50 Jahre stummer Frühling Parallelen zu nuklearer Bedrohung

Die Sorge um Vögel verband Carson mit der damals weit verbreiteten, recht neuen Angst vor radioaktivem Niederschlag. Die Atomwaffentests in den 1950er Jahren und der Kalte Krieg hatten in der amerikanischen Bevölkerung die Sorge vor nuklearer Bedrohung geschürt - und damit verbunden vor Krebs. Carson stellte Parallelen her zwischen den unsichtbaren und damit umso unheimlicheren Gefahren, die von Radioaktivität ebenso wie von Pestiziden ausgehen: Chemikalien seien die "unheimlichen und kaum erkannten Helfershelfer der Strahlung". Sie selbst litt während ihrer Arbeit an Silent Spring an Brustkrebs. Nur zwei Jahre nach Erscheinen ihres Bestsellers starb sie im Alter von 57 Jahren.

Die allgegenwärtige Angst vor radioaktiver Strahlung war aber nicht der einzige Umstand, der Carsons Mission zugute kam. Entscheidend war auch, dass die Bürger bereits konkrete Auswirkungen des großzügigen Pestizideinsatzes gespürt hatten: Im Jahr 1959 schockte der sogenannte Cranberry-Skandal die Bürger in Long Island, die ihr traditionelles Thanksgiving-Essen plötzlich ohne die Beeren zubereiten mussten. Sie waren stark mit Pestiziden besprüht und dadurch ungenießbar geworden. In den Südstaaten führte der Chemie-Kampf gegen die Feuerameise dazu, dass es mehrere Jahre lang kein Wild zu kaufen gab. "Dass der Einsatz von Gift gegen Insekten die Nahrung direkt beeinflussen konnte, war ein Schock", sagt Mauch.

In Europa wurden derartige Probleme als rein amerikanisches Phänomen abgetan. "Osteuropäische Politiker sahen in den verheerenden Folgen des Pestizideinsatzes ein Symptom des US-Kapitalismus", sagt Mauch. In den USA wiederum nutzten Carsons Kritiker aus der Chemie-Industrie das gleiche Argument auf umgekehrte Weise. Nachdem sie die Autorin auf fachlicher Ebene kaum angreifen konnten, beschimpften sie Carson unter anderem als kommunistische Agitatorin, die der US-Wirtschaft schaden wolle.

Einen mächtigen Fürsprecher fand Carson jedoch in Präsident John F. Kennedy, der ihre Erkenntnisse prüfen ließ und die Autorin zu einer Anhörung einlud. In den 1970er Jahren mündete dies schließlich im Verbot von DDT in den meisten westlichen Ländern. Für die Industrie dürfte dies jedoch verschmerzbar gewesen sein, denn immer deutlicher zeigten sich nun die langfristigen Probleme des DDT-Einsatzes. Alle möglichen Insekten waren inzwischen resistent gegen das Mittel. Dessen erfolgreichste Phase war daher um 1970 herum ohnehin überschritten.

Vollkommen verschwunden ist das Insektengift bis heute nicht. Die 2004 in Kraft getretene Stockholmer Konvention erlaubt es, DDT zur Bekämpfung krankheitsübertragender Mücken herzustellen und anzuwenden - allerdings nur in geschlossenen Räumen. DDT hat den Vorteil, das es vergleichbar billig ist. Zwar müsse man nicht-chemische Bekämpfungswege wie Moskitonetze fördern, teilt die Weltgesundheitsorganisation mit. Ganz verzichten könne man auf DDT jedoch noch nicht.

Die Diskussion um Vor- und Nachteile des DDT-Verbots griff auch ein Cartoon auf, der 2007 zu Carsons 100. Geburtstag erschien. Er zeigt einen Weißkopfseeadler, "wegen des DDT-Verbots nicht mehr bedroht". Daneben ist eine Mutter mit Baby gezeichnet, ein Malariaopfer. "Noch immer bedroht wegen des DDT-Verbots", steht darunter.