ISS - Forschung und Kosten:Das Weltall hilft

Lesezeit: 6 min

Hier hilft das Weltall: Ohne die störende Gravitation lässt sich sehr genau beobachten, welche Prozesse beim Erstarren ablaufen und unter welchen Bedingungen belastbare Kornstrukturen entstehen. "Uns interessiert, was physikalisch hinter diesen Vorgängen steckt. Daraus wollen wir Erkenntnisse für einen optimalen Herstellungsprozess gewinnen", sagte Robert Guntlin.

Zu den Materialien, die von der ISS-Forschung profitieren sollen, gehört auch eine besonders widerstandsfähige Titan-Aluminium-Legierung für die Turbinenschaufeln von Jettriebwerken. Die neuartigen Komponenten sind 50 Prozent leichter als herkömmliche Schaufeln auf Nickel-Basis. Sie verbrauchen weniger Treibstoff und produzieren weniger Emissionen. Geht es nach Guntlin, sollen die Bauteile aus der Weltraumforschung millionenfach produziert werden - ganz konventionell auf der Erde.

An handfeste Anwendungen hatte Gregor Morfill, Astrophysiker am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching, nicht gedacht, als er 2001 seine Plasmaexperimente auf der ISS startete. Normalerweise sind Plasmen extrem heiße Gase, deren Bestandteile sich in Elektronen und positiv geladene Ionen getrennt haben. Für seine Grundlagenforschung im All benötigte Morfill allerdings kaltes Plasma - ein verdünntes Gemisch aus neutralen sowie geladenen Atomen und Molekülen, das bei Raumtemperatur erzeugt werden kann.

Der Stoff, mit dem Turbulenzen und Kristalle in der Schwerelosigkeit untersucht werden sollten, zeigt auf Erden überraschende Eigenschaften: Er desinfiziert Wunden und tötet Bakterien - darunter auch gefährliche Krankenhauskeime, die gegen Antibiotika resistent geworden sind. "Wir können Hygiene auf Knopfdruck liefern, ohne Chemie, ohne Rückstände, ohne Nebenwirkungen oder Hautirritationen", schwärmte Morfill.

Inzwischen ist die kalte Plasmatechnik so weit fortgeschritten, dass sie, wie Max-Planck-Forscher in Berlin zeigten, sogar in tragbare Desinfektionsgeräte eingebaut werden kann. Es ist ein klassisches Abfallprodukt aus der Weltraumforschung. Zufällig und unkalkulierbar.

Für Volker Schmid, Leiter der ISS-Fachgruppe beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn, macht das die Stärke der Forschung im All aus. "Da die wissenschaftliche Erwartung ursprünglich eine ganz andere war, ist das Ergebnis umso faszinierender", sagte er. Der Raumfahrtmanager plädiert dafür, ergebnisoffen zu forschen und der Wissenschaft, besonders im All, Zeit zu geben. "In den wenigsten Fällen sind Anwendungen zu Beginn der Experimente absehbar", so Schmid. "Deshalb ist es so wichtig, dass wir ohne Dogmen an Fragestellungen herangehen, dass wir neugierig sind, forschen, messen, schauen und dann Ergebnisse diskutieren."

Die Industrie sieht das offensichtlich anders. Seit Jahren werben die Raumfahrtagenturen um kommerzielle Auftragsforschung auf ihrer teuren Station, die Resonanz fällt dennoch bescheiden aus. "Es gibt erste zarte Pflänzchen, die gehegt und gepflegt werden wollen, aber das braucht noch Zeit", sagte Schmid. Was fehlt, ist ein Vorzeigeexperiment und ein messbarer Gegenwert für die Industrie. Vor allem mangelt es an Zeit: "Derzeit vergeht meist über ein Jahr, bis Experimente auf der ISS verwirklicht werden können", sagt Esa-Manager Zell. "Für die schnelllebigen Produkte und Prozesse der Industrie ist das zu lang."

Dabei wäre Auftragsforschung für die Europäer so wichtig: Die Esa will ihre Ausgaben für die Raumstation (derzeit knapp 300 Millionen Euro pro Jahr) in nächster Zeit um 30 Prozent drücken. Auf der Ausgabenseite ist das Einsparpotenzial so gut wie ausgeschöpft, was fehlt sind Einnahmen - zum Beispiel durch zahlende Experimentatoren.

Wenn überhaupt, beteiligt sich die Industrie lieber als Juniorpartner an öffentlich geförderten Projekten. So präsentierte der Lebensmittelkonzern Nestlé in Berlin Erkenntnisse zur Physik von Schäumen, die mit Universitäten und dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam gewonnen worden sind.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB