bedeckt München
vgwortpixel

Satirischer Jahresrückblick:Das war 2020

Aliens, auferstandene Tiere und funktionierende Homöopathie: Die Redaktion "Wissen" der SZ überlegt, was wohl alles kommen wird: ein nicht ernst gemeinter Voraus-Jahresrückblick.

Socken im Kosmos

Im Nachhinein war es vollkommen offensichtlich. Warum war man nicht früher darauf gekommen? Stattdessen hatte man alle möglichen bizarren Konzepte bemüht, um die ganz offensichtlich fehlende Materie im All zu erklären. Aus WIMPS sollte die Dunkle Materie bestehen, nebulöse, schwach wechselwirkende Teilchen. Oder aus Axionen, oder aus supersymmetrischen Teilchen, die aber komischerweise nie ein Teilchenbeschleuniger produzieren konnte.

Dass das alles Mumpitz war, begann sich im Mai 2020 zu zeigen, als ein bis dahin geheimgehaltenes Experiment der Laboratori Nazionali unter dem Gran-Sasso-Massiv in Italien seltsame Signale auffing. Der im Prinzip verblüffend einfache Versuchsaufbau wurde an anderen Orten wiederholt, und schließlich wurde klar: Es war all die Jahre ein Irrweg gewesen, nach einem bestimmten winzigen, unsichtbaren, kaum wechselwirkenden Teilchen zu suchen. Tatsächlich bestand die rätselhafte Dunkle Materie aus Überbleibseln des Kosmos. Ihre Zusammensetzung war überall verschieden.

In der Umgebung der Erde, so zeigten schließlich Analysen, waren die Hauptbestandteile der Dunklen Materie feinste Partikel einzelner Socken, die ihren Besitzern auf rätselhafte Weise abhanden gekommen waren. Aber auch Zettel mit wichtigen Telefonnummern, Kassenbons für kaputtgegangene Elektrogeräte, Haarspangen, Kugelschreiber und einzelne Ohrringe ließen sich nachweisen. Eine Publikation, die gegen Ende des Jahres eingereicht wurde, wollte sogar die Signatur der Plastikgeschosse aus dem Lego-Star-Wars-Set für den Millennium-Falken gefunden haben, aber die Stichhaltigkeit der Analyse blieb unter Fachleuten umstritten.

Etwas länger dauerte es, der Dunklen Materie weiter draußen im All auf die Spur zu kommen. Aber schließlich stellte sich heraus, dass die Dunkle Materie dort großteils aus Quantenschrott bestand: Nicht existierende Teilchen, produziert in missglückten Fluktuationen; unnötige Partikel, die das Standardmodell nur noch weiter verkomplizieren würden, zusätzliche Parameter der Kosmologie, an denen nun wirklich niemand ein Interesse hatte.

Ein enormer Fortschritt auf der Suche nach intelligentem Leben im All war auch die Erkenntnis, dass Galaxien mit bewohnten Planeten sehr charakteristische Dunkle-Materie-Muster aufwiesen, je nach dem Fortschrittsgrad der Zivilisation. Ab einem bestimmten technischen Entwicklungsgrad verschwand etwa das Socken-Signal vollkommen, weil sich einheitliche Socken durchsetzten.

Marlene Weiß

Betrunken am Bodensee

Samuel Hahnemann hatte es aus dem Grab heraus noch einmal allen gezeigt. Es waren wenige Monate vergangen, seit der bayerische Landtag eine Studie in Auftrag gegeben hatte, sie sollte endlich klären, ob die von Hahnemann erfundene Homöopathie eine Wirkung entfaltet - eine die über den psychologischen Effekt eines Scheinmedikaments hinausgeht. Schulmediziner empörten sich ob der Entscheidung, weil es solche Studien ja längst gab. Da war keine Wirkung. Die Präparate waren so stark verdünnt, dass sie nur vereinzelte oder gar keine Moleküle Wirkstoff enthielten. Die meisten Experten waren daher überzeugt, dass Hömöopathie Unfug war. Bis diese Sache am Bodensee passierte.

