50 Jahre stummer Frühling Kampf gegen Insektengift DDT

Das Ergebnis sind drastische und fundierte Schilderungen, wie sich die Rückstände der Pestizide in Vögeln, deren Eiern, in Fischen und Würmern sammeln - vor allem aber im Menschen, der am Ende der Nahrungskette steht. Immer wieder betonte Carson, dass die aus Flugzeugen versprühten Gifte nicht nur Schädlinge vernichteten, sondern ziellos Leben zerstörten: "Wir töten jetzt auch Vögel, Säugetiere, Fische, ja alle Arten wild lebender Geschöpfe durch chemische Insektizide, die auf ein Stück Land gesprüht werden und wahllos wirken."

Carson konzentrierte sich besonders auf das Mittel Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT - auch aus pragmatischen Gründen, wie Joachim Radkau in seinem Buch "Die Ära der Ökologie" schreibt. Carson habe "ihre Hauptenergie auf ein einziges Ziel gerichtet in der zutreffenden Annahme, dass man am ehesten dann etwas praktisch bewirkt - und das wollte sie."

Zum anderen hatte DDT von allen Pestiziden die steilste Karriere hinter sich. Seine Qualität als Insektenvernichter ließ DDT zur vermeintlichen Wunderwaffe gegen fast jedes unerwünschte Getier aufsteigen. In Teilen der USA versprühten Flugzeuge das Gift, ohne zwischen Äckern, Flüssen und Privatgrundstücken zu unterscheiden. Vor allem auf Mücken und Feuerameisen hatten es die Behörden abgesehen.

DDT galt dabei zunächst als ungefährlich für Menschen und Tiere. Carson aber trug Indizien zusammen, denen zufolge die Substanz wie ein Hormon wirkt und beim Menschen Krebs auslösen kann. Dabei wusste sie sehr genau, wie sie die verheerenden Folgen der DDT-Großeinsätze anschaulich schildern musste, um möglichst viele Menschen zu überzeugen. Fein austariert vereint Silent Spring Erklärungen wissenschaftlicher Zusammenhänge mit pathetischen Warnungen, die Natur zu achten und zu bewahren. "So steht Carson auf der Grenze zwischen jenem Naturschutz, der an geistige Eliten appellierte, und dem auf Massenwirkung angelegten Umweltalarmismus", schreibt Radkau.

Carson musste in ihrem Buch auf niemanden Rücksicht nehmen. Ihren Behördenjob hatte sie aufgegeben, um sich dem Schreiben zu widmen. Drei zum Teil ebenfalls sehr erfolgreichen Büchern über das Leben in den Meeren, die sie in den Jahren zuvor verfasst hatte, verdankte sie finanzielle Unabhängigkeit und die Erfahrung, wie sie Leser fesseln konnte.

Schon in das erste Kapitel von Silent Spring ("Ein Zukunftsmärchen") packt Carson mehrere Anspielungen, die zur Wirkung ihres Buches beigetragen haben. Der Beschreibung einer fiktiven Kleinstadt-Idylle folgt die Katastrophe: "Dann tauchte überall in der Gegend eine seltsame schleichende Seuche auf, und unter ihrem Pesthauch begann sich alles zu verwandeln. (. . .) Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Wohin waren die Vögel verschwunden? (. . .) Es war ein Frühling ohne Stimmen."

Indem sie das Schicksal der Vögel in den Vordergrund stellte, appellierte Carson an jene Menschen, deren Sympathien sie sich gewiss sein konnte: Vogelschützer. Diese hatten sich lange vor anderen Umweltinteressengruppen organisiert. Der heutige Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zum Beispiel wurde schon 1898 als Bund für Vogelschutz gegründet.