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Interview zur Bürgerbeteiligung:"Eine unsichtbare Energiewende gibt es nicht"

Praterkraftwerk in München

Praterkraftwerk in München

(Foto: Green City Energy)

Dezentral und bürgernah - nur so wird die Energiewende zum Erfolg, meint Jens Mühlhaus vom Energiedienstleister Green City Energy. Ein Interview über grünen Strom, Seehofers Abneigung gegen Windräder und die Fotovoltaik-Guerilla.

Nur ein Trafohäuschen steht zwischen den Bäumen, die das Isarufer säumen, hier zwischen Maximiliansbrücke und Friedensengel im Münchner Stadtzentrum. Mehr ist nicht zu sehen. Dabei ist das "Praterkraftwerk", benannt nach der "Praterinsel" - einem mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen Biotop mitten im Fluss - eine Attraktion. Und ein Zeichen dafür, dass es die Münchener ernst meinen mit der Energiewende. Um das Kraftwerk zu besichtigen, müssen wir über eine steile Treppe einen Schacht hinabsteigen, der 25 Meter tief unter das Bett der Isar führt. Hier dreht sich mit ohrenbetäubendem Lärm eine Kaplan-Turbine, angetrieben vom Flusswasser. Pro Jahr erzeugt sie etwa zehn Millionen Kilowattstunden Strom, was dem Verbrauch von 4000 Durchschnittshaushalten entspricht.

natur: So sieht sie also aus, die "Energiewende von unten"...

Mühlhaus: (lacht) Das kann man so sehen. Leider ist es nicht immer so, dass die Energiewende einfach unter der Erde verschwindet. Das wäre natürlich schön. Geht aber nur in Ausnahmefällen.

Über die Widerstände gegen Windräder und Solarparks werden wir später noch sprechen müssen. Wie funktioniert denn dieses Untertage-Kraftwerk?

150 Meter oberhalb des unterirdischen Turbinenhauses leiten wir einen Teil des Isarwassers in einen Druckstollen. Der Einlauf an der Maximiliansbrücke ist kaum zu sehen, weil er unter dem Wasserspiegel liegt. Auf seinem Weg durch den Stollen unterm Flussbett fällt das Wasser rund neun Meter tief. Dieses Gefälle reicht, um eine 2,5-Megawatt-Turbine anzutreiben. Das entspricht einer modernen Windkraftanlage. Wenn das Aggregat unter Volllast läuft, ist es hier unten sehr warm. Pfützen und Schwitzwasser sehen Sie dann nicht. Die sind verdampft. Und alles vibriert. Ein wenig. Die Spannung ist richtig zu spüren.

Wie viel wird momentan ins Netz gespeist?

Hier auf der Anzeige können Sie es ablesen. Rund 300 Kilowatt. Das ist nicht besonders viel, weil die Isar aktuell wenig Wasser führt. Es hat ja lange nicht mehr richtig geregnet. Und in den Bergen liegt auch kein Schnee, der schmelzen könnte. Aber damit können immer noch etwa 200 Haushalte kochen.

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  • natur Cover 03/2014 natur 03/2014

    Der Text stammt aus der März-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 3/2014 auf natur.de...

War es schwierig, inmitten einer Millionenstadt und ausgerechnet am streng geschützten Isarufer ein Kraftwerk zu bauen?

Natürlich war es nicht einfach, dieses ja nicht gerade kleine Projekt mit dem Gewässerschutz und dem historisch gewachsenen Stadtbild in Einklang zu bringen. Schließlich hängen die Münchener an ihrem Fluss und stehen jedem Eingriff erst einmal skeptisch gegenüber.

Wie haben Sie die Skeptiker überzeugt?

Wir haben die Bürger von Anfang an mit an Bord geholt. Wir haben sie von unserem mutigen Konzept überzeugt und auch finanziell beteiligt. Über den "Kraftwerkspark I" konnten interessierte Bürger in die Anlage investieren. Betrieben wird sie übrigens von den Münchener Stadtwerken, die beschlossen haben, bis 2025 aus München die erste Millionenstadt der Welt zu machen, die nur mit Ökostrom aus eigenen Anlagen beliefert wird.

Jens Mühlhaus, Vorstand von Green City Energy

Jens Mühlhaus, Vorstand von Green City Energy

(Foto: Green City Energy)

Und Sie meinen, auf diese Art kann man im ganzen Land mit seinen Strom fressenden Großstädten und Industriebetrieben die Energiewende stemmen?