Es blieb ungeklärt, wer am 1. Februar 2020 eine halbe Flasche Helles nahe Lindau ins Wasser kippte. Fest steht nur, dass zeitgleich Pfähle für einen Steg in den Grund des Sees gerammt wurden. Wie sich zeigte, waren genau diese Erschütterungen entscheidend dafür, dass das halbe Bier im Trinkwasserreservoir Bodensee fast vier Millionen Menschen bis zur Besinnungslosigkeit betrunken machte. Kinder torkelten auf dem Weg zur Schule, Bankangestellte lallten, Autofahrer rammten Straßenlaternen.

Und das sollte erst der Anfang sein. Forscher fanden bald heraus, dass extrem verdünnte Drogen im Trinkwasser in Kombination mit leichten Erdbeben zu schweren Wahnvorstellungen führen können - und dass die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA genauso auf diesen Effekt zurückzuführen war wie die geistige Verfassung Trumps selbst. Die Begeisterung der Massen für Helene Fischer? Erwies sich als Folge einer einzigen, ins Klo gefallenen Probe süßlichen Parfums, zusammen mit den allgegenwärtigen Bum-Bum-Rhythmen aus dem Radio.

Überhaupt entdeckten Wissenschaftler nun für jede menschliche Schieflage eine homöopathische Ursache. Familienfehden, schlechte Leistungen im Job, politische Fehlentscheidungen - alles eine Folge ultimativer Verdünnung, einer unsichtbaren Macht, derer man sich nun entledigen wollte. Und so wurde aus dem Triumph der Homöopathen ihr Untergang. Mit massivem Aufwand wurden Spezialdetektoren und effektive Enthomöopathisierungssysteme entwickelt. Ein "Homöopathie-frei"-Label kennzeichnete schon ab 2021 sichere Lebensmittel, sogar homöopathiefreie Kosmetik war bald erhältlich. So wie Sitzen als das neue Rauchen galt, wurde die Homöopathie das neue Glyphosat. Hahnemann wurde mit seinen Lehren erneut begraben - dieses Mal endgültig.

Kathrin Zinkant

Süddeutsche Zeitung Wissen Die Geometrie des Alls

Kosmologie

Die Geometrie des Alls

Ist das Universum unendlich groß oder hat es ein Ende? Beides hätte verblüffende Konsequenzen, glauben Forscher - von Parallelwelten bis zu Rückblicken in die Vergangenheit.   Von Marlene Weiss

Aliens und allwissende Suchmaschinen

Willkommen und Abschied

Immerhin, mindestens 1470 Jahre waren den Menschen geblieben, um die Angelegenheit gründlich zu diskutieren. Denn so viele Lichtjahre ist der Stern KIC 8462852 von der Erde entfernt. Selbst wenn man den dort entdeckten Aliens fortschrittliche Technologien unterstellen würde, die Gesetze der Physik würden wohl auch für sie gelten.

Bereits im Herbst 2015 hatten Astronomen spekuliert, ob sich hinter den mysteriösen Helligkeitsschwankungen von KIC 8462852 künstliche Strukturen verbergen könnten. Sie hatten diese Annahme dann aber wieder verworfen - leichtfertig, wie sich zeigte. Im Juni 2020 fing ein Seti-Teleskop einen Funkspruch auf, den Kryptologen schnell übersetzen konnten: "Hallo, können wir mal vorbeikommen?"

Die richtige Antwort auf diese Frage beschäftigte die Menschheit die kommenden Jahrhunderte. Sollte man überhaupt antworten? Ein Exo-Soziologe der Uni Freiburg etwa warnte vor der traumatisierenden Begegnung mit dem ganz Anderen. Die AfD erzielte mit ihrer Anti-Alien-Kampagne einige Erfolge. Die Reste der katholische Kirche zerstritt sich gegen 2500 über die Frage, ob außerirdische Wesen getauft werden dürfen. Stattdessen verbreiteten sich die Cargo-Kulte Melanesiens über die Erde. Sie versprachen prächtige Mitbringsel von KIC 8462852.

Die meisten Menschen waren neugierig. Hobby-Astronomen funkten pausenlos Willkommensbotschaften ins All. Völlig aus dem Häuschen gerieten sie, als im Jahr 3200 ein Weltraumteleskop zum ersten Mal das Bild eines anfliegenden Raumschiffes einfing. Bereits 100 Jahre vor der errechneten Ankunft begannen die Planungen für die Empfangsfeierlichkeiten, eine Woche vor Landung startete das größte Feuerwerk in der Geschichte der Menschheit. Es endete abrupt, als eine weitere Botschaft eintraf: "Bisschen laut hier, Tschüss!"

Christian Weber

Die ultimative Suchmaschine

2020 war das Jahr der Datentransparenz. Transparenz, das klingt so schön nach Einblick und Durchblick im Sinne des Gemeinwohls. Menschen, die anderen Menschen die Karten offen auf den Tisch legen, wer möchte das nicht? Keine Geheimnisse mehr, keine Mauscheleien und Versteckspiele, stattdessen weiß jeder über jeden alles, und jetzt beginnt die Geschichte: Im Januar 2020 hat Google bekannt gegeben, eine Suchmaschine anzubieten, die allen Menschen die Karten offen auf den Tisch legt. Google absolute heißt das neuste Werk der Megacompany, es ist eine Suchmaschine, die alles scannt, wirklich alles. Jede Mail, die jemals geschrieben wurde, jeder Chatverlauf, jeder Liebesbrief, der nie abgeschickt im "Entwürfe-Ordner" schlummert. Google absolute findet ihn.

Und so kam, was kommen musste, die Straßen waren leergefegt, Millionen Menschen weltweit starrten auf Bildschirme, googelten wie irre ihre Namen, suchten nach Verbindungen, Geheimnissen, Offensichtlichem und Nebensächlichem. Die Server der großen Techgiganten glühten, Werbeunternehmen verbuchten in wenigen Tagen Milliardengewinne, das öffentliche Leben brach zusammen.

Menschen fanden sich, die Freude war groß, Menschen stritten sich, die Zahl der Scheidungen schoß in die Höhe. Absolute Transparenz und kein Recht auf Vergessen, war es nicht das, was viele einst als die große Errungenschaft des Internets verstanden? Und nun hat die absolute Suchmaschine die Menschheit gespalten, mehr denn je, plötzlich ist alles wieder da, was jemals war.

Es ist, klar, Teil der Kraft des Kapitalismus, dass sich in kurzer Zeit Unternehmen gründeten, die gute, aber teure Lösungen für das Problem anboten: digitale Radiergummis, die lästige Spuren verwischen sollen. Millionen Menschen weltweit, die selbst ihre intimsten Geheimnisse viele Jahre WhatsApp anvertrauten, bereuten zutiefst und hofften und bangten, dass ihnen jene Digitalradiergummis zumindest die größten Schmerzen ersparen könnten, ihnen die Ehe und die Ehre retten.

Klar, man hätte auch 2019 und davor für wenige Euros sichere Apps installieren können, aber der Mensch ist träge und außerdem sind ja eh alle auf WhatsApp und was hat man denn persönlich schon zu verbergen, eh nix, eh klar. Google absolute hat aber noch einen weiteren Effekt, der zwar am Ende dieses Textchen steht, und doch bedeutsam ist: Die Qualität des Internets wurde besser, die Menschen achteten plötzlich darauf, was sie dort schrieben, und sie schrieben vor allem gute und richtige Dinge und weniger Unsinn und Hass.

Felix Hütten

Blitzdings und GeoShifting

Vergessen auf Knopfdruck

Der beste Feind vergisst nichts. Niemals. Auch nicht die Sache von der Weihnachtsfeier. Aus den Boxen dröhnt "Last Christmas", alle Kollegen sind schon etwas beschwipst. Ein beschwingter Gang Richtung Buffet, dann der Stolperer: Der Weg zum Buffet endet zwischen Pommes, Tomatensuppe und Bowle. Der beste Feind lacht. Auch Tage später noch, jedes Mal, wenn er es weitererzählt.

Peinliche Momente bleiben besonders gut im Gedächtnis hängen. Es wäre ein Traum, wenn sich daran etwas ändern ließe. Und so präsentierten im Juli 2020 Forscher ein Gerät, das auf Knopfdruck die Erinnerung an jüngst Geschehenes auslöscht, ähnlich wie das "Blitzdings" in Men-in-Black-Filmen, in denen Agenten verhindern müssen, dass die Menschen die Aliens auf der Erde bemerken: Lässig die Sonnenbrille aufsetzen, einmal kurz um die Aufmerksamkeit aller Anwesenden bitten, es blitzt und alle haben vergessen, was soeben geschehen ist.

