Israels Nuklearanlage in der Negev-Wüste Reaktor als Zielscheibe

Das "Negev Nuclear Research Center" (NNRC) in der südlichen Negev-Wüste

(Foto: AFP)

In der Nähe des einzigen israelischen Kernreaktors sind Raketen eingeschlagen. Über die abgeschottete Anlage in der Negev-Wüste ist nur sehr wenig bekannt. Wie gefährlich wäre ein Zufallstreffer?

Von Robert Gast

Es ist eine Meldung, die großen Schrecken verbreitet: Die Hamas habe den israelischen Nuklearkomplex bei Dimona mit Raketen beschossen, melden Nachrichtenagenturen. Die Information stammt von der israelischen Armee. Drei Raketen sollen Extremisten aus dem Gaza-Streifen demnach auf die Kleinstadt Dimona im Süden Israels abgefeuert haben, das Ziel soll die Atomanlage in der Region gewesen sein. Mindestens eine Rakete wurde den Berichten zufolge vom Abwehrsystem Eisenkuppel in der Luft abgefangen. Ist Israel also nur knapp an einem Super-GAU vorbeigeschrammt? Oder droht dieser, wenn die Hamas weiter in Richtung Dimona feuert?

Fest steht, dass nicht zum ersten Mal über Raketen in Dimona berichtet wird. Im zwei Jahre zurückliegenden Konflikt zwischen Hamas und Israel gab es entsprechende Meldungen, und auch Saddam Husseins Streitkräfte sollen den israelischen Reaktor während des Irakkriegs beschossen haben. Seit den späten Fünfzigerjahren steht das Negev Nuclear Research Center im Wüstensand, ein Dutzend Kilometer außerhalb der 30 000-Einwohner-Stadt Dimona. Gebaut wurde der Atomkomplex angeblich mit französischer Unterstützung.

1986 enthüllte der Kerntechniker Mordechai Vanunu Dimona als Zentrum des bis dahin geheimen israelischen Atomwaffenprogramms. Angereichertes Plutonium für bis zu zehn Sprengköpfe könnte dort heute jährlich erzeugt werden, schätzt die Webseite globalsecurity.org. Offenbar wurde der kleine Reaktor über die Jahre mehrfach ausgebaut, heute soll er 150 Megawatt Leistung produzieren. Das ist etwa ein Zehntel der Stärke eines deutschen Meilers. Bis heute ist sehr wenig über die Anlage bekannt. Fotos zeigen eine silbrig glänzende Kuppel im Zentrum mehrerer Gebäude. Ein großer Teil der Anlage soll sich unter der Erde befinden. Rund um den Meiler herum ist offenbar der Luftraum gesperrt.

Medienberichten zufolge schoss die Hamas mit Raketen vom Typ M-75 auf den Atomkomplex. Diese können etwa 75 Kilometer weit fliegen und damit große Teile Israels erreichen. Allerdings verfügen sie nur über eine Genauigkeit von drei Kilometern, schätzt die Rüstungswebsite Army Recognition. Auch Raketen vom Typ M-302, die die Hamas erstmals in diesem Konflikt einsetzen soll, treffen maximal auf einen Kilometer genau ihr Ziel. Dass eine der Raketen die mutmaßlich 20 Meter hohe Reaktorkuppel direkt trifft, ist damit sehr unwahrscheinlich.

Eine radioaktive Wolke könnte auch Ballungszentren erreichen

Wie gefährlich wäre ein Glückstreffer der Hamas? Das hängt zunächst davon ab, ob sich unter der Kuppel tatsächlich ein Reaktor befindet - denkbar ist, dass dieser längst in den unterirdischen Teil der Anlage verlegt wurde. Sollte der Reaktor überirdisch sein, kommt es auf die Dicke der Kuppel und die Sprengkraft des Geschosses an. Die neuesten Reaktoren in Europa sind nach SZ-Informationen von eineinhalb Meter dickem Stahlbeton umgeben. Es ist gut möglich, dass eine Rakete diesen Schutz durchschlagen würde. Es sei denn, Israel schützt den für sein Atomwaffenprogramm essentiellen Reaktor mit einer noch dickeren Hülle.