Das Praterkraftwerk ist ein Paradebeispiel dafür, wie die dezentrale Energiewende in Bürgerhand funktionieren kann. Was viele nicht wissen: Die Bürger in Deutschland sind ja schon heute die eigentlichen Träger dieses Prozesses. Etwa die Hälfte der installierten Leistung aus Erneuerbaren Energien stammt von Anlagen, die Privatpersonen. gehören, wie Solaranlagen auf dem eigenen Hausdach oder Biogasanlagen. Viele besitzen auch Anteile an Energiegenossenschaften oder haben in Windkraftfonds investiert. Mehr als 56 000 Gigawattstunden Strom wurden 2012 in Erneuerbare-Energie- Anlagen erzeugt, die den Bürgern gehören. Das sind 43 Prozent des produzierten Ökostroms und immerhin zehn Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs.

Und die Energiekonzerne?

Etablierte Energieversorger, dazu zählen auch Stadtwerke, besitzen gerade mal einen Anteil von zwölf Prozent der regenerativen Energieanlagen. Die vier großen Konzerne E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW kommen zusammen sogar nur auf 6,5 Prozent. Da stellt sich natürlich die Frage, ob ihr "Ja" zur Ökoenergie nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.

"Eine zu 100 Prozent erneuerbare Versorgung ist möglich"

Kleinwasserkraftanlage in St. Genix von Green City Energy

Kleinwasserkraftanlage in St. Genix von Green City Energy

(Foto: Green City Energy)

Kommt denn so am Ende genug Energie zusammen, um ein Industrieland wie Deutschland sicher und klimafreundlich mit Strom und Wärme zu versorgen?

In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme in Freiburg heißt es klipp und klar: Eine zu 100 Prozent erneuerbare Versorgung Deutschlands ist möglich - ohne jeden Import, nur aus eigenen Quellen. Und zwar aus dezentralen Anlagen und inklusive Heizung und Mobilität. Dafür brauchen wir allerdings noch viele neue Solaranlagen und Windkraftwerke. Die installierte Leistung aus Windkraft etwa müsste verfünffacht werden. Am Ende würden 80 bis 90 Prozent der Energie in kleinen Strukturen erzeugt, der Rest in Großstrukturen wie Offshore-Windparks und Geothermiekraftwerken. Dafür braucht es nach wie vor auch die Finanzkraft großer Unternehmen. Ganz arbeitslos werden die Konzerne also vermutlich nicht.

Was haben Sie eigentlich gegen die Energieriesen?

Große Konzerne denken und agieren in großen Strukturen. Sie haben kein Interesse an vielen kleinen Anlagen, die viel Arbeit machen, aber im Vergleich zu Atom- oder Kohlekraftwerken wenig Gewinn abwerfen. Die kleinteilige Welt von Windrädern, Solarkollektoren und Biogasanlagen passt nicht in ihr Geschäft.

Aber man kann sich doch als einfacher Bürger auch an einem Energiekonzern beteiligen, etwa indem man Aktien kauft.

Im Prinzip schon. Doch Kleinaktionäre haben nichts zu melden. Meist bestimmen institutionelle Investoren die Geschäftspolitik. Außerdem macht es schon einen Unterschied, wenn ich über einen Solarfonds oder eine Genossenschaft selbst an einem Ökokraftwerk vor meiner Haustür beteiligt bin: Ich bekomme dann nicht nur eine in Euro und Cent messbare Rendite, sondern bin aktiver Unterstützer und damit Teil der Energiewende. Das trägt wesentlich zur Akzeptanz von Ökokraftwerken bei. Die Bürger sehen dann, dass sie sich nicht nur mit den Nachteilen der Energieerzeugung herumschlagen müssen, sondern auch etwas davon haben. Vom Klimaschutz, der allen nutzt, ganz abgesehen.

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    Der Text stammt aus der März-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 3/2014 auf natur.de...

Immer mehr Bürger gehen mittlerweile zur Eigenversorgung über...

Das ist in der Tat schon ein Selbstläufer. Die Leute kaufen sich eine Fotovoltaikanlage, montieren sie aufs Dach oder schrauben sie ans Balkongeländer, und los geht's. Diese "Guerilla-Fotovoltaik" ist nicht mehr aufzuhalten. Ich glaube, die Konzerne haben am meisten Angst vor der solaren Eigenproduktion, weil jede selbst produzierte Kilowattstunde nicht mehr aus dem Netz bezogen werden muss. Dadurch wird das Geschäft der Konzerne fundamental in Frage gestellt.