Dass das Blitzdings nun auf dem Markt kam, war nicht überraschend. Bereits 2014 hat ein Team um Brian Wiltgen von der UC Davis das Prinzip erfolgreich an genetisch veränderten Ratten getestet. Die Gehirnzellen im Hippocampus, dem für die Erinnerung zentralen Gehirnareal, ließen sich mit Lichtsignalen an- und ausschalten, so dass die Ratten ihre Furcht vor einem Käfig vergaßen, in dem sie zuvor starke Stromschläge erlitten hatten. Anderen Forscher gelang ähnliches mit Medikamenten. Und so zeigte sich, wie praktisch das gezielte Vergessen war, zum Beispiel wenn dem Nachbar einfach nicht mehr einfiel, dass er am frühen Sonntag morgen seinen Rasen mähen wollte. Oder wenn sich der Kontrolleur plötzlich nicht mehr erinnerte, dass er einen Fahrgast soeben ohne Ticket erwischt hatte. Und natürlich, wenn die vergangene Weihnachtsfeier den Bach hinuntergegangen war.

Sören Müller-Hansen

Die große Wiedervereinigung

Sie waren einfach zu ungeduldig, diese Grönländer. Allerdings sind 150 Millionen Jahre natürlich schon eine ziemlich lange Zeit. Dann nämlich, so wissen es die Geologen seit Langem, würde die größte Insel der Welt ganz von alleine aufgrund natürlicher plattentektonischer Prozesse bei ungefähr 30 Grad südlicher Breite in der Nähe von Peru gelandet sein. Doch die Einwohner wollten schon früher einen Platz an der Sonne, der Slogan "Palmen für Nuuk" hatte seine Wirkung getan. Per Volksabstimmung beschlossen sie mit großer Mehrheit, dass Grönland Kurs Richtung Süden nehmen sollte. Etwas schade war das wegen der Eisbären. Sie wurden in der Arktis ausgesetzt, zum Abschied bekamen die verdutzten Tiere alle je einen Zentner Kabeljau.

Möglich war das Vorhaben durch eine neue Technologie geworden, die im März 2020 auf dem 36sten Internationalen Geologenkongress in Delhi zum ersten Mal vorgestellt wurde. Dieses sogenannte GeoShifting hatte irgendetwas mit Fracking und kleinen nuklearen Sprengsätzen zu tun und erlaubte es, die natürliche Kontinentaldrift mindestens um den Faktor 1000 000 zu beschleunigen - oder auch abzubremsen. Das neue GeoShifting wurde gerade von den indischen Geologen und Politikern begeistert begrüßt, machten sie sich doch Sorgen, weil sich Indien schon seit Langem ungebremst unter den Himalaja schiebt und eines Tages vielleicht ganz unter Tibet verschwinden könnte. Und das bei 1,34 Milliarden Menschen im Land! Bereits 2021 machte das indische Parlament Milliarden Rupies für das Projekt IndiaStop frei. Das war auch den Tibetern recht, die gar nicht wollten, dass ihr Land immer weiter in die Höhe gehoben und dort die Luft zum Atmen knapp wird.

Doch schon bald zeigten sich erste, im wörtlichen Sinne geopolitische Verwerfungen. So erhob der am 3. November wiedergewählte US-Präsident Donald Trump Anspruch auf Grönland, sollte es den Atlantik durchqueren. In der Nordsee schlingerte England, das sich von Schottland getrennt hatte, unentschlossen hin und her. Fast zum Krieg kam es, als sich der afrikanische Staatenbund wieder Südamerika annähern wollte. Auf dem Globus ging es zu wie auf der Auto-Scooter-Bahn.

Welch Glück, dass sich die Länder der Welt auf der großen Welt-GeoShifting-Konferenz der UN im Jahr 2120 auf ein gemeinsames Ziel einigten. Sie beschlossen, das zu bilden, was mit der natürlichen Kontinentaldrift erst in 200 Millionen Jahren entstehen würde: einen einzigen, neuen Superkontinent. Er wurde auf Vorschlag der Geologen Pangäa proxima getauft.

