Interview mit Aubrey de Grey "Altern ist auf jeden Fall ungesund"

Aubrey de Grey: Nein, mit Sicherheit nicht. Religiöse Menschen werfen mir oft vor, ich würde Gott seiner Macht berauben. Das ist Quatsch. Wenn Gott will, kann er jemand mit 80 altersbedingt sterben lassen oder mit 800 durch einen Unfall - erinnern Sie sich an das Klavier! Wir spielen nicht Gott, im Gegenteil. Wir gehorchen Gott durch unsere Arbeit.

SZ: Wie das?

Aubrey de Grey: Altern bedeutet Leiden, und ein Gott wird alles tun, um das Leiden zu minimieren. Daher ist der Kampf gegen das Altern etwas, das Gott uns auftragen sollte.

SZ: Wenn die Menschen ewig leben, dürfen sie keine Kinder mehr bekommen. Andernfalls wird es eng auf der Erde.

Aubrey de Grey: Das Problem der Überbevölkerung wird verdammt schwer zu lösen sein. Es gibt Altersforscher, die machen es sich einfach und sagen: Wandern wir doch ins Weltall aus. Blödsinn! Oder sie verweisen auf die Vergangenheit: Bislang haben die Menschen auf einen Anstieg der Lebenserwartung immer richtig reagiert - indem sie weniger Kinder bekamen.

SZ: Warum nicht auch in Zukunft?

Aubrey de Grey: Weil es einen großen psychologischen Unterschied gibt zwischen einigen Kindern und keinen Kindern. Die große Herausforderung wird sein, die wenigen Unfalltoten durch Kinder zu ersetzen, gleichzeitig aber die Bevölkerungszahl konstant zu halten.

SZ: Und wie soll das erreicht werden?

Aubrey de Grey: Ich weiß es nicht. Die Gesellschaft als Ganzes muss dieses Problem lösen, nicht wir Forscher.

SZ: Machen Sie es sich da nicht zu leicht?

Aubrey de Grey: Nein, die Wissenschaft hat vielmehr zur Pflicht, den Menschen so schnell wie möglich eine derartige Entscheidung zu ermöglichen: Entweder sind den Menschen viele Kinder wichtig, dann müssen sie das Sterben in Kauf nehmen. Oder aber Kinder werden nicht mehr als die große Erfüllung angesehen, weil es einfach mehr Spaß macht, 1000 Jahre zu leben. Wir Forscher haben kein Recht, den Menschen diese Wahlmöglichkeit vorzuenthalten.

SZ: Sie haben noch nie an einem Labortisch gearbeitet. Wie können Sie so sicher sein, dass Ihre sieben Punkte auch umgesetzt werden können?

Aubrey de Grey: Weil ich mit Forschern aus den Labors rede - und das quer durch alle relevanten Fachgebiete. Ich kenne nicht nur deren Arbeit, ich kenne auch die Menschen selbst. Auf meinen Konferenzen bringe ich die weltweit führenden Forscher der einzelnen Disziplinen zusammen, Menschen, die sich sonst nie treffen würden.

SZ: Ihre Kritiker sind dennoch skeptisch. Als gelernter Informatiker, so der Vorwurf, hätten Sie von all dem eh keine Ahnung.

Aubrey de Grey: Das ist infam und beschämend. In der Wissenschaft sollte die Idee zählen - nicht, wer die Idee hat. Und vor fünf, sechs Jahren, als ich noch harmlose Dinge gemacht habe, hat das auch niemand zu mir gesagt.

SZ: Was hat sich seitdem geändert?

Aubrey de Grey: Ich will einen Teil des knappen Forschungsbudgets für meine Arbeiten. Ich rede vom ewigen Leben, was bislang unter Gerontologen tabu war. Ich schlage Dinge vor, die meine Kollegen nicht wirklich verstehen. Doch statt das einzuräumen, müssen sie die Illusion des Allwissenden aufrechterhalten - und sie gehen zu persönlichen Angriffen über.

SZ: Sie reden vom "tausendjährigen Leben", tragen Zopf und Methusalem-Bart, tauchen im Strickpulli auf Konferenzen auf. Macht es Spaß, zu provozieren?

Aubrey de Grey: Es deprimiert mich nicht. Aber eigentlich hätte ich lieber ein ruhiges Leben und eine Arbeit im Hintergrund. Ich mache das alles nur, weil es sein muss. Wissenschaft wird seit jeher von Menschen vorangebracht, die ketzerisch auftreten.

SZ: Wer die Welt verändern möchte, braucht ein gesundes Selbstbewusstsein.

Aubrey de Grey: Wenn ich Geld von Bill Gates für mein Forschungsprojekt will, kann ich ihm nicht schreiben: Lieber Mr. Gates, bitte geben Sie mir doch eine Milliarde Dollar. Wenn ich ihm aber durch mein Auftreten ins Auge falle, dann könnte es sein, dass er eines Tages auf mich zukommt.

SZ: Ist zu viel Aufmerksamkeit für einen seriösen Forscher nicht auch hinderlich?

Aubrey de Grey: Nein, im Gegenteil. Vor einigen Jahren konnten mich meine Kritiker noch ignorieren. Das geht nicht mehr. Zwar sind viele Kollegen sauer über mein Auftreten und meine Präsenz - insgeheim wollen sie aber mehr über meine Arbeit erfahren. Schließlich werden sie nicht jünger.

Aubrey de Grey, 43, ist einer der bedeutendsten, zugleich aber auch umstrittensten Altersforscher. Der gebürtige Londoner arbeitet am Institut für Genetik der Universität Cambridge, wo er für die Pflege seiner Datenbank zuständig ist - sein Wissen rund um die Gerontologie hat sich der gelernte Informatiker im Selbststudium angeeignet. Weltweit Aufmerksamkeit erregte de Grey vor zwei Jahren, als er sieben wissenschaftliche Ansätze vorstellte, mit denen das Altern des Menschen gestoppt werden soll.