Aber wenn die Sonne nicht scheint, zapfen die Selbstversorger doch wieder den Strom aus der Steckdose...

...darüber wird bei der Reform des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) zu reden sein. Also über die Frage, wie Eigenversorger an den Netzkosten angemessen beteiligt werden können, welche Kraftwerke im Hintergrund für den Fall der Fälle noch bereitstehen müssen und wer das bezahlt. Umgekehrt darf es nicht sein, dass ein sinkender Börsenpreis dazu führt, dass die EEG-Umlage, die alle Stromkunden zahlen, immer weiter steigt. Dieser Konstruktionsfehler des EEG muss behoben werden. Schließlich sollten regionale Tarifzonen für Windstrom eingeführt werden. Windräder an der Küste genauso zu fördern wie im Binnenland, hat keinen Sinn

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer will offenbar gar keine neuen Windkraftwerke mehr in Bayern. Er will, dass künftig der gesetzliche Mindestabstand zwischen Siedlungen und Windrädern nicht mehr 800, sondern 2000 Meter beträgt. Damit könnte fast keine der bereits geplanten Anlagen gebaut werden.

Ich halte es für fraglich, ob die Regelung in dieser Extremform kommen wird. Es ist ja auch absurd: Warum muss ein Windrad zwei Kilometer Abstand zu einem Eigenheim oder einem Bauernhof haben, ein Atomkraftwerk aber nur 800 Meter?

Haben Sie Verständnis dafür, dass immer mehr Bürger eine Verschandelung ihrer Heimat beklagen unter dem Motto: Verspiegelt, verspargelt, vermaist, verdrahtet?

Eine unsichtbare Energiewende gibt es nicht, außer vielleicht hier, bei unserem Praterkraftwerk. Ich glaube, dass sich die Menschen an neue Landschaftsbilder gewöhnen werden. Alle Umfragen zeigen: Die Bürger wollen die dezentrale Energiewende. Und sie wollen auch Windräder, allerdings nicht an jedem Ort. Die Ausweisung von Vorrang- und Ausschlussgebieten für Windkraftnutzung ist ein guter Weg, um Wildwuchs zu verhindern. Dafür gibt es hier in Bayern klare Regeln. Was spricht etwa gegen einen Windpark an einer Autobahn, wo die Landschaft ja schon ästhetisch beeinträchtigt ist? Übrigens kommt eine neue Studie zu dem Ergebnis, dass möglicherweise gar nicht mehr so viele neue Standorte für Windmühlen gebraucht werden, wenn man daran geht, die alten, schwächeren Generatoren konsequent durch neue, leistungsfähigere zu ersetzen.

"Das ewige Hü und Hött muss ein Ende haben"

Was ist in Sachen Energiewende Ihr dringlichster Wunsch an die Große Koalition?

Das Allerwichtigste wäre eine klare und verbindliche Ansage, dass Wind und Solar als künftige Hauptenergieträger im Zentrum der Politik stehen. Und dass nach Atom auch Braun- und Steinkohle Auslaufmodelle sind. Das derzeitige Bekenntnis zur Kohlenutzung im Koalitionsvertrag ist der Kardinalfehler.

Was halten Sie davon, Teile der Kosten der EEG-Umlage über Kredite zu finanzieren, wie dies Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner vorgeschlagen hatte?

Ich bezweifle, dass es ein echtes Kostenproblem überhaupt gibt. Das wurde doch nur herbeigeredet, um die Energiewende zu diskreditieren. Wenn man die Preissteigerungen in anderen Sektoren sieht, etwa bei Lebensmitteln, ist das beim Strom nicht besonders dramatisch. Natürlich muss sich die Politik darum kümmern, wenn einkommensschwache Haushalte Strom und Wärme nicht mehr bezahlen können. Aber die meisten Bürger werden nicht über Gebühr belastet. Wir leben doch in einer wahnsinnig reichen Gesellschaft.

Ist Energie nicht in Wahrheit zu billig? Müssten Strom und Kraftstoffe nicht teurer sein, um Anreize zum Sparen zu geben?