Christian Weber

Umwelt Koalasterben und Hirschferkel: Tierische Verlierer und Gewinner 2019 Bilder

WWF

Koalasterben und Hirschferkel: Tierische Verlierer und Gewinner 2019

Lebensräume werden zerstört, bedrohte Tiere gewildert: Der Mensch setzt vielen Arten dramatisch zu. Einige Spezies sind aber auch auf dem aufsteigenden Ast. Eine hat sich überraschend als doch nicht ausgestorben herausgestellt.

Glückspille und Graviton

Die ultimative Glückspille

Mit dem Glück ist es ja so eine Sache, denn eigentlich kennen es sehr viele Menschen, zum Beispiel in Form eines Dachs über dem Kopf oder warmer Kleidung, da kann man sich schon glücklich schätzen. Andererseits drückt ja doch immer irgendwo der Schuh, die Chefin lächelt müde bei Fragen nach einer Gehaltserhöhung und im Keller ist ein Rohr gebrochen, und schnell fühlt sich alles so an, als hätte das ganze Leben ein Leck, irgendwo fließt immer Wasser rein.

Einfach mal glücklich sein, ach, das wäre schon schön, geht halt nicht einfach so. Doch dann ist im September 2020 der Durchbruch in der Pharmaforschung gelungen. Neurophysiologen haben endlich verstanden, wie genau Glück im Gehirn entsteht und sich als samtweiches Gefühl durch den Körper schlängelt. Abgeleitet von der Partydroge LSD war es nun tatsächlich gelungen, das menschliche Serotonin-System so zu manipulieren, dass eben, tja, alle glücklich sind. Ohne Nebenwirkungen wie Wahnvorstellungen oder Psychosen. Einfach immer happy.

Die Pille kann sogar mehr, als Serotonin einfach zu ersetzen, nein, sie schickt ein eigenes Signal in die Nervenzellen, eine Glücksbotschaft, getränkt von Liebe, ohne Suchtgefahr. Die Folgen waren dramatisch, überall grinsende Menschen, die sich gegenseitig die Tür aufhielten und die Einkäufe hochtrugen. Autofahrer ließen Fußgänger passieren, Kassierer im Supermarkt wünschten ihren Kunden einen schönen Tag und Leserbriefschreiber entschuldigten sich bei Journalisten für all die üblen Beschimpfungen der vergangenen Jahre.

Diese Glückseligkeit in Form von einer Pille aber hatte leider auch Schattenseiten, die Rufe nach mehr Kapazitäten in der Psychotherapie verstummten, deutschlandweit fürchten Psychologen und Therapeuten um ihre Jobs. Sie zogen mit Trommeln und Trompeten vor das Kanzleramt und forderten eine Rezeptpflicht, so gehe es nicht weiter, riefen sie. Und tatsächlich wurde es vielen Menschen nach und nach zu anstrengend, immer gut drauf sein zu müssen. Schlechte Laune jedenfalls war gesellschaftlich geächtet, es gab ja die Pille! Also musste man immer Lust haben auf ein Feierabendbier, nie mehr krank und erschöpft, nie mehr Netflix statt Nettigkeiten. Der Widerstand wuchs, bald tauchten auf dem Schwarzmarkt "Downer" auf, kleine Helferlein, die einen so richtig runterzogen. Die Anti-Glückspillen-Industrie boomte, doch die Mittelchen hatten teils verheerende Nebenwirkungen. Millionen an Fördergeldern wurden investiert, um die Folgen einzudämmen. Schnell war klar: Es braucht Pillen, die gegen Glücks- und Anti-Glückspillen helfen. Was ein Unglück.

Felix Hütten

Endlich Sex im Weltraum

Das Ereignis war so vollkommen unmöglich, dass die Doktorandin nur ausgelacht wurde von ihren Kollegen, als sie von ihrem selbst entwickelten Detektor berichtete. Dieser habe am frühen Morgen des 8. August 2020 tatsächlich ein Graviton nachgewiesen, also jenes zuvor hypothetische Elementarteilchen, das der Quantentheorie zufolge der Träger der Schwerkraft ist. Dazu muss man wissen, dass Berechnungen zufolge die Sonne pro Sekunde zwar 1000 Trilliarden Gravitonen ausstößt, aber nur vier davon in der bisherigen Lebenszeit des Gestirns die Erde erreicht haben. Das Münchner Max-Planck-Institut für Physik ließ sich deshalb fast ein ganzes Jahr Zeit für Nachberechnungen und Prüfungen, bevor es das Ergebnis in einer feierlichen Pressekonferenz der Öffentlichkeit verkündete. Stolz hielt der Direktor das zugehörige Science-Cover in die Kameras.