Wahrscheinlich ist allerdings, dass der Reaktor derzeit gar nicht läuft. Der Forschungsreaktor werde nur phasenweise betrieben, stets nach ausführlichen Tests, schreibt die Israelische Atomkommission IAEC. Als sich 2012 der Atomstreit mit dem Iran zuspitzte, entschied die IAEC, den Reaktor im Falle einer Eskalation sofort herunterzufahren, meldete die Zeitung Haaretz.

Experten gehen davon aus, dass es sich beim Reaktor in Dimona um einen sogenannten Schwerwasserreaktor handelt. Laut IAEA gehören etwa 50 der 435 Atomreaktoren weltweit zu dieser Klasse. Sie sind für Nationen interessant, die möglichst unbemerkt Atomsprengköpfe bauen wollen. Denn mit Schwerwasserreaktoren kann man direkt aus Natururan waffenfähiges Plutonium gewinnen, man braucht keine Anreicherungsanlage. Schwerwasserreaktoren gelten als etwas weniger GAU-gefährdet als die in vielen Ländern üblichen Leichtwasserreaktoren. Die Kettenreaktion in den Brennstäben kommt sofort zum Erliegen, wenn normales Wasser in den Reaktor gekippt wird.

Wird ein Reaktor abgeschaltet, glühen die hunderte Grad heißen Brennstäbe gemächlich ab. Damit wird eine unkontrollierbare Kettenreaktion, wie sie etwa dem Katastrophenreaktor von Tschernobyl zum Verhängnis wurde, schnell unmöglich. Geringe Schäden an der Kuppel ließen sich einige Tage nach dem Herunterfahren womöglich bewältigen, ohne dass es zu einem Super-GAU kommt. Würde eine Rakete allerdings die komplette Kuppel zerstören, könnte es im ungünstigsten Fall auch Wochen nach dem Abschalten noch zu einer Katastrophe kommen. Dann würde vor allem radioaktives Cäsium in die Luft gelangen und könnte weite Strecken zurücklegen. Das radioaktive Spaltprodukt entsteht selbst dann noch, wenn keine Kettenreaktionen in den Brennstäben mehr stattfinden. Und es hat anders als radioaktives Jod eine sehr lange Halbwertszeit. Uran und Plutonium hingegen sind schwerer als Luft und könnten allenfalls durch eine Explosion aus dem Reaktor geschleudert werden.

Die rüstungskritische Webseite armscontrol.org hat 2008 den "worst case" simuliert: Würde jemand einen gezielten Luftschlag auf den Atomkomplex verüben und die komplette Kuppel zerstören, könnte die radioaktive Wolke Ballungszentren in Israel erreichen und dort bis zu tausend zusätzliche Krebsfälle verursachen. Insgesamt würde aber, da in Dimona vermutlich nur ein kleiner Reaktor steht, deutlich weniger radioaktives Material frei als in Tschernobyl. Die Rüstungskritiker geben zu bedenken, dass der Fallout es bis zur Mittelmeerküste schaffen könnte - und damit auch Opfer im Gaza-Streifen fordern würde.

Vielleicht liegt der Zweck der Raketen in Richtung Dimona weniger darin, physischen Schaden anzurichten. Vermutlich sollen sie vor allem Angst und Schrecken verbreiten. Die Meldung vom vermeintlichen AKW-Beschuss stammt von der israelischen Armee. Ihr könnte wiederum daran gelegen sein, den Gegner zu dämonisieren. Mit einer Meldung, die suggeriert, die Hamas wolle eine Nuklearkatastrophe auslösen, gelingt das ziemlich gut.