Wenn ich sehe, welche Autos hier in München unterwegs sind, kann man schon mal auf solche Gedanken kommen ...

Wird es überhaupt möglich sein, den verschwenderischen Energieverbrauch beizubehalten, den wir uns in Zeiten des atomaren und fossilen Überflusses angewöhnt haben?

Ganz klar: Nein! Alle Studien und auch der gesunde Menschenverstand sagen uns, dass der Energieverbrauch deutlich gesenkt werden muss. Die größte Baustelle ist der Wärmebedarf der Wohn- und Geschäftsgebäude. Hier müssen wir um die Hälfte runter. Sehr wichtig ist auch der ganze Bereich Mobilität. Warum gibt es immer noch kein Tempolimit auf unseren Autobahnen, so wie im übrigen Europa? Und warum dürfen überhaupt noch Autos mit, sagen wir mal, mehr als 150 PS hergestellt werden?

Also ein bisschen Ökodiktatur wagen?

Bei der Straßenverkehrsordnung, die sehr vieles verbietet und mit Sanktionen belegt, geht das doch auch. Und niemand stellt in Frage, dass hier Regulierung unabdingbar ist.

Und das ist politisch durchsetzbar?

Ich vertraue da auch auf die EU, die bereits das Glühbirnenverbot durchgesetzt hat. Zur Zeit läuft die stille Revolution der ultrasparsamen Leuchtdioden, von denen ich mir sehr große Effizienzsteigerungen erwarte. Effiziente Technik ist aber nur die eine Seite. Wir brauchen auch Verhaltensänderungen der Bürger und einen Lebensstil, der deutlich weniger Energie verbraucht.

Gehen Sie selbst mit gutem Beispiel voran?

Meine Familie besitzt kein Auto, wir leben in einem Niedrigenergiehaus mit einer Solaranlage auf dem Dach, kaufen Bio-Lebensmittel. Und als Vorstand von Green City Energy arbeite ich jeden Tag aktiv dafür, dass sich Deutschland in einigen Jahrzehnten weitgehend klimaneutral und preisgünstig mit Wärme und Strom versorgen kann.

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  • natur Cover 03/2014 natur 03/2014

    Der Text stammt aus der März-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 3/2014 auf natur.de...

Wenn alles glatt läuft. Hat die Insolvenz Ihres Konkurrenten Prokon längerfristige Auswirkungen auf die Energiewende?

Nein, das glaube ich nicht.

Sind die Anleger bei Green City Energy auf der sicheren Seite? Auch Sie versprechen immerhin rund sechs Prozent Rendite.

Natürlich gibt es auch bei uns Fonds, die besser oder schlechter laufen. Wir hatten beispielsweise Probleme mit einem Fonds, über den Biogasanlagen finanziert wurden. Die sollten nicht mit Mais, sondern Grünschnitt gefüttert werden. Leider erwies sich dieses ökologisch sehr ambitionierte Konzept technisch als heikel, weswegen wir die Anlagen aus dem Fonds herausgekauft und die Verluste direkt dem Unternehmen auferlegt haben. Dabei haben Anleger auf Rendite verzichten müssen. Trotzdem haben sie später bei uns wieder in neue Fonds investiert, weil wir immer alles offengelegt und niemanden über den Tisch gezogen haben.

Vertrauen ist gut...

Ich bin nicht gegen mehr Kontrolle etwa der grauen Finanzmärkte, zu denen auch wir zählen. Aber ohne Vertrauen geht es nicht. Das gilt aber auch für die Bundes- und Länderpolitik. Dieses ewige hü und hott, wie es jetzt Ministerpräsident Seehofer wieder vorführt, muss endlich ein Ende haben.

Jens Mühlhaus, geboren 1971 in München, ist Bauingenieur. Er war Mann der ersten Stunde beim Münchner Ökoverein Green City e.V. und maßgeblich an der Gründung der kommerziellen Vereinstochter Green City Energy GmbH beteiligt. 2010 wurde er zum technischen Geschäftsführer des Unternehmens ernannt. Seit der Umwandlung in eine AG fungiert er zusammen mit dem Finanzexperten Frank Wolf als Vorstand. Mühlhaus engagierte sich auch in der Kommunalpolitik. 2002 bis 2008 gehörte er für Bündnis90/Die Grünen dem Münchner Stadtrat an und war verkehrs- und energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion.

© Süddeutsche.de/chrb

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