Es war ein Durchbruch nicht nur für die Theoretische Physik, sondern auch für die Raumfahrt. Denn bereits im Jahr 2030, also noch bevor sie ihren Nobelpreis bekam, hatte die Ex-Doktorandin, mittlerweile beschäftigt bei Amazon Astro, mithilfe ihrer Ergebnisse einen Generator entwickelt, der selber Gravitonen und somit künstliche Schwerkraft erzeugt - zum Beispiel am Bord von Mars-Raumschiffen. Zuvor hatte es nur die Idee gegeben, Schwerkraft zu simulieren, indem man eine Raumstation von der Form eines Rades um ihr Zentrum rotieren lässt. Doch müsste eine solche Station - je nach Drehgeschwindigkeit - einen Durchmesser von bis zu sechs Kilometern haben, wenn man erdähnliche Verhältnisse haben will. Kopplungsmanöver wären kaum möglich.

Der neue g-Generator hingegen wurde einfach wie eine Fußbodenheizung in das Raumschiff eingebaut, per Drehregler konnte der gewünschte g-Wert eingestellt werden. Endlich litten die Astronauten kaum noch unter der Raumkrankheit, die mit Desorientierung, Kopfschmerzen und Übelkeit bis zum Erbrechen verbunden war. Sie führt auch dazu, dass die Muskelmasse schwindet, der Knochen Kalzium und der Körper große Mengen Blutplasma und rote Blutkörperchen verliert. Obwohl Hin- und Rückflug 560 Tage dauerte, kamen die Astronauten vollkommen durchtrainiert auf dem Mars an.

Und noch einen Vorteil hatte der Generator, auch wenn die immer noch prüden Nasa-Funtionäre nur ungern darüber redeten: Die künstliche Schwerkraft erleichterte es den Astronauten und Astronautinnen doch deutlich, auf den geplanten jahrelangen Missionen, die ja schon bald in andere Sonnensysteme führen sollten, Sex zu haben und so für Nachwuchs zu sorgen.

Christian Weber

Piepser und junge Rentner

Ruhe im Haushalt

Was ist das wohl für eine Welt, in der die Haushaltsgeräte von heute entstehen? Man kann es sich als düsteres Kellergewölbe vorstellen, in dem bleiche Gestalten mit weißen Kitteln sich kichernd gegenseitig darin überbieten, noch kompliziertere Touchscreens, LED-Anzeigen und Sensorknöpfchen an ihre Geräte zu bauen. Und am Ende wird mit Fanfarenklängen das Kronjuwel in jede Waschmaschine, Kühlschrank, Ofen, Trockner und Toaster hineingebastelt: der Piepser. Ingenieure nennen ihn ehrfurchtsvoll "Tongeber". Der künftige Nutzer soll schließlich über jeden Gemütszustand seiner Geräte bestens informiert sein und sich zu jeder erdenklichen Tages- und Nachtzeit um das Befinden der Maschinchen kümmern. Wenn das arme Ding piepst, bestätigen Sie den Signalton umgehend! Egal ob das Omelett gerade anbrennt oder das Kind schreit.

Nach Jahrzehnten zunehmender Piepserei schwand leider die Hoffnung, dass die Bleichgesichter im Kellergewölbe sich jemals in der normalen Welt umhören, um festzustellen, dass ihre Kunden alles wollen, nur keine piepsenden Haushaltsgeräte. Es blieb daher nur noch der Weg, mit Technik zu bekämpfen, was die Techniker nicht mehr aus der Welt schafften: Eine Piepstonkillermaschine wurde der breiten Öffentlichkeit im Oktober 2020 vorgestellt. Das Ding sorgte endlich für Ruhe in den Haushalt. Der Antipiepsomat bringt mit einem Knopfdruck alle im Haushalt (und gerne auch beim Nachbarn) vorhandenen Piepsgeräte zu lebenslangem Stillschweigen. Herrlich. Allerdings war die Hoffnung der Menschheit auf ein piepstonfreies Leben nur eine kurze Illusion: Bei der Entwicklung des Piepstonkillers bestand ein findiger Ingenieur im Kellergewölbe darauf, einen Piepser einzubauen. Wie soll der Nutzer des hübschen Geräts sonst merken, dass die Batterie zur Neige geht?

