70 Jahre Perlon Fallschirm und Damenstrumpf

Auch im Osten müffelt es

Der Stoff wird zum Symbol des Wirtschaftswunders: Dreißig Millionen Strümpfe werden 1951 in Westdeutschland verkauft, das Paar für zehn Mark. 1955 sind es 100 Millionen zum Preis von nur noch drei Mark. Kleider aus Kunststoff, egal ob Strümpfe, Hemden oder Blusen, verkörpern für die Bundesbürger Freiheit und Fortschritt - auch wenn man darin mitunter etwas müffelt.

Im Osten müffelt es nicht weniger, nur unter anderem Namen. Nachdem sich Westdeutschland 1952 das Warenzeichen "Perlon" schützen ließ, braucht die ostdeutsche Kunstfaser ein eigenes Etikett.

Die Wahl fällt, ein deutliches Bekenntnis zur DDR, auf "Dederon". Die Staatsführung feiert den "Faden vollendeter Verlässlichkeit" als Beleg für die Überlegenheit des Sozialismus - getreu der ausgegebenen Losung "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit". Millionen ostdeutscher Frauen tragen Dederon-Kittelschürzen, am liebsten geblümt. Und auch der Dederon-Einkaufsbeutel ist immer dabei.

Anders als Nylon-Entdecker Carothers, der von Depressionen und Alkoholproblemen geplagt 1937 eine tödliche Zyankali-Kapsel schluckt, kann Paul Schlack den Erfolg seiner Erfindung auskosten.

Als er 1987 in Leinfelden-Echterdingen stirbt, haben Nylon und Perlon ihre größte Zeit aber schon hinter sich. Der Markt für Feinstrumpfhosen schrumpft. Neue Kunstfasern, aus denen atmungsaktive und knitterfreie Textilien genäht werden, setzen sich gegen den Mief der Nylon- und Perlon-Ära durch.

Doch noch immer spinnt die chemische Industrie Jahr für Jahr weltweit etwa vier Millionen Tonnen der Kunstfaser - vor allem für Teppichböden. Dass Perlon - historisch gesehen - nur die Nummer zwei war, hat der Faser aus Deutschland dabei nicht geschadet: Verglichen mit Nylon, ist ihr Anteil auf dem Weltmarkt heutzutage fast doppelt so groß.