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Covid-Impfung:Israel untersucht Fälle von Herzmuskelentzündungen nach Biontech-Impfung

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Fünf Millionen Impfungen sind in Israel bereits verabreicht worden.

(Foto: JACK GUEZ/AFP)

In Israel sind einem Bericht zufolge mehrere Dutzend Menschen nach der Impfung mit dem Biontech-Vakzin an einer Myokarditis erkrankt. Das Gesundheitsministerium prüft, ob ein direkter Zusammenhang vorliegt. Betroffen waren vor allem junge Männer.

Von Christina Berndt

Meldungen über mögliche seltene, aber ernste Nebenwirkungen gibt es jetzt auch zum Corona-Impfstoff von Biontech: Das israelische Gesundheitsministerium untersucht Fälle von Herzmuskelentzündungen, die nach Impfungen mit dem Vakzin aufgetreten waren. Einer vorläufigen Studie zufolge geht es um "Dutzende von Fällen" angesichts von fünf Millionen Impfungen, die in dem Land mit seinen 9,3 Millionen Einwohnern bislang verabreicht wurden.

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Die Fälle von Herzmuskelentzündung, in der Fachsprache Myokarditis genannt, seien hauptsächlich nach der zweiten Impfdosis aufgetreten, sagte der israelische Koordinator für die Pandemiebekämpfung, Nachman Ash, am Freitag dem isarelischen Fernsehsender Channel 12. Noch sei aber unklar, ob die Anzahl der Personen mit einer solchen Myokarditis ungewöhnlich hoch sei. Somit sei noch offen, ob ein ursächlicher Zusammenhang besteht.

Pfizer erklärte auf Nachfrage der Nachrichtenagentur Reuters, der Konzern sei sich "der israelischen Beobachtungen der Erkrankung bewusst". Das Unternehmen selbst habe in seinen Studien aber keine höhere Myokarditis-Rate beobachtet, auch aus anderen Teilen der Welt sei diese bislang nicht berichtet worden. "Es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass Myokarditis ein Risiko im Zusammenhang mit der Anwendung des Covid-19-Impfstoffs von Pfizer/Biontech darstellt", so die Firma.

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Der Bericht der Expertenrunde wurde an die Medien durchgestochen

Der israelische Bericht, der an die Medien im Land durchgestochen wurde, wird allerdings deutlicher: "Es ist wahrscheinlich, dass das Auftreten einer Myokarditis mit der Impfung zusammenhängt (vor allem mit der zweiten Dosis)", heißt es laut Jerusalem Post darin - auch wenn die Befunde noch vorläufig seien und näher untersucht werden müssten. "Zum jetzigen Zeitpunkt besteht der Eindruck einer höheren Zahl von Herzmuskelentzündungen als erwartet, vor allem für die Altersgruppe bis 30 Jahre", schreiben die Forscher. Für die gesamte Bevölkerung könnte das Risiko demnach 1:100 000 betragen, für junge Männer aber könnte es bei 1:20 000 liegen.

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Dem Dokument zufolge waren 55 der 62 Betroffenen Männer zwischen 18 und 30 Jahren. 56 dieser Fälle seien nach der zweiten Dosis aufgetreten. Die meisten Patienten seien mittlerweile in gutem Zustand aus dem Krankenhaus entlassen worden. Eine 22-jährige Frau und ein 35-jähriger Mann seien allerdings verstorben. Sie hatten offenbar keine Vorerkrankung.

"Man kann sich eine Verknüpfung vorstellen"

Die Impfung als Ursache der Herzmuskelentzündung sei durchaus möglich, sagte Christine Falk, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Professorin an der Medizinischen Hochschule Hannover, der SZ: "Man kann sich eine Verknüpfung vorstellen." Herzmuskelentzündungen treten nach verschiedenen Virusinfektionen auf, aber auch durch Autoimmunreaktionen. Eine entgleiste Immunreaktion könne somit dazu führen, dass es zu entzündlichen Prozessen im Herzmuskel und den umgebenden Geweben und Blutgefäßen kommt.

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Das sieht auch Steffen Massberg so, der Direktor der Kardiologie am Universitätsklinikum München. Er betont, dass auch die Covid-Erkrankung selbst zu Herzmuskelentzündungen führen kann. Die Symptome einer Myokarditis, die stets junge Männer bevorzugt trifft, sind oft schwer zu erkennen, was eine schnelle Diagnose erschwert. Unbehandelt könne die Entzündung zu Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen führen, selten kommt es auch zum plötzlichen Herztod. "In den meisten Fällen aber heilt die Entzündung folgenlos aus", sagt Massberg. Ärzte können zudem Medikamente in niedriger Dosis geben, um das Herz zu schonen, und den Herzrhythmus überwachen. So ließen sich Komplikationen abwenden.

Im aktuellen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts, das die Sicherheit von Impfstoffen überwacht, finden sich für Deutschland noch keine gemeldeten Verdachtsfälle von Myokarditis im Zusammenhang mit einer Impfung gegen Covid-19. Allerdings wurden hierzulande bislang auch nur wenige Männer unter 30 Jahren geimpft.

Die positiven Auswirkungen der Biontech-Impfungen werden derweil immer deutlicher: In Israel ist die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 mittlerweile auf ein Minimum gefallen. Während das Land im Januar noch eine Inzidenz von etwa 600 Neuansteckungen pro 100 000 Einwohner pro Woche hatte, lag diese zuletzt nur noch bei 11.

© SZ