Patrick Illinger

Das Recht aufs Altern

Da flogen sie, die Faltencremes, in hohem Bogen in den Müll. Forever Young von Alphaville eroberte die Charts, Champagnerkorken knallten, wilde Partys wurden gefeiert. Wen kümmerte schon, was morgen sein würde, wenn es doch ein ewiges Übermorgen gab? Zu verdanken hatte man diese atemberaubende Perspektive japanischen Stammzellgenetikern der Universität Kyoto. Die Forscher hatten wegen der immer älter werdenden Bevölkerung des kleinen Landes hart an dem Projekt gearbeitet, und im November 2020 war es dann endlich so weit. Man hatte ein Mosaik von Genen entdeckt, das sich mithilfe moderner Genscheren leicht manipulieren ließ - sämtliche Prozesse der Zellerneuerung waren nun kontrollierbar. Die Therapie kostete binnen kurzer Zeit nur noch wenige Dollar. Der Tod war für die Mehrheit der Weltbevölkerung plötzlich keine Bedrohung mehr. Man lebte und lebte - und zunächst genoss man das auch in vollen Zügen.

Angela Merkel wurde noch 16 Mal als Kanzlerin wiedergewählt. Universitäten verzeichneten Rekordzuläufe, es gab bald Supergelehrte, die von Maschinenbau bis Philosophie alles studiert hatten. Und auch für den Planeten änderte sich viel: Aus den Klimapäckchen der Regierungen entstand eine echte Initiative zum Klimaschutz. Schließlich würde man selbst das Jahr 2150 erleben - und wer wollte dann in einer Wüste wohnen? Bereits 2022 war der Individual- und Flugverkehr fast vollständig zum Erliegen gekommen. Man hatte genug Zeit, um mit Zügen und Segelbooten um die Welt zu reisen. Plastik, Massentierhaltung und konventionelle Landwirtschaft wurden abgeschafft, kein Kohle- oder Atomkraftwerk überdauerte die Revolution. Auch Kriege zu führen ergab kaum noch Sinn. Die Welt war nun so gut, dass die meisten Menschen es nicht mehr ertragen konnten.

Die Stimmung kippte um das Jahr 2120 herum. Die Beliebigkeit sämtlicher Lebensentscheidungen, die man ja später durch andere Entscheidungen wieder korrigieren konnte, zermürbte die Menschen. Binnen weniger Jahrzehnte hatten sich die meisten so oft selbst verwirklicht, dass ihnen nichts mehr zum Leben einfiel. Jeder war mit jedem in den sozialen Netzwerken befreundet, es gab niemanden mehr, den man noch hätte kennenlernen können. Selbst die Liebe verlor ihren Reiz. Die Zahl der Suizide nahm zu. Es waren die ewigen Grundschüler, die schließlich für ein "Recht aufs Altern" auf die Straße gingen - und sich durchsetzten. Seither sehen die Menschen ihre Vergänglichkeit nicht als Fluch - sondern als Geschenk.

Kathrin Zinkant

Wiederauferstehung und Schlafstopp

Mammuts aus der Maschine

Von den wilden Tieren gibt es meist nur traurige Nachrichten. Iman, das letzte Sumatra-Nashorn auf Malaysia ist 2019 gestorben. Dem Pangolin, das sich bei Gefahr wie ein Igel einrollt, ist kaum noch zu helfen. Die Schuppentiere, die in freier Wildbahn fast ausschließlich Ameisen und Termiten fressen, verenden an dem Kraftfutter, das ihnen wohlmeinende Menschen vorsetzen. Und von Romeo, einem der letzten Sehuencas-Frösche, hat man schon lange nichts mehr gehört. Wie schön, dass Ingenieure im Dezember 2020 eine Maschine präsentiert haben, die seltene Tiere vermehrt oder sogar ausgestorben Lebewesen auferstehen lässt.

