20 Jahre nach der Ötzi-Entdeckung Eine schöne Leiche

Hatte er blaue oder braune Augen? Trug er eine Wolfsfell- oder eine Bärenmütze? Und wurde er ermordet oder ist er ganz natürlich gestorben, oben auf dem Berg? Ötzi, die bekannteste Mumie der Welt, ist auch 20 Jahre nach seiner Entdeckung ein Glücksfall für die Forschung.

Von Hubert Filser

Draußen in der Gasse vor dem Museum rotieren die Lichter. Feuerwehrautos haben das Gebäude umstellt, ein Fahrzeug mit einer Drehleiter steht unweit des Haupteingangs. Im ersten Stock öffnet sich ein Fenster, eine Edelstahlbahre schiebt sich zwischen den weißen Fensterläden hindurch nach draußen, wo die Feuerwehrmänner sie vorsichtig entgegennehmen und auf dem Korb am oberen Ende der Drehleiter absetzen.

Bei der Gletschermumie Ötzi wird zweifellos die "aufwendigste Totenschau der Geschichte" betrieben. Um die Labor-Untersuchungen zu proben, wurde sogar eine Ötzi-Kopie aus der Leiche eines anonymen Körperspenders hergestellt.

(Foto: AFP)

Flammen sind nirgendwo zu sehen, eher Kamerateams, die die nächtliche Übung der Bozner Feuerwehr begleiten. Doch auch die wären nicht so zahlreich gekommen, läge dort oben auf der Stahlbahre nicht eine der berühmtesten Persönlichkeiten Bozens, die Mumie Ötzi.

Man will sich nicht vorstellen, was wirklich passieren würde mit dem Mann aus dem Eis, wenn er von einem Feuer im Museum bedroht wäre. Ob ihn die Feuerwehrleute so behutsam auf eine Trage legen könnten, ob sie sich für die wenigen Meter aus seiner Kühlkammer im ersten Stock bis zur rettenden Fensteröffnung mehrere Minuten Zeit lassen dürften, ob sie sich sterile Handschuhe anziehen würden, bevor sie behutsam die bizarr verdrehten Arme und die von ledriger Haut überzogenen Beine anfassen?

So etwas wie eine Wiederauferstehung

Die geprobte Rettung der Mumie ist als Film im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zu sehen, wo sich derzeit eine Jubiläumsausstellung über vier Etagen ausschließlich dem Mann aus dem Eis widmet. Anlass ist Ötzis Entdeckung am 19. September 1991, also vor 20 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 5300 Jahre in seiner natürlichen Klimakammer im Ötztal auf 3200 Metern Höhe gelegen, knapp hundert Meter südlich der Grenze zwischen Österreich und Italien.

Nur eine Laune der Natur, ein Sturm, der im März 1991 ockerfarbenen Sand von der Sahara in die Alpen trug, und das zufällige Vorbeikommen zweier deutscher Wanderer an der Fundstelle - rückten ihn so jäh in den Blick der Weltöffentlichkeit. Der Sand hatte sich den Sommer über aufgewärmt und das Eis in Rekordgeschwindigkeit weggeschmolzen. In Tirol kamen so sechs Leichen ans Tageslicht, als Letzter, oben auf dem Tisenjoch, Ötzi. Es war so etwas wie eine Wiederauferstehung.

Mittlerweile strömen 230.000 Besucher pro Jahr in den eigens gestalteten Bau im Zentrum von Bozen. An manchen Tagen reicht die Schlange vor dem Eingang des Museums bis zum Brunnen ums Eck. Von einem Plakat blickt eine Nachbildung des Iceman mit Fellmütze, Fellkleidung und Jagdbogen scheinbar belustigt auf das Treiben.

Ötzi selbst liegt im ersten Stock in einer eigens für ihn konstruierten Kühlzelle. Zu sehen ist er nur von einem apsisähnlichen, abgetrennten Bereich, versteckt hinter einer kleinen quadratischen, von dickem Glas verschlossenen Öffnung, geschützt vor UV- und Infrarot-Strahlen. Hier ist Ötzi auf einer Edelstahl-Präzisionswaage gebettet, im Dämmerlicht schimmert seine eisgekühlte Haut. Die Stimmung im abgedunkelten Raum davor ist gespannt, weihevoll, nur manchmal erlaubt sich einer in der langen Warteschlange vor dem Ötzi-Guckloch einen kleinen Steinzeitscherz oder gibt das neueste Ötzi-Wissen zum Besten.

Nur häppchenweise neue Infos

Diese neuesten Erkenntnisse rund um die Mumie sind immer ein gutes Gesprächsthema, zumal es auch unter den Forschern offenbar von Anfang an die unausgesprochene Abmachung gab, zu Ötzi immer nur häppchenweise Neues zu veröffentlichen. Zum Beispiel Details wie jenes, dass seine engen Hosen aus feinem Ziegenleder gearbeitet sind, der Gürtel aus Kalbsleder, dass sein Mantel im Streifenlook abwechselnd aus hellem und dunklem Ziegenleder genäht ist, seine Schuhe aus zwei Lagen Fell (Hirsch und Bär) und einer Schicht geflochtenem Stroh gefertigt wurden, dazu trägt er eine Wolfsfellmütze - das ist neuester Kenntnisstand. Frühere Untersuchungen hatten Bärenfell als Mützenmaterial ausgemacht.

Ötzi war wohl ein einflussreicher Mann seiner Zeit, das zeigt neben der aufwendigen Kleidung auch das mitgeführte Kupferbeil - das älteste erhaltene Exemplar weltweit übrigens. Der Mann aus dem Eis ist für die Forschung ein Glücksfall - seine Untersuchung die aufwendigste und "teuerste Totenschau der Geschichte", urteilt die Zeitschrift National Geographic - ein Hauptsponsor der Ausstellung.

Auch sein Genom ist im vergangenen Jahr sequenziert worden, ein Ergebnis war: Ötzi hatte nicht, wie ihn ausnahmslos alle Darstellungen bis dahin zeigten, blaue, sondern braune Augen. Maskenbildner weltweit mussten mal wieder umarbeiten. Zuletzt ist Ötzis Mageninhalt bestimmt worden. Der etwa 45-Jährige hat nicht, wie bislang angenommen, noch etwas Getreidebrei im Tal verspeist und war dann fluchtartig in Richtung Passhöhe aufgebrochen, verfolgt von seinen Jägern. Sein letztes Mahl hat er wohl ruhig eine halbe Stunde vor seinem Tod oben am Berg zu sich genommen. Die Mordtheorien müssen allesamt umgeschrieben werden. Aber das ist das Publikum ja gewohnt seit nunmehr 20 Jahren Ötzi-Forschung.