - hier geht es der Koalition ebenso wie mit der geplanten Anhebung der Höchststrafe auf 15 Jahre nur um die Befriedigung der aus den oben dargestellten Gründen angestiegenen Strafbedürfnisse der Bevölkerung.

Das ist populär und soll Stimmen bringen. Aber dazu sollten die straffälligen Jugendlichen nicht benutzt werden.

Christian Pfeiffer (67) ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Von 2000 bis 2003 war er für die SPD Justizminister des Landes Niedersachsen.