Schon bald wanderten wieder Mammutherden durch die Tundra, pflügten den Boden um und machten ihn fruchtbar. Nebenbei bekämpften die wolligen Elefanten die Folgen des Klimawandels: Sie trampelten den Schnee weg, der den Permafrost isoliert, der Boden kühlt ab. Blöd war nur, das manche die Maschine benutzten, etwa um Haastadler zum Leben zu erwecken? Die 18 Kilogramm schweren Raubvögel begannen Menschen zu jagen und ihnen die Knochen brechen. Andere endeten als sie Megalania begegneten, einem sieben Meter langen Riesenwaran, der seine Opfer erst beißt, dann lähmt und schließlich genüsslich verspeist.

Tina Baier

Das Ende der Schlafdiktatur

Ein Zoobesuch ist für Kinder toll und für Eltern manchmal lästig, es hagelt Fragen über Fragen. Warum ist der Elefant so groß und warum müssen Giraffen nur zwei, drei Stündchen am Tag schlafen, wenn man selbst, also das Kind, ganze zehn Stunden ins Bett verbannt wird? Gute Frage, also die letzte, dachte sich Herlinde Dormica, die weltberühmte Schlafforscherin der Universität Groningen beim Zoobesuch mit ihren Kindern, drei und sechs, die abends nie ins Bett wollten, was ein Ärger.

Dormica schaute sich die Giraffen genauer an, genauer gesagt setzte sie die weltweit größte Giraffenschlafstudie in Gang, die im April 2020 eine bahnbrechende Erkenntnis lieferte: Im Schlaf passiert überhaupt gar nichts. Traum- und REM-Phasen sind kurz, das Gehirn kann sich sehr gut auch beim Fernsehen entwickeln und für die Entspannung der Muskulatur braucht es kein langweiliges Rumliegen in Dunkelheit, das geht sehr gut auch im Whirlpool oder auf dem Sofa. In der Studie gelang es, den Mechanismus im Gehirn zu identifizieren, der Giraffen vor dem Einschlafen abhielt. Dormica konnte zeigen, wie man mit leichten Stromstößen, ein Smartphone-Ladekabel reichte hierfür schon aus, das so genannte GABAerge-System des Gehirns auskoppelt und so fit durch den Tag kommen kann. Natürlich geht es nicht ganz ohne Schlaf, aber ein, zwei, drei Stündchen am Tag im Stehen oder sitzen zu ruhen, das ging fortan bequem tagsüber in der U-Bahn oder am Schreibtisch.

Und so stapelten sich nach wenigen Tagen Matratzen in Wertstoffhöfen, wie einst die Röhrenfernseher. Der Mietmarkt in den Großstädten entspannte sich, weil Menschen Platz hatten in ihren Wohnungen. Wo früher Betten ganze Räume verstopften ("Schlafzimmer"), entstanden neue Wohnzimmer, in denen man, man mag es kaum glauben, bei Tageslicht und vollem Bewusstsein zugegen war.

Mit dem Ende der Schlafdiktaur (acht Stunden für mehr Achtsamkeit!) begann auch eine neue Ära der Zufriedenheit. Menschen hatten plötzlich Zeit für Job und Haushalt und Leben. Statt ständig schlafen zu wollen, war nun Zeit, um miteinander zu schlafen. Und wer sich nicht hinlegte, musste auch nicht mehr qualvoll früh aufstehen. Herlinde Dormica wurde mit ihrer Entdeckung zur Millionärin, denn auch die Unternehmen freuten sich, dass Angestellte nie mehr müde wurden. Sie verließ die Wissenschaft, um Elternratgeber zu schreiben. Ihr erstes Buch: "24 Unternehmungen für einen 24 Stundentag mit Kindern".

Felix Hütten

Psychologie Neu, aber bitte nicht zu anders

Psychologie

Neu, aber bitte nicht zu anders

Menschen gieren nach neuen Produkten, Erfahrungen, Zuständen. Gleichzeitig wecken Veränderungen Ängste und Beharrungskräfte - über das höchst ambivalente Verhältnis zum Neuen.   Von Sebastian